Dunning-Kruger-Effekt auf dem Prüfstand: Überschätzen sich ausgerechnet die Besten?
Selbstüberschätzung im Job kann Karriere, Projekte und Teams gefährden. Warum Selbstbild und Realität auseinandergehen – und was dagegen hilft.
Selbstüberschätzung im Job kann dazu führen, dass die eigenen Fähigkeiten und Leistungen falsch eingeschätzt werden.
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Wie gut bin ich wirklich? Die Antwort auf diese Frage fällt Menschen nicht immer leicht. Manche überschätzen ihre Fähigkeiten, andere unterschätzen sich. Auch zwischen Generationen können Eigen- und Fremdwahrnehmung deutlich auseinanderliegen. Was die Psychologie über Selbstüberschätzung weiß und warum sie im Berufsleben zum Problem werden kann.
Inhaltsverzeichnis
- Selbstüberschätzung hat mehrere Formen
- Dunning-Kruger-Effekt: Überschätzen sich wirklich vor allem die Unwissenden?
- Generation Z: Wenn Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinandergehen
- Generationenkonflikt oder unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit?
- Männer überschätzen sich häufiger, Frauen unterschätzen sich eher
- Selbstzweifel können zur Karrierebremse werden
- Selbstüberschätzung kann Projekte teuer machen
- Auch Experten sind nicht vor Selbstüberschätzung geschützt
- Deshalb lohnt es sich, zwischen Wissen und Gewissheit zu unterscheiden.
- Wenn Feedback nicht mehr ankommt
- Selbstüberschätzung beeinflusst auch Teams

Selbstvertrauen ist im Berufsleben wichtig. Wer eine neue Aufgabe übernimmt, sich auf eine Stelle bewirbt oder ein schwieriges Projekt startet, muss an die eigenen Fähigkeiten glauben. Problematisch wird es, wenn Selbstvertrauen in Selbstüberschätzung umschlägt.
Dann werden die eigenen Kompetenzen zu hoch eingeschätzt, Aufgaben zu einfach bewertet oder Risiken ausgeblendet. Umgekehrt kann auch eine zu vorsichtige Selbsteinschätzung eine Karriere bremsen. Wer sich weniger zutraut, als tatsächlich vorhanden ist, bewirbt sich möglicherweise nicht auf eine interessante Stelle oder übernimmt eine anspruchsvolle Aufgabe gar nicht erst.
Psychologen und Verhaltensökonomen unterscheiden verschiedene Formen dieser Fehleinschätzung. Sie können Berufseinsteiger ebenso betreffen wie erfahrene Fachkräfte.
Selbstüberschätzung hat mehrere Formen
Die Psychologen unterscheiden drei Formen der Selbstüberschätzung.
- Overestimation bezeichnet die Überschätzung der eigenen Leistung oder der Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs. Ein Beispiel: Eine Ingenieurin geht davon aus, eine komplexe Entwicklungsaufgabe innerhalb von zwei Wochen zu lösen, obwohl vergleichbare Aufgaben bisher deutlich länger gedauert haben.
- Bei Overplacement geht es um den Vergleich mit anderen. Menschen halten ihre eigenen Fähigkeiten oder Leistungen für überdurchschnittlich und sehen sich beispielsweise als kompetenter als die meisten Kollegen.
- Overprecision beschreibt dagegen eine übertriebene Sicherheit. Eine Person ist von der Richtigkeit ihrer Prognose überzeugt, obwohl die Datenlage mehrere mögliche Ergebnisse zulässt.
Die drei Formen können gleichzeitig auftreten. Wer eine Aufgabe unterschätzt, sich selbst für besser als andere hält und von der eigenen Prognose überzeugt ist, hat wenig Anlass, die eigene Einschätzung noch einmal zu überprüfen.
Dunning-Kruger-Effekt: Überschätzen sich wirklich vor allem die Unwissenden?
