„Ich will mich mal vorstellen“ – warum Frauen diesen Karriereschritt viel seltener gehen
Frauen in MINT: Warum Selbstbewusstsein, sichtbares Netzwerken und Skill-Fokus entscheidend sind, um Karrierechancen zu nutzen und Understatement zu überwinden.
Frauen in MINT stärken: Cordula Passing erklärt, warum Vorbilder, Netzwerke und Selbstvertrauen den Unterschied machen.
Foto: Merck
„Ich will mich mal vorstellen, hier bin ich“ – während Männer beim Netzwerken oft ganz selbstverständlich Raum einnehmen, zögern Frauen häufiger. Ein Gespräch mit Cordula Passing, Head of Human Resources bei Merck Healthcare über unbewusste Ängste im Bewerbungsprozess, den Wert von Vorbildern, Karrierewege für Ingenieurinnen und warum ein Lebenslauf heute vor allem auf Fähigkeiten statt auf starre Berufsbilder setzen sollte.
Mut zur Präsenz: „Frauen neigen zum Understatement“
Sie haben in Ihrer Keynote heute betont, dass wir uns unseren Ängsten bewusst werden müssen. Können Sie das im Bezug auf Frauen etwas näher erläutern?
In meiner Erfahrung geht es oft um erlernte Muster im Auftreten: Wie viel Raum nimmt man sich? Wie viel Stimme nimmt man sich – und wie selbstverständlich bringt man sich ein?
Wie viel Raum nimmt man sich? Wie viel Stimme nimmt man sich und wie vokal bringt man sich ein?
Ein Gedanke, der mir dabei immer wieder begegnet, ist dieses klassische: „Bin ich gut genug? Kann ich das? Traue ich mich?“ Am Ende geht es darum, sich dieser Zweifel erst einmal bewusst zu werden und sie mit sich selbst in Einklang zu bringen. Zu sagen: „Ja, ich bin gut genug. Das ist meine Meinung, das ist meine Haltung, und ich habe den Mut, damit nach vorne zu gehen.“
Das passt gut zu Experimenten mit anonymisierten Lebensläufen, bei denen man eine klare „Männersprache“ und „Frauensprache“ heraushört. Auf Frauenkongressen wird oft diskutiert, dass Frauen im Bewerbungsprozess dazu neigen, ihre Kompetenzen zu verstecken.
Ich beobachte häufig Unterschiede darin, wie Menschen ihre Kompetenzen darstellen: Manche formulieren eher vorsichtig und zurückhaltend, andere deutlich selbstbewusster – manchmal auch zugespitzt. Natürlich sind das Tendenzen, keine Regeln: Jeder Mensch ist individuell, und es ist keineswegs rein ein Geschlechterthema – das ist mir als Vorwort ganz wichtig. Aber ja, wir sehen das in der Realität. Umso wichtiger ist es, dass wir zum Beispiel im Rahmen von Einstellungen unsere Führungskräfte genau darauf sensibilisieren. Man darf nicht nur auf die großen Buzzwords, auf eine dominante Körperhaltung oder eine laute Stimme achten und das sofort als „stark“ einsortieren. Wir müssen den Dingen auf den Grund gehen. Unsicherheit ist schließlich kein Ausdruck von Schwäche, sondern oft nur dem Moment geschuldet, weil man noch nicht warmgeworden ist.
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Netzwerken ohne Agenda: Der Unterschied zwischen den Geschlechtern
Spiegelt sich das auch in den Statistiken wider, dass viele Frauen gar nicht erst den direkten Kontakt zu den Personalentscheidern suchen?
Dem kann ich als Personalentscheiderin leider nur beistimmen. Dieses Bild sehe ich nach wie vor häufig. Weibliche Mitarbeiterinnen suchen den Kontakt meistens nur dann, wenn sie ein ganz konkretes Thema oder Problem haben. Ein Klassiker: „Ich gehe in Elternzeit und komme wieder, bitte behaltet mich auf dem Schirm.“ Das ist gut und richtig, und das nehme ich natürlich auf.
Männliche Angestellte dagegen kommen viel eher vorbei und sagen einfach: „Ich will mich mal vorstellen, hier bin ich, ich wollte mal Hallo sagen“ – ganz ohne akutes Thema. Genau diese Präsenz und dieses strategische Netzwerken brauchen wir von Frauen viel mehr.
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MINT-Berufe für Mädchen: Den inneren Bias frühzeitig durchbrechen
Wie schaffen wir es, mehr junge Menschen und speziell Mädchen in MINT-Berufe und die Medizinbranche zu bringen?
Wir müssen die Stereotypen von Anfang an aufweichen. In der Medizin hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig viel getan, aber die Berührungspunkte müssen einfach viel früher stattfinden. Wir bieten dafür zum Beispiel unseren „Curiosity Cube“ an. Da kommen Schulklassen zu uns und lernen spielerisch und experimentell die Welt der Medizin kennen. Die Idee ist, dass sie sprichwörtlich „anbeißen“ und Gefallen an der Thematik finden.
Das Gleiche gilt für gezielte Praktika in den MINT-Berufen, die wir anbieten. Wir wollen ganz früh den eigenen Bias der Mädchen durchbrechen – diesen unbewussten Gedanken: „Das ist keine Branche für mich.“ Wenn sie es selbst erleben, sehen sie: „Mensch, das ist mega spannend, da will ich rein!“
Welche Rolle spielen dabei Vorbilder? Man spricht in diesem Zusammenhang ja auch vom sogenannten „Scully-Effekt“ – benannt nach der FBI-Wissenschaftlerin Dana Scully aus Akte X, die in den 90ern eine ganze Generation von Frauen für die Wissenschaft inspiriert hat.
