„Überschätzung der eigenen Unfehlbarkeit“: Harte Kritik an deutschen Autobauern
Schwäche im Topmanagement: 74 % der Interim Manager kritisieren deutsche Autobauer. Auch Software, Kosten und Kundenfokus gelten als Probleme.
Die deutsche Autoindustrie steht vor großen Herausforderungen. Eine Studie unter Interim Managern sieht dabei auch Defizite im Topmanagement.
Foto: Smarterpix/perig76
Die deutsche Autoindustrie steckt in einer tiefen Transformation. Eine Befragung von 550 Interim Managern kommt zu einem unbequemen Befund: 74 % der Befragten stimmen der Aussage zu, dass die Führungsspitzen der Branche ihre eigene Unfehlbarkeit überschätzen. Auch bei Innovation, Softwarekompetenz und Kundennähe sehen die Manager deutliche Defizite.
Inhaltsverzeichnis
- IInterim Manager kritisieren die Führung der Autoindustrie
- Software wird zum Schwachpunkt
- Kundenwünsche spielen aus Sicht der Manager eine zugeringe Rolle
- Zu hohe Kosten und veraltete Produktionsstrukturen
- Ladeinfrastruktur und digitale Dienste werden zum Wettbewerbsfaktor
- Zukunft der Zulieferer macht Sorgen
- Welche Chancen sehen die Interim Manager?
- Neue Märkte erfordern neue Kompetenzen
- Wer hinter dem Wirtschaftsreport 2026 steht

IInterim Manager kritisieren die Führung der Autoindustrie
Der Wirtschaftsreport 2026 von United Interim zeichnet ein kritisches Bild der deutschen Automobilindustrie. 74 % der befragten Interim Manager stimmen der Aussage zu, dass an den Konzernspitzen eine „Überschätzung der eigenen Unfehlbarkeit“ zu beobachten sei. Zwei Drittel sehen zudem zu wenig Weitsicht für künftige Entwicklungen, 61 % bemängeln eine mangelnde disruptive Innovationskraft.
Die Zahlen stammen allerdings nicht aus einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Autoindustrie. Befragt wurden 550 Interim Manager. Wie die Teilnehmer ausgewählt wurden, welche Kriterien für ihre Branchenkenntnis galten und wie die einzelnen Fragen formuliert waren, geht aus den veröffentlichten Angaben nicht im Detail hervor. Die Ergebnisse
geben damit vor allem die Einschätzung dieser Gruppe wieder.
Hinzu kommt: United Interim ist selbst im Markt für Interim Management tätig. Der Wirtschaftsreport ist daher eher als Branchenbefragung mit Experteneinschätzungen denn als unabhängige wissenschaftliche Studie einzuordnen.
Software wird zum Schwachpunkt
Besonders kritisch beurteilen die Befragten die technologische Entwicklung der deutschen Hersteller. 53 % attestieren ihnen eine geringe Softwarekompetenz.
Jan Beutnagel, einer der an der Auswertung beteiligten Interim Manager, sieht einen wesentlichen Grund darin, dass die Branche die Bedeutung von Software für das Auto zu spät erkannt habe. Das Fahrzeug habe sich vom klassischen Fortbewegungsmittel zu einem zunehmend softwaregeprägten Produkt entwickelt.
Auch bei den Bedienkonzepten sehen die Befragten Nachholbedarf. Ulvi Aydin bezeichnet den aktuellen Stand der Fahrzeugschnittstellen als eine Art „Experimentalstadium“. Dabei verweist er auf die unterschiedlichen Entwicklungen bei Displays, Head-up-Displays und
anderen Bedienkonzepten.
Lesen Sie auch: Fahrzeugingenieur: Aufgaben, Studium, Gehalt und Karriere
Kundenwünsche spielen aus Sicht der Manager eine zu
geringe Rolle
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Kundennähe. 57 % der Befragten sind der Ansicht, dass Kundenwünsche in den Führungsetagen praktisch nur eine untergeordnete Rolle spielen. 51 % meinen, die Vorstände hätten ihre eigenen Vorstellungen auf die Kunden übertragen, statt deren tatsächliche Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen.
Ulf Camehn, ebenso ein Interim Manager, sieht deshalb eine stärkere Rolle für den Vertrieb und den Autohandel. Dort werde unmittelbar sichtbar, wie Kunden auf neue Technologien, Preise, Förderungen und Fahrzeugkonzepte reagieren.
Christian Florschütz warnt ebenfalls vor einem verlorenen Kundenfokus. Langfristig könne dies die Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller gefährden.
Lesen Sie auch: „Dieses wirtschaftliche Honigschlecken ist vorbei“: Warum
deutsche Unternehmen neue Manager brauchen
Zu hohe Kosten und veraltete Produktionsstrukturen
Auch bei der Produktion sehen die Befragten erhebliche Probleme. 80 % sagen, die Branche habe zu lange an überholten Produktionsmethoden festgehalten. Mehr als die Hälfte bewertet dies als besonders gravierend.
Christian Jung verweist auf die hohen Produktionskosten in Deutschland. Zwei Drittel der befragten Interim Manager teilen die Einschätzung, dass Fahrzeuge „made in Germany“ im internationalen Vergleich zu teuer seien.