Besonders bekannt ist der Dunning-Kruger-Effekt. Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben ihn 1999. Vereinfacht gesagt geht es um Menschen, die ihre eigenen Fähigkeiten schlecht einschätzen können. Lange galt dabei als zentrale Erkenntnis: Gerade Menschen mit geringen Kenntnissen überschätzen sich besonders stark.
Doch genau diese Erklärung steht inzwischen auf dem Prüfstand. Eine neue Studie von Forschenden der University of Bath und der London School of Economics and Political Science (LSE) kommt zu dem Schluss, dass ein Teil des vermeintlichen Effekts durch die Statistik der ursprünglichen Untersuchungen entstehen könnte.
Das Problem: Testergebnisse hängen nicht ausschließlich vom tatsächlichen Können ab. Auch Zufall spielt eine Rolle. Wer bei einem Test besonders schlecht abschneidet, kann beispielsweise einige Fragen zufällig falsch beantwortet haben. Wer besonders gut abschneidet, kann dagegen vom Zufall profitiert haben. Werden Menschen anschließend anhand ihres Testergebnisses in Gruppen eingeteilt, kann dadurch ein statistischer Effekt entstehen, der wie Selbstüberschätzung aussieht.
Die britischen Forschenden haben deshalb Daten aus umfangreichen Replikationsstudien mit einem Verfahren neu ausgewertet, das solche Zufallsschwankungen berücksichtigt. Das überraschende Ergebnis: Das bekannte Muster verschwindet. Nach dieser Analyse könnten sogar die leistungsstärksten Menschen stärker dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen.
Damit ist der Dunning-Kruger-Effekt nicht einfach „widerlegt“. Die neue Forschung stellt vielmehr die bisherige Interpretation infrage. Selbstüberschätzung könnte mehrere Ursachen haben und nicht allein darauf zurückzuführen sein, dass Menschen mit wenig Wissen ihre eigenen Wissenslücken nicht erkennen.
Für den Berufsalltag ist das eine wichtige Unterscheidung. Selbstüberschätzung ist offenbar kein Problem, das sich einfach einer bestimmten Gruppe von Menschen zuordnen lässt. Sie kann auch Menschen treffen, die tatsächlich kompetent sind. Gerade wer häufig erfolgreich ist, kann viel Vertrauen in die eigene Einschätzung entwickeln.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger: Wer überschätzt sich? Sondern: Wie zuverlässig ist die eigene Einschätzung – und wie lässt sie sich überprüfen?
Generation Z: Wenn Eigen- und Fremdwahrnehmung auseinandergehen
Wie unterschiedlich Selbstbild und Fremdbild ausfallen können, zeigt sich auch bei der Diskussion über die Generation Z.
Eine 2024 von Baulig Consulting beauftragte Studie verglich die Einschätzungen von unter 30-Jährigen mit denen älterer Beschäftigter. Dabei beschrieben sich 67 % der unter 30-Jährigen als lernbereit, anpassungsfähig und flexibel. Ältere Beschäftigte sahen diese Eigenschaften bei den Jüngeren deutlich seltener.
Noch größer ist die Diskrepanz bei der Frage, wie die Generation Z von anderen wahrgenommen wird. In der Studie schrieben 74 % der älteren Befragten den jungen Beschäftigten Selbstüberschätzung zu, 70 % Egoismus und 68 % mangelndes Realitätsbewusstsein.
Das ist allerdings nicht automatisch ein Beleg dafür, dass die Generation Z tatsächlich selbstüberschätzter ist. Die Zahlen zeigen zunächst einmal eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Interessant ist zudem, wie stark die Bewertung vom Alter der Befragten abhängt. Jüngere Beschäftigte aus der Gruppe der über 30-Jährigen bewerten die Generation Z deutlich positiver als ältere Befragte. So stimmten 65 % der 30- bis 39-Jährigen der Selbsteinschätzung der jungen Menschen bei der Lernbereitschaft zu. Bei allen über 30-Jährigen waren es 56 %.