„Akte X“ sagt mir tatsächlich nichts, ich bin keine große Fernsehschauerin! Aber ich kenne den Effekt von dem Film „Anna“ über eine Balletttänzerin aus meiner Kindheit vor 20 Jahren – danach wollten plötzlich alle Mädchen Ballett tanzen. Also ja, absolut!
Vorbilder sind extrem wichtig, auch für mich persönlich. Ich hatte und habe tolle weibliche Führungskräfte in meiner Karriere. Das müssen aber nicht immer nur die direkten Vorgesetzten in der Hierarchie sein. Ich schaue unheimlich gerne in die Breite. Wenn ich jemanden sehe, der mich inspiriert, will ich einfach nah an dieser Person sein. Völlig egal, ob männlich oder weiblich, im eigenen Unternehmen oder außerhalb. Man muss sich nur bewusst machen: „Was brauche ich, wo will ich wachsen?“ Und dann muss man den Mut haben, Kontakt aufzunehmen. Auch hier wieder das Thema Netzwerk: Man braucht keinen geschäftlichen Grund. Ein einfaches: „Ich habe Sie auf der Veranstaltung gesehen, das war inspirierend, wollen wir einen Kaffee trinken?“ reicht völlig aus.
Karrierewege bei Merck: Das Studium als Fundament, nicht als Sackgasse
Unsere Hauptzielgruppe sind Ingenieure und Ingenieurinnen. Welche Berufsfelder sind bei Merck für junge Ingenieurinnen besonders spannend?
Da gibt es extrem vielseitige Möglichkeiten. Wer rein fachintern bleiben möchte, findet diverse technische Berufe direkt bei uns in den Produktionsstätten.
Ich würde es aber gar nicht darauf beschränken. Viel wichtiger ist: Welche Denke, welche Fähigkeiten bringt man durch so ein Studium mit? Strukturiertes, analytisches und wissenschaftliches Denken sowie ein tiefes technisches Verständnis sind ein riesiger, breiter Türöffner. So schauen wir bei Merck auch auf Karrierewege: Studium A führt nicht automatisch nur zu Job A.
Das Studium ist ein Fundament. Danach schauen wir individuell Ist eine Ingenieurin interpersonell unheimlich stark, ist eine Führungskarriere spannend. Ist sie klar wissenschaftlich orientiert, gibt es tolle Andockstellen im Forschungsbereich. Wir sind da sehr offen.
Skill-based Hiring: „Jobs, die es in zehn Jahren gibt, kennen wir heute noch gar nicht“
Der Arbeitsmarkt wandelt sich stark weg von starren Berufsprofilen hin zu „Skill-based Hiring“ und Re-skilling. Ist dieser Trend bei Ihnen angekommen?
Definitiv. Re-skilling, Weiterbildung und Umschulungen sind in meinen Augen das A und O, um sich auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft relevant zu halten. Die Welt verändert sich so schnell. Es gibt genug Studien, die zeigen: Viele Jobs von heute wird es in zehn Jahren nicht mehr geben – und umgekehrt kennen wir die Jobs von übermorgen heute noch gar nicht. Denken Sie nur an den rasanten Aufstieg von KI-Fähigkeiten und digitalen Themen.
Dafür muss man sich bewusst Zeit nehmen. Zeit fürs Netzwerken, Zeit für die eigene Weiterbildung. Man muss sich fragen: „Was habe ich heute, was brauche ich für morgen?“ Das kann eine Schulung sein, ein Training on the Job, eine neue Rolle oder auch ein Mentor.
Erstellen Sie bei Merck konkrete Skill Gaps für Ihre Mitarbeitenden, um diese Entwicklung zu unterstützen?
Ja, absolut. Wir haben in den letzten Jahren enorm viel in unsere IT und Systemunterstützung investiert, um fähigkeitsbasierte Profile und Entwicklungspfade digital aufzeigen zu können.
Aber das Wichtigste bleibt der persönliche Dialog zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetzten. Es braucht eine ehrliche Standortanalyse: Wo bin ich, wo will ich hin? Die Infrastruktur des Unternehmens und HR sind das eine – aber entscheidend ist die eigene Einstellung: „Ich will lernen, ich will wachsen.“
Tipps für den Karriereeinstieg: Neugier schlägt das perfekte Profil
Zum Abschluss: Welche Tipps können Sie jungen Talenten geben, die ihre Karriere bei Merck starten möchten? Worauf achten Sie im Bewerbungsgespräch besonders?
Das „eine“ perfekte Profil gibt es bei uns nicht, dafür ist unser Spektrum zu breit. Aber wir sind im Kern ein Wissenschaftsunternehmen. Das heißt, eine grundlegende Neugierde für die Wissenschaft und im Idealfall eine Ausbildung oder ein Studium in diesem Feld sind wichtig.
Alles andere sind interpersonelle Fähigkeiten. Es startet mit der Haltung. Neugierde ist entscheidend! Man muss lernen wollen, sich einbringen wollen, offen sein und sich vernetzen. Die moderne Arbeitswelt findet nicht im Silo des eigenen Büros statt, sondern in der Vernetzung in die Breite. Wer diese Eigenschaften mitbringt, hat es um ein Vielfaches einfacher, seinen Karriereweg erfolgreich zu gehen.
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