Interview 30.07.2026, 09:00 Uhr

„Fragen Sie Ihre Schwiegermutter!“: Warum die ersten 30 Sekunden über Ihren Lebenslauf entscheiden

Die ersten 30 Sekunden entscheiden: So optimieren Sie Ihren Lebenslauf, vermeiden typische Fehler und überzeugen Recruiter mit klaren, relevanten Inhalten.

Bastian Hughes

Karriereexperte Bastian Hughes zeigt beim VDI nachrichten Recruiting Tag, worauf Personalverantwortliche in den ersten 30 Sekunden eines Lebenslaufs achten.

Foto: Witefield GmbH

Die ersten 30 Sekunden entscheiden oft darüber, ob ein Lebenslauf gelesen oder aussortiert wird. Karriereexperte Bastian Hughes erklärt im Interview, warum ein gutes Kurzprofil wichtiger ist als Design, weshalb ChatGPT Bewerber unterstützen kann und warum jeder seinen Lebenslauf einmal der eigenen Schwiegermutter zeigen sollte.

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Karriereexperte Bastian Hughes, Gründer von Berufsoptimierer, Recruiting- und Karrierecoach sowie Host des gleichnamigen Podcasts, kennt Bewerbungsprozesse aus unterschiedlichen Perspektiven. Durch seine Stationen in der Automobilbranche, Unternehmensberatung und Personalvermittlung weiß er, worauf Unternehmen achten – und wie Fachkräfte ihre Kompetenzen besser sichtbar machen.

CV-Check beim Recruiting Tag: Warum Fachwissen allein nicht reicht

Herr Hughes, viele Absolventen und erfahrene Fachkräfte nutzen die VDI nachrichten Recruiting Tage, um ihre Unterlagen prüfen zu lassen. Wie läuft so ein CV-Check vor Ort eigentlich genau ab und was ist das Ziel?

Bastian Hughes: Das Schöne ist, dass alles perfekt organisiert ist. Man kann sich im Vorfeld einen Slot buchen. Ich bin dort zusammen mit einem ganzen Team aus erfahrenen Karriereberaterinnen und -beratern vor Ort. Die Teilnehmenden bringen ihre Unterlagen mit:  entweder ausgedruckt oder digital auf dem Tablet oder Laptop. Und dann schauen wir gemeinsam für etwa zehn Minuten intensiv drauf. Zu VDI nachrichten Recruiting Tagen kommen Menschen, die fachlich extrem gut ausgebildet sind und extrem bewandert in ihren technischen Themen sind.

Die größte Herausforderung liegt meistens darin, wie man dieses Spezialwissen für eine Person im HR-Bereich übersetzt, die selbst keinen technischen Background hat. Und zwar so übersichtlich und überzeugend, dass man zur nächsten Runde eingeladen wird. Es geht also um den echten Mehrwert, der weit über das hinausgeht, was einem ein KI-System als Standard-Feedback ausspuckt.

Warum 30 Sekunden entscheiden: Das Prinzip des Kurzprofils

Was entscheidet in den ersten 30 Sekunden darüber, ob ein Lebenslauf auf dem Stapel „Einladen“ oder „Absage“ landet?

Es geht im ersten Moment um die Beantwortung einer einzigen Frage durch die Personalseite: Kann diese Person den Job: ja oder nein? Es geht noch nicht darum, ob Sie auf ganzer Linie auf Anhieb begeistern, denn dafür sind am Anfang viel zu viele Details im Spiel. Es geht schlicht um die Erfüllung der Kernanforderungen. Deshalb sage ich bei CV-Checks immer, dass das erste Drittel des Dokuments überzeugen muss. Wenn Sie ein Anschreiben nutzen, muss der erste Absatz sitzen. Wenn wir über den Lebenslauf sprechen, muss der obere Teil der ersten Seite sofort die Motivation liefern, überhaupt weiterzulesen.

Bastian Hughes und Alexandra Ilina im Interview
Wie gelingt der überzeugende Lebenslauf? Alexandra Ilina und Karriereexperte Bastian Hughes diskutieren das Thema auch demnächst beim VDI nachrichten Recruiting Tag in München. Foto: Bastian Hughes

Das erinnert mich stark an meinen Beruf als Journalistin. Wenn wir eine Nachricht schreiben, müssen wir das Wichtigste auch nach ganz oben packen. Sonst verliert man die Lesenden sofort.

Genau das ist es, der journalistische Schreibstil! Wenn ich direkt am Anfang die Antwort auf die Kernfrage liefere, treffe ich die Entscheidung für die Sichtung der Bewerbung. Und das beste Werkzeug dafür im Lebenslauf ist ein Kurzprofil. Anstatt direkt mit den Kontaktdaten und der ersten Berufsstation loszulegen, setzt man ein wirkungsvolles Kurzprofil ganz nach oben, also vor die Berufserfahrung.