Auch bei Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Loyalität und Belastbarkeit fällt die Bewertung durch jüngere und ältere Generationen unterschiedlich aus.
Generationenkonflikt oder unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit?
Die Debatte über die Generation Z wird deshalb schnell grundsätzlicher, als es die Daten hergeben.
Ältere Beschäftigte kritisieren junge Kollegen unter anderem wegen fehlender Belastbarkeit und Disziplin. In der genannten Studie vermissten 63 % der älteren Befragten den aus ihrer Sicht verdienten Respekt gegenüber erfahrenen Kollegen. 57 % bezeichneten junge Beschäftigte als arbeitsscheu.
Die jüngeren Beschäftigten sehen sich dagegen selbst deutlich positiver. 54 % halten sich für belastbar, 58 % für diszipliniert und 61 % für loyal. Auch hier gehen Selbst- und Fremdwahrnehmung also auseinander.
Daraus lässt sich nicht einfach ableiten, dass eine Generation recht und die andere unrecht hat.
Vielmehr treffen unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit aufeinander. Für die Generation Z spielen Flexibilität, Work-Life-Balance, Sinn und persönliche Weiterentwicklung eine wichtige Rolle. Ältere Generationen bewerten berufliche Eigenschaften teilweise anhand anderer Maßstäbe.
Was für die einen Selbstbewusstsein und gesunde Grenzen bedeutet, kann für die anderen wie mangelnde Einsatzbereitschaft wirken.
Männer überschätzen sich häufiger, Frauen unterschätzen sich eher
Auch zwischen Männern und Frauen gibt es Unterschiede bei der Selbsteinschätzung. Forschung deutet darauf hin, dass Männer ihre Fähigkeiten in bestimmten Situationen eher überschätzen, während Frauen ihre eigene Leistung häufiger zurückhaltender bewerten.
Besonders relevant kann das werden, wenn Menschen ihre Fähigkeiten mit denen anderer vergleichen. Männer halten sich im Durchschnitt häufiger für überdurchschnittlich, während Frauen ihre eigene Leistung eher vorsichtiger beurteilen.
Im Berufsleben kann das Konsequenzen haben.
Wer sich selbst sehr viel zutraut, bewirbt sich möglicherweise auch dann auf eine Stelle, wenn noch nicht alle Anforderungen erfüllt sind. Wer sich dagegen unterschätzt, wartet womöglich, bis nahezu jede Voraussetzung erfüllt ist.
Gerade bei Stellenanzeigen mit langen Anforderungslisten kann dieser Unterschied eine Rolle spielen. Wer acht von zehn Anforderungen erfüllt, könnte sich auf die zwei fehlenden Punkte konzentrieren und die Bewerbung deshalb gar nicht abschicken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Männer grundsätzlich übermäßig selbstbewusst und Frauen grundsätzlich zu unsicher sind. Es handelt sich um statistische Tendenzen. Die Selbsteinschätzung hängt auch von der Aufgabe, der Erfahrung und dem Umfeld ab.
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Selbstzweifel können zur Karrierebremse werden
Eine zu niedrige Selbsteinschätzung kann ebenso problematisch sein wie Selbstüberschätzung.
Wer die eigenen Fähigkeiten unterschätzt, übernimmt möglicherweise seltener anspruchsvolle Aufgaben, fordert weniger Verantwortung ein oder bewirbt sich nicht auf interessante Positionen.
Das kann auch bei Weiterbildungen eine Rolle spielen. Beschäftigte können beispielsweise davon ausgehen, dass ihnen die Voraussetzungen für einen bestimmten Kurs fehlen, obwohl sie die wichtigsten Grundlagen bereits mitbringen.
Gerade in technischen Berufen ist das relevant. Technologien und Anforderungen verändern sich schnell. Kaum jemand verfügt dauerhaft über sämtliche Kompetenzen, die in einer Stellenanzeige genannt werden.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, was jemand heute kann. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen.