Ladeinfrastruktur und digitale Dienste werden zum Wettbewerbsfaktor
Auch die Infrastruktur rund um das Auto spielt aus Sicht der Befragten eine Rolle. 69 % stimmen der Aussage zu, dass die deutschen Hersteller früher stärker auf eine europaweit einheitliche Ladeinfrastruktur für Elektroautos hätten drängen sollen.
Daneben gewinnen nach Einschätzung der Interim Manager digitale Dienste und die Konnektivität der Fahrzeuge an Bedeutung. Eckhart Hilgenstock nennt die zunehmende Nutzung künstlicher Intelligenz im Auto als Beispiel. Fahrzeuge müssten dafür nicht nur über entsprechende Rechenleistung und Software verfügen, sondern teilweise auch auf leistungsfähige Cloud-Dienste zugreifen können.
Ob und in welchem Umfang solche KI-Dienste künftig zum Standard im Fahrzeug werden, ist allerdings offen. Die Aussage beschreibt eine Einschätzung der an der Auswertung beteiligten Manager und keine gesicherte Entwicklung.
Zukunft der Zulieferer macht Sorgen
Die Schwierigkeiten der Hersteller wirken sich auch auf die Zulieferindustrie aus. 36 % der befragten Interim Manager befürchten, dass das Insolvenzrisiko in der Branche weiterhin hoch bleibt.
Wenn Teile der heimischen Zulieferindustrie wegfallen, könnte zugleich die Abhängigkeit der Hersteller von asiatischen Anbietern steigen. Diese Sorge teilen 58 % der Befragten.
37 % der befragten Führungskräfte auf Zeit gehen außerdem davon aus, dass deutsche Zulieferer verstärkt von asiatischen Unternehmen übernommen werden könnten und dadurch Know-how nach Fernost abwandert.
Welche Chancen sehen die Interim Manager?
Wenn das klassische Kerngeschäft unter Druck gerät, stellt sich für Hersteller und Zulieferer die Frage nach neuen Geschäftsfeldern. United Interim fragte die 550 Führungskräfte auf Zeit, in welchen Zukunftsmärkten Automotive-Kompetenzen aus ihrer Sicht besonders
erfolgversprechend eingesetzt werden könnten.
An erster Stelle stehen Batterien und Energiespeicher mit 72 % Zustimmung.
Danach folgen:
- Wehrtechnik: 54 %
- Leistungselektronik einschließlich Leistungshalbleiter: 46 %
- Luft- und Raumfahrt einschließlich Drohnen: 42 %
- Optik und Photonik: 35 %
- Kreislaufwirtschaft: 35 %
- Photovoltaik und Windkraftanlagen: 29 %
- Smart Logistics und Verpackung: 28 %
- Medizintechnik: 23 %
Chancen für neue Geschäftsfelder sehen die Befragten vor allem im vorhandenen industriellen Know-how. Dieses sei insbesondere im deutschen Mittelstand in vielen Bereichen ausgeprägt und könne grundsätzlich auch in andere Branchen übertragen werden.
Ob daraus tatsächlich tragfähige neue Geschäftsfelder entstehen, wurde mit der Befragung allerdings nicht untersucht. Branchen wie Wehrtechnik, Medizintechnik oder Luftfahrt stellen jeweils eigene Anforderungen an Entwicklung, Zulassung, Produktion und Lieferketten.
Ein erfolgreicher Branchenwechsel hängt daher davon ab, ob Unternehmen solche Potenziale rechtzeitig erkennen und nutzen. Dafür sind aus Sicht der Befragten eine höhere Anpassungsfähigkeit, strategische Entscheidungen und die Bereitschaft erforderlich, bestehende Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln.

Neue Märkte erfordern neue Kompetenzen
Ein Wechsel in andere Branchen ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Dafür braucht es nach Einschätzung der Studienautoren klare Managemententscheidungen, gezielte
Qualifizierungsprogramme für Beschäftigte und die Bereitschaft der Sozialpartner, Veränderungen mitzutragen. Eine stärkere Diversifizierung könne dazu beitragen, industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.
Lesen Sie auch: Kommt neuer Beruf in der Batteriebranche?
Wer hinter dem Wirtschaftsreport 2026 steht
United Interim ist eine Plattform und Management-Community für Interim Manager in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Unternehmen ist seit 2017 am Markt und bringt Führungskräfte auf Zeit mit Unternehmen zusammen.
Für den Wirtschaftsreport 2026 wurden laut United Interim mehr als 550 Interim Manager befragt. An der Auswertung beteiligten sich mehrere Führungskräfte auf Zeit aus unterschiedlichen Fachgebieten.
Interim Manager übernehmen im Unterschied zu klassischen Unternehmensberatern in der Regel für einen begrenzten Zeitraum operative Führungsverantwortung in Unternehmen. Häufig kommen sie bei Transformationsprojekten, Restrukturierungen oder zur Überbrückung offener
Führungspositionen zum Einsatz.
Die Ergebnisse des Wirtschaftsreports sollten wegen der Methodik nicht als Prognose über die tatsächliche Entwicklung der deutschen Automobilindustrie verstanden werden. Sie zeigen vielmehr, wie eine Gruppe von Interim Managern die aktuelle Situation und den Veränderungsbedarf der Branche einschätzt.
Lesen Sie auch: Hensoldt plant 300 Stellen bei Stuttgart, diese Automotive-Profile sind gefragt
Ein Beitrag von: