Interview: Innovationsranking

Klaus Kinkel: „Zu wenig Raum für Kreativität“

Wäre die Bildung besser, läge Deutschland im internationalen Innovationsvergleich günstiger als auf Rang 6. Dieses Fazit zieht der einstige Außenminister Klaus Kinkel, Vorsitzender Deutsche Telekom Stiftung, aus dem „Innovationsindikator“. Er fordert einen nationalen Bildungsrat.

Klaus Kinkel im Gespräch.

Klaus Kinkel im Gespräch.

Foto: Deutsche Telekom Stiftung

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: Dr. Kinkel, Sie hatten nach Veröffentlichung des Innovationsindikators 2006 gesagt, Bildung müsse „Megathema für Deutschland werden“. Hat sich Entscheidendes getan?

Kinkel: Ja, es rappelt in der Bildungskiste. Es fehlt aber noch der notwendige Orkan. Vieles ist geschehen, allerdings noch viel zu wenig. Das zeigt unser aktueller Innovationsindikator, der Deutschland im Vergleich zu 27 anderen wichtigen Ländern im Bildungsbereich nur auf Platz 17 verweist.

Wenn das deutsche Bildungssystem immer noch gewaltig schwächelt, wo gilt es dann, den Hebel anzusetzen?

Kinkel: Unser Bildungssystem schwächelt von der frühkindlichen Bildung über das Schulwesen bis zu den Hochschulen. So taucht die LMU München als erste deutsche Universität erst auf Platz 48 im angesehensten Universitätsranking der Welt auf. Die Hauptschwächen liegen allerdings im Schulbereich. Einer der Kernhebel für Verbesserungen wäre die Lehreraus- und Lehrerweiterbildung, die von den Universitäten bislang überhaupt nicht ernst genommen werden. Vor allem die MINT-Lehrer-Ausbildung läuft nebenher – und das, obwohl rund 20 000 MINT-Lehrer fehlen. Aber ohne gute Lehrer kann es keine gute Bildung geben, so einfach ist das.

Wenn es eine ausreichend hohe Zahl an MINT-Lehrern gäbe, wäre dann das größte Übel behoben?

Kinkel: Weitere zentrale Schwächen sind die rund 20 verschiedenen Schultypen, die wir in unseren 16 Bundesländern haben und das unsägliche Wirrwarr in den Ausbildungsvorschriften. Das alles sind Auswirkungen des Föderalismus, der im Bildungsbereich ein gewaltiger Hemmschuh ist. Deshalb: Das Kooperationsverbot muss weg und durch ein Kooperationsgebot von Bund, Ländern und Gemeinden ersetzt werden. Und da die Kultusministerkonferenz es nicht packt, die Kernprobleme anzugehen, brauchen wir einen vom Bundespräsidenten ernannten Bildungsrat.

Gilt Ihre Kritik vor allem der Bildung in den MINT-Bereichen?

Kinkel: Ja. Wenn wir da nicht besser werden, sind wir bald keine große Technologienation mehr. Deutschland ist vor allem das Land der Ingenieure, von denen ganz einfach zu viele fehlen.

Zu den Weiterbildungsanbietern gehören auch die Unternehmen. Haben die nicht auch versagt, wenn es um die Fortbildung ihrer Mitarbeiter geht?

Kinkel: In der Tat rügt der Innovationsindikator die mangelnde betriebliche Weiterbildung in Deutschland. Sie ist aber enorm wichtig, wenn es darum geht, innovativ zu bleiben. Gerade in den technologiegetriebenen Branchen gilt es, mit den eigenen Kompetenzen auf der Höhe der Zeit zu bleiben, besser noch: ihr voraus zu sein. Allerdings ist Weiterbildung ein Geben und Nehmen. Das heißt: Die Unternehmen müssen für ihre Beschäftigten mehr tun als bisher, damit wir als große Industrienation auch künftig in der Champions-League spielen. Aber – und das zeigt unsere Studie auch – es gibt auch immer noch zu wenige Arbeitnehmer, die sich ausreichend um die eigene Weiterbildung kümmern.

Wie weit sollte der Einfluss der Wirtschaft auf die schulische Bildung gehen, wie weit auf die universitäre?

Kinkel: Einen direkten Einfluss auf schulische und universitäre Bildung kann die Wirtschaft nicht ausüben. Aber sie kann und muss weiter darauf drängen, dass das Thema Wirtschaft in den Lehrplänen oder im Hochschulbereich einen weit breiteren Niederschlag findet als bisher.

War die Verkürzung der Bildungszeiten in Schule und Hochschule der richtige Weg?

Kinkel: Meines Erachtens nein. Das Bachelor-Master-System ist wohl nicht mehr zu ändern. Glücklich und erfolgreich ist es nicht. Viel von dem, was durch die grundlegenden Systemänderungen erreicht werden sollte, steht noch in den Sternen. Nicht umsonst gibt es den Zusammenschluss der neun Technikuniversitäten. Dazu wäre viel zu sagen.

Arbeitsmarktfachleute wie Franz Lehner vom Institut Arbeit und Technik (IAT) kritisieren den geringen Spielraum, den die Bildung für Kreativität und Selbstständigkeit lässt. Auf diesen Eckpfeilern aber habe früher die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft gestanden. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Kinkel: Ja, was die Fachhochschul- und Hochschulsituation anbelangt und vor allem die Auswirkungen der Bachelor-Master-Regelung bin ich der gleichen Meinung. Alles ist zu verschult, zusammengedrängt, mit zu wenig Raum für kreatives und selbstständiges Denken und Handeln. Das liegt nicht an der Bologna-Reform per se, aber an der Umsetzung an unseren Hochschulen – hier wäre mehr Kreativität wichtig gewesen. 

Von Wolfgang Schmitz

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