Jobangst auf der Führungsebene: Warum Manager nach neuen Perspektiven suchen
Immer mehr Führungskräfte orientieren sich beruflich neu. Besonders in Energie, Automotive und Handel steigt die Wechselbereitschaft. Woran liegt das?
Führungskräfte stehen zunehmend unter Druck: Unsicherheit, Transformation und KI verändern Karrierewege und Managementstrukturen.
Foto: Smarterpix/SergeyNivens
Unsichere Perspektiven bringen Deutschlands Führungskräfte zunehmend dazu, sich beruflich neu zu orientieren. Dabei geht es offenbar weniger um den nächsten Karriereschritt als um die Frage, wie sicher die eigene Position und Zukunft noch sind.
Inhaltsverzeichnis
- In diesen Branchen steigt die Wechselorientierung besonders stark
- Zukunftsängste treiben Führungskräfte aus der Automobilbranche
- Führungskräfte suchen zunehmend auch im Ausland
- „Alarmsignal für den Standort Deutschland“
- KI wird für Führungskräfte zum Karriere-Risiko
- Unsicherheit erreicht die Führungsetagen

Das zeigen aktuelle Auswertungen von Vogel & Detambel, einer auf Top-Level-Karrieren spezialisierten Beratung aus Wiesbaden. Analysiert wurden rund 21.500 Profile, Karriereanfragen und Wechselprozesse deutschsprachiger Führungskräfte aus den Jahren 2021 bis 2026. Besonders stark steigt die Wechselorientierung in Branchen im Umbruch – darunter Konsumgüter, Handel, Energie und Automotive.
„Wir beobachten aktuell keine Aufbruchsstimmung im Managementmarkt, sondern eine neue Form strategischer Verunsicherung“, erklärt Dr. Daniel Detambel, Geschäftsführer von Vogel & Detambel. „Viele Führungskräfte melden sich heute nicht mehr mit einem konkreten Wechselziel, sondern zunächst mit der Frage, ob aktuell überhaupt eingestellt wird in ihrer Branche“, erklärt Detambel weiter.
Neben wirtschaftlichen Unsicherheiten sorgt auch der technologische Wandel für Bewegung. Vor allem künstliche Intelligenz verändert die Anforderungen an Führungskräfte und ihre Kompetenzen. Wie stark die Wechselorientierung zunimmt, unterscheidet sich jedoch deutlich von Branche zu Branche.
In diesen Branchen steigt die Wechselorientierung besonders stark
Besonders viele Führungskräfte denken über einen Wechsel nach, wenn Branchen unter hohem Veränderungs- und Wettbewerbsdruck stehen. Im Fünfjahresvergleich stiegen die Karriereanfragen vor allem in diesen Bereichen:
- Konsumgüterindustrie: +123 %
- Handel: +87 %
- Energie: +81 %
- Automotive: +77 %
Auch zuletzt blieb die Dynamik hoch. Von 2024 auf 2025 nahmen die Karriereanfragen in der Konsumgüterindustrie um 34 %, im Automotive-Bereich um 32 % und im Handel um 28 % zu.
Zukunftsängste treiben Führungskräfte aus der Automobilbranche
Besonders deutlich zeigt sich die Unsicherheit im Automotive-Sektor. 34 % der betroffenen Führungskräfte nannten die unsichere Entwicklung der Branche als wichtigsten Grund für ihre Wechselüberlegungen. Weitere 24 % verwiesen auf Restrukturierungen und umfangreiche Abfindungsprogramme großer Konzerne.
Die Zahlen zeigen: Die Folgen des wirtschaftlichen und technologischen Wandels sind längst in den Chefetagen angekommen.
Führungskräfte suchen zunehmend auch im Ausland
Ein weiteres Zeichen für die wachsende Unsicherheit ist der Blick über die deutschen Grenzen hinaus. Noch lässt sich daraus kein klarer Wechseltrend ins Ausland ableiten. Die Daten zeigen aber, dass viele Führungskräfte ihre Karriereoptionen nicht mehr nur auf den deutschen Arbeitsmarkt beschränken.
Vogel & Detambel kontaktierte 2025 rund 2530 Unternehmen außerhalb Deutschlands. 2024 waren es 1.852, 2023 rund 1.623. Damit stieg die Zahl der internationalen Zielunternehmen innerhalb eines Jahres um 37 %.