Dieses Kurzprofil greift die wesentlichen Anforderungen der Stellenausschreibung präzise auf. Wenn die Recruiterin auf Bildschirm 1 die Stellenanzeige hat und auf Bildschirm 2 Ihren Lebenslauf, sieht sie auf einen Blick, dass es passt, die Qualifikation da ist und die Bewerbung weitergeleitet werden kann. Das Kurzprofil ist kein nettes Extra, sondern das zentrale Verkaufsargument.

Die häufigsten Fehler im Lebenslauf

Wenn Sie so viele Unterlagen auf den Tisch bekommen: Welche Fehler sehen Sie am häufigsten und wie vermeidet man sie?

Der erste Fehler ist, den Lebenslauf als reine Chronik des gesamten Lebens zu verstehen. Viele glauben, sie müssten absolut alles dokumentieren, was sie je gemacht haben. Das Ergebnis sind sehr lange Dokumente. Ein guter Lebenslauf ist jedoch keine Lebensdokumentation, sondern eine gezielte Auswahl von Stationen und Kompetenzen, die für die angestrebte Stelle relevant sind.

Der zweite Fehler liegt darin, zu viel Energie in Design und Schnörkel zu stecken. Viele nutzen Design-Tools und bauen bunte Balken, Sterne für Sprachkenntnisse oder Icons ein. Studien zeigen eindeutig, dass Personalverantwortliche schlichte, klassische Layouts bevorzugen, weil sie sich darin am schnellsten zurechtfinden. Solange man sich nicht im Grafikdesign bewirbt, reicht ein sauberes Schwarz-Weiß-Layout völlig aus.

Der dritte Fehler ist, sich von Pauschalregeln verrückt machen zu lassen. Phrasen wie „Ein Lebenslauf darf maximal eine Seite lang sein“ führen dazu, dass Unterlagen unleserlich gequetscht werden. Ob ein CV eine, zwei oder drei Seiten hat, ist zweitrangig, solange das erste Drittel auf Seite 1 den Leser sofort einfängt.

Warum Ergebnisse wichtiger sind als Buzzwords

Wie wichtig sind heute noch klassische Stationen und Abschlüsse im Vergleich zu konkreten Kompetenzen und Projekterfahrungen?

Abschlüsse und klassische Stationen bleiben wichtig, weil sie dem CV Struktur und Orientierung geben. Sie zeigen dem Recruiter den beruflichen Werdegang und den Rahmen der Verantwortung. Wenn man jetzt aber einfach nur eine Liste mit acht losen Schlagworten wie Teamfähigkeit oder Projektmanagement unter ein Profil klatscht, bringt das gar nichts. Das sind austauschbare Buzzwords.

Die Magie entsteht, wenn man Projekterfahrungen mit konkreten Ergebnissen und Kompetenzen verknüpft. Ihre reinen Alltagsaufgaben in einem Projekt sind oft ähnlich wie die von anderen Bewerber*innen. Aber was Sie erreicht haben, also das konkrete Ergebnis, ist nicht austauschbar. Setzen Sie deshalb unter die jeweiligen Berufsstationen kleine Absätze zu Projekterfolgen, in denen Sie kurz erklären, was das Ziel war, welche Methode oder Kompetenz zum Einsatz kam und was das Ergebnis (am besten belegt durch Zahlen oder Prozentwerten) war. Das macht Ihre Leistung greifbar.

Künstliche Intelligenz im Bewerbungsprozess und die „Schwiegermutter-Übung“

Viele Bewerbende nutzen heutzutage KI-Tools wie ChatGPT zur Erstellung ihrer Unterlagen. Erkennen Sie das sofort, wenn Sie Unterlagen vor Ihnen haben, und sehen Sie KI eher als Vorteil oder Nachteil?

Es ist definitiv ein Vorteil, wenn man es richtig nutzt. Ich würde niemandem davon abraten. Wenn jemand allerdings einen sehr billigen Prompt nutzt wie „Schreib mir ein Anschreiben für diese Stelle“, dann klingt das Ergebnis oft so überzogen, generisch und künstlich, dass es nicht mehr der Realität entspricht. Das ist dann eigene Nachlässigkeit. KI-Tools wie ChatGPT machen Fehler oder nutzen typische KI-Muster, etwa doppelte Negationen oder auffällig lange Gedankenstriche. Wenn man diese Muster durch eigene Überarbeitung rausschmeißt und das Tool mit konkreten Informationen zum eigenen Profil füttert, ist das Ergebnis extrem stark und von einem menschlichen Text kaum zu unterscheiden.

Viele Bewerber haben ja auch Sorge, dass auf der anderen Seite eine KI sitzt, die ihre Unterlagen vorab eiskalt aussortiert. Müssen wir die KI überzeugen oder den Menschen?