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Selbstüberschätzung kann Projekte teuer machen
Eine falsche Selbsteinschätzung betrifft nicht nur Bewerbungen und Karriereentscheidungen. Sie kann auch ganz praktische Folgen im Arbeitsalltag haben.
Ein klassisches Beispiel ist die Planung von Projekten. Menschen unterschätzen häufig, wie viel Zeit und Geld ein Vorhaben tatsächlich benötigt. In der Psychologie wird dieses Phänomen als Planning Fallacy, also Planungsfehlschluss, bezeichnet.
Ein technisches Projekt erscheint zunächst überschaubar. Dann kommen zusätzliche Anforderungen hinzu, eine Schnittstelle funktioniert nicht wie erwartet, ein Zulieferer hat Probleme oder ein Test muss wiederholt werden.
Trotzdem halten Teams häufig lange an der ursprünglichen Planung fest.
Eine Möglichkeit, diesen Effekt zu reduzieren, ist der Blick auf vergleichbare Projekte. Statt nur zu fragen, wie lange das aktuelle Vorhaben voraussichtlich dauern wird, hilft die Frage: Wie lange haben ähnliche Projekte tatsächlich gedauert?
Der Blick auf reale Erfahrungen kann eine allzu optimistische Planung korrigieren.
Auch Experten sind nicht vor Selbstüberschätzung geschützt
Selbstüberschätzung ist kein Problem, das nur Menschen mit wenig Erfahrung betrifft.
Auch Experten können ihre Prognosen überschätzen. Umfangreiches Fachwissen kann sogar dazu führen, dass die eigene Einschätzung besonders zuverlässig erscheint.
In komplexen Situationen bleibt aber immer Unsicherheit. Märkte verändern sich, Technologien entwickeln sich weiter und Rahmenbedingungen können sich kurzfristig ändern.
Deshalb lohnt es sich, zwischen Wissen und Gewissheit zu unterscheiden.
Zu wissen, wie ein technisches Verfahren funktioniert, bedeutet nicht automatisch, sicher vorhersagen zu können, wie es sich unter neuen Bedingungen verhalten wird.
Wenn Feedback nicht mehr ankommt
Eine realistische Selbsteinschätzung entsteht selten allein. Rückmeldungen von Kollegen, Vorgesetzten, Kunden oder Projektpartnern können helfen, die eigene Wahrnehmung mit der Realität abzugleichen.
Das funktioniert allerdings nur, wenn Feedback angenommen wird.
Wer Kritik grundsätzlich als persönlichen Angriff versteht, verliert eine wichtige Möglichkeit zur Korrektur. Eine Person kann sich dadurch immer stärker in der eigenen Einschätzung bestätigen.
Auch die Bewertung von Erfolgen und Misserfolgen spielt eine Rolle. Ein Erfolg wird schnell als Beweis für die eigenen Fähigkeiten interpretiert. Scheitert etwas, werden dagegen äußere Umstände verantwortlich gemacht.
Auf diese Weise kann sich eine verzerrte Selbstwahrnehmung stabilisieren.
Selbstüberschätzung beeinflusst auch Teams
Wenn mehrere Menschen gemeinsam Entscheidungen treffen, kann Selbstüberschätzung die Dynamik eines Teams beeinflussen.
Wer sehr überzeugt von der eigenen Meinung ist, sucht möglicherweise eher nach Bestätigung als nach Gegenargumenten. Andere Teammitglieder können sich wiederum zurückhalten, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Einwände ohnehin nicht gehört werden.
So entsteht eine scheinbare Einigkeit, obwohl wichtige Zweifel bestehen.
Für technische Projekte kann das besonders riskant sein. Gerade dort können kleine Hinweise auf ein Problem entscheidend sein. Wenn niemand sie ausspricht, werden Fehler möglicherweise erst sichtbar, wenn bereits viel Zeit und Geld investiert wurde.
Eine gute Arbeitskultur braucht deshalb nicht nur Fachwissen, sondern auch Raum für Widerspruch.
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