Besonders stark nahm das Interesse an diesen Ländern zu:
- USA: 938 kontaktierte Unternehmen – nach 510 im Jahr 2024
- Schweiz: 720 – nach 400
- Singapur: 282 – nach 99
- Vereinigte Arabische Emirate: 232 kontaktierte Unternehmen
„Alarmsignal für den Standort Deutschland“
Das bestätigt auch Executive Recruiter Oliver Kempkens im VDI nachrichten-Interview (Ausgabe N16). Er beobachtet eine deutliche Abwanderung deutscher Topführungskräfte: „Wir sehen eine massive Abwanderung von deutschen Topführungskräften. In meinen täglichen Gesprächen sagen mir mittlerweile rund 20 % der absoluten Spitzenkandidaten: ‚Spannendes Unternehmen, Herr Kempkens, aber ich suche ganz gezielt nur noch in der Schweiz oder in Österreich. Für eine Rolle in Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf bin ich nicht mehr offen. Das finde ich eine erschreckend hohe Zahl“.
Als einen Grund nennt Kempkens die steuerlichen Rahmenbedingungen und das im internationalen Vergleich geringe Nettoeinkommen: „Das Steuerniveau in Deutschland ist einfach zu hoch und das Netto-Lohnniveau im internationalen Vergleich schlicht schlecht. Das ist ein heftiges Alarmsignal für unseren Standort“.
KI wird für Führungskräfte zum Karriere-Risiko
Künstliche Intelligenz wird zunehmend auch auf Führungsebene als Risiko wahrgenommen. Rund 22 % der Führungskräfte gaben 2025 an, dass technologische Veränderungen durch KI ihre Weiterentwicklungs- und Karrierechancen einschränken könnten.
Dabei geht es weniger darum, dass KI einzelne Führungskräfte direkt ersetzt. Vielmehr verändern Automatisierung, Effizienzprogramme und KI-gestützte Prozesse die Strukturen in Unternehmen. Geschäftsbereiche werden verkleinert, zusammengelegt oder neu organisiert. Wo Strukturen wegfallen, werden häufig auch Managementebenen abgebaut.
Nach Einschätzung von Detambel verschärft die angespannte Wirtschaftslage den Trend zusätzlich. „Viele Unternehmen nutzen Transformation und KI derzeit gleichzeitig als Kostenhebel. Dadurch verändert sich nicht nur operative Arbeit, sondern zunehmend auch die Nachfrage nach bestimmten Führungsrollen.“
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Viele haben das Problem bereits erkannt und haben es zum Anlass genommen, sich weiterzuentwickeln und sich neue Kompetenzen anzueignen. Gerade für Führungskräfte wird kontinuierliches Lernen immer wichtiger. Der Wandel durch Künstliche Intelligenz, geopolitische Krisen und neue Geschäftsmodelle erfordert Kompetenzen, die über das eigene Fachgebiet hinausgehen. Wie Manager sich dafür rüsten können und warum Weiterbildung gerade auf Führungsebene zur strategischen Aufgabe wird, zeigt ein aktueller Beitrag in VDI nachrichten: Geopolitik am Simulator: Warum Top-Manager zurück auf die Schulbank müssen
Unsicherheit erreicht die Führungsetagen
Die Auswertung zeigt: Wirtschaftliche Unsicherheit betrifft längst nicht mehr nur einzelne Branchen oder Beschäftigte. Sie erreicht zunehmend auch die Führungsetagen.
Transformation, Kostensenkungen, Künstliche Intelligenz und internationale Veränderungen wirken sich nicht nur auf einzelne Jobs aus. Sie verändern ganze Strukturen – und damit auch die Karrierewege von Führungskräften.
Auch in den DAX-Konzernen steigt der Druck auf die Führungsetagen. Vorstände werden häufiger ausgetauscht, Unternehmen setzen verstärkt auf externe Kandidatinnen und Kandidaten, und die Amtszeit von CEOs wird kürzer. Was hinter diesem Wandel steckt und warum Führungsteams zunehmend neu aufgestellt werden, zeigt eine aktuelle Analyse auf ingenieur.de.
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