Hier wird oft Panik geschürt. In der Praxis nutzen in Deutschland bisher nur wenige Unternehmen echte KI-Filter. Was es gibt, sind einfache Wenn-Dann-Regeln im Bewerbermanagementsystem, etwa wenn die Gehaltsvorstellung einen gewissen Wert übersteigt und eine automatische Absage rausgeht. Das ist aber keine KI, sondern eine einfache Abfrage.

In den allermeisten Fällen sitzt am Ende immer noch ein Mensch. Und man muss verstehen, dass die Person im Recruiting oft null Plan von dem hat, was Sie als Ingenieur tagtäglich machen. Die wissen vielleicht nicht, was ein System-on-a-Chip ist, und kennen Ihre spezifischen Entwicklungsdetails nicht. Da sitzt vielleicht sogar eine Praktikantin oder jemand Fachfremdes.

Deshalb ist mein absolut bester Praxistipp die Schwiegermutter-Übung: Drücken Sie Ihren Lebenslauf einfach mal Menschen in die Hand, die gar keine Ahnung von Ihrem Fachbereich haben wie zum Beispiel der eigenen Schwiegermutter. Stellen Sie ihnen danach ein paar Fragen, um zu prüfen, ob sie überhaupt verstanden haben, was Sie eigentlich tun. Wenn dabei herauskommt, dass eigentlich keiner so richtig weiß, woran Sie gearbeitet haben und was Ihre Stärken sind, dann ist es kein Wunder, wenn die Bewerbung auf dem Absage-Stapel landet. Denn wenn der Fachbereich nachher zu viel Text mit zu vielen unübersichtlichen Details bekommt, sagt auch der: Das schaue ich mir an, wenn ich Zeit habe… Was meist bedeutet: niemals.

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Branchenwechsel und Umgang mit Lücken

Wie sieht es aus, wenn jemand die Branche wechseln oder sich beruflich komplett neu orientieren möchte?

Wer die Branche wechseln möchte, muss die Sprache der Zielbranche sprechen. Wenn Sie etwa aus der Automobilbranche in die Schifffahrt wechseln wollen, müssen Sie Ihre bisherigen Erfahrungen übersetzen. Wenn Sie beispielsweise mit einer bestimmten ISO-Norm im Automotive-Bereich gearbeitet haben, recherchieren Sie den vergleichbaren Standard in der Zielbranche.

Im Lebenslauf oder Kurzprofil schreiben Sie dann sinngemäß, dass Sie Erfahrung in der Anwendung des neuen Standards haben, vergleichbar mit der ISO-Norm aus dem Automotive-Bereich. Damit nehmen Sie der fachfremden Person im Recruiting die Arbeit ab und zeigen sofort, dass Sie die Denkweise der neuen Branche verstanden haben.

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Zum Abschluss noch ein Thema, das viele verunsichert: Lücken im Lebenslauf. Ist eine Lücke heute noch ein K.o.-Kriterium?

Überhaupt nicht. Wir sollten aufhören, eine Phase der Neuorientierung als Fehler zu betrachten. Wie der Blogger und Unternehmer Lars Hahn vor Kurzem in meinem Podcast treffend sagte: „Wir sind nicht arbeitslos, wir sind zwischen zwei Jobs“. Dass eine Jobsuche oder Neuorientierung heutzutage mal ein paar Monate oder ein halbes Jahr dauert, ist ein völlig normaler Prozess. Wichtig ist nur, wie man damit umgeht: Stehen Sie dazu, erklären Sie plausibel, wie Sie die Zeit genutzt haben, etwa durch Weiterbildungen, Eigenstudium oder Orientierung, und machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Eine Lücke ist in der heutigen Arbeitswelt längst kein Makel mehr.

Vielen Dank für diese wertvollen Einblicke!

Treffen Sie uns live auf den VDI nachrichten Recruiting Tagen!

Sie möchten wissen, wie Ihr Lebenslauf auf Recruiter wirkt? Dann bringen Sie ihn zum VDI nachrichten Recruiting Tag in München mit. Am 16. September findet der VDI nachrichten Recruiting Tag in München statt. Karriereexperte Bastian Hughes und weitere Beraterinnen und Berater analysieren Ihre Unterlagen vor Ort und geben konkrete Verbesserungstipps.

Erleben Sie auch das Live-Gespräch auf der Bühne mit Alexandra Ilina und Bastian Hughes und nutzen Sie die Chance auf kostenlose, persönliche CV-Checks vor Ort durch das Expertenteam.

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Ein Beitrag von:

  • Alexandra Ilina

    Alexandra Ilina ist Diplom-Journalistin (TU-Dortmund) und Diplom-Übersetzerin (SHU Smolensk) mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung im Journalismus, in der Kommunikation und im digitalen Content-Management. Sie schreibt über Karriere und Technik.

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