Bewerbertipps

Bewerben mit schlechtem Arbeitszeugnis

Ingenieure hatten lange Zeit kaum Probleme bei der Jobsuche. Dementsprechend akzeptierten sie auch ein Arbeitszeugnis, das nicht in vollem Umfang ihren Einsatz widerspiegelte. Diese Nachlässigkeit kann später für Ärger sorgen: Wenn die Selbsteinschätzung in der Bewerbung vom Arbeitszeugnis abweicht.

Im Arbeitszeugnis sollten alle Leistungen vermerkt sein. 

Im Arbeitszeugnis sollten alle Leistungen vermerkt sein. 

Foto: panthermedia.net/PeJo

Die vergangenen Jahre waren für Ingenieure gut. Kaum jemand glaubte daran, dass ein gut ausgebildeter Ingenieur mit entsprechenden Berufserfahrungen in absehbarer Zeit jemals Schwierigkeiten bei der Jobsuche haben könnte. Entsprechend nachlässig wurde das Thema Arbeitszeugnis von manchem Ingenieur gehandhabt. Zu schnell wurden Zeugnisse aus reiner Bequemlichkeit oder aus Unwissen akzeptiert, die kaum das widerspiegeln, was die Ingenieure bei den Arbeitgebern geleistet haben.

Die Folge: Im Bewerbungsprozess weichen die Aussagen des Kandidaten von ihrem Arbeitszeugnis wesentlich ab. Es kommen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Bewerbers auf. Die Chancen am Arbeitsmarkt sinken erheblich. Diese Erfahrungen sammelt augenblicklich ein Ingenieur der Produktionstechnik. Beim letzten Arbeitgeber verweilte er fünf Jahre und leistete große Dinge. Er baute in Übersee ein neues Produktionsunternehmen auf. Dort, wo früher Brachland war, entstand eine hochmoderne Betriebsstätte mit weit über 100 Mitarbeitern. Der Ingenieur war von Beginn an dabei. Sogar das Projektmanagement für den Bau des Unternehmens lag in seinen Händen. Als der Bau stand, betätigte er sich als Experte für Automatisierungstechnik und legte die gesamte Prozessorganisation fest. Die neuen Mitarbeiter stellte er ein und trainierte sie. Vorteilhaft gestaltete er das Verhältnis zu den regionalen Behörden. Schließlich war er wesentlich an der Gewinnung neuer Kunden beteiligt. Er hatte (fast) die Freiheiten eines Unternehmers und nahm diese wahr. Authentisch, ergreifend und sympathisch schildert der Ingenieur seinen Auslandsaufenthalt.

Ein langweiliges Arbeitszeugnis wird zum Bewerbungshindernis

Der Blick in sein Arbeitszeugnis wirkt dagegen ernüchternd. Zwar werden Arbeitsleistungen und Sozialverhalten des Ingenieurs mit „sehr gut“ bewertet, die Aufgabenbeschreibung, Arbeitsbereitschaft, -befähigung und -weise geben aber weder das Spektrum der wahrgenommenen Aufgaben noch die fachlichen und persönlichen Qualifikationen des Ingenieurs wieder. Das Zeugnis ist lustlos und langweilig geschrieben, spiegelt fast das Bild eines Bürokraten.

Da er in Deutschland bereits eine neue Stellung hatte, akzeptierte der Ingenieur das Arbeitszeugnis so wie erhalten. Nach kurzer Verweilzeit bei seinem aktuellen Arbeitgeber möchte er sich beruflich verändern und steht vor einem Problem. Seine Ambitionen gehen in Richtung Führungsposition, bescheinigt wird ihm in seinem letzten Zeugnis allenfalls eine gehobene Fachposition. Bei nüchterner Betrachtung und unter Würdigung des gesamten Lebenslaufes würde der Kandidat höchstens im Mittelfeld der Bewerber landen.

Ein schlechtes Arbeitszeugnis mit Referenzschreiben entkräften

Was kann der Ingenieur tun, um seine Bewerbungschancen zu verbessern?Gut dran ist, wer friedlich bei seinen Arbeitgebern ausscheidet. Auch ohne auf irgendwelche Rechte zu pochen, kann oft eine Nachbesserung erreicht werden. Ist das Arbeitszeugnis noch frisch, kann mit dem notwendigen Nachdruck an den Arbeitgeber herangetreten werden. Weiterhelfen könnten aber auch Referenzschreiben, im oben geschilderten Fall etwa des heutigen Managers der ausländischen Produktionsstätte, der gewonnenen Kunden oder anderer Persönlichkeiten, denen der Ingenieur bei der Ausübung seiner Tätigkeit begegnet ist.

Die Chancen des Ingenieurs dürften auch durch eine neue Bewerbungsstrategie steigen.Die Initiativbewerbung in Kurzform, direkt in den Dunstkreis der wirklichen Personalentscheider (Fachbereichsmanager/Geschäftsführer/Vorstände) gesendet, könnte den Durchbruch bringen. Je nach deren Persönlichkeit, werden die Stärken im Lebenslauf wie Risikobereitschaft, Begeisterungsfähigkeit, Flexibilität, Fähigkeit neue Wege zu gehen usw. positiver gewertet – egal wie das Arbeitszeugnis aussieht.

Die Bedeutung eines Arbeitszeugnis’ tritt bei dieser Zielgruppe in den Hintergrund, die Wahrscheinlichkeit, zum Vorstellungsgespräch zu kommen, wächst. Die Chancen des Kandidaten dürften weiter steigen, wenn er sich und seinen Werdegang persönlich präsentieren kann. Hier wird es ihm auf Grund seiner sehr guten Außenwirkung am ehesten gelingen, Bedenken auszuräumen. Die Direktansprache der Entscheider auf Messen, Ausstellungen, Karrieretagen für Professionals usw. dürfte daher ein weiteres Element in der zukünftigen Bewerbungsstrategie des Ingenieurs sein.

  • Bernd Andersch

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