Ohne KI-Kenntnisse kein Berufseinstieg? Mehr als die Hälfte der Beschäftigten glaubt das
Mehr als die Hälfte der Beschäftigten hält KI-Kompetenz bald für eine Grundvoraussetzung beim Jobstart. Gleichzeitig könnten ausgerechnet die Aufgaben wegfallen, an denen Berufsanfänger bisher gelernt haben. Das zeigt eine Umfrage der IU Internationalen Hochschule.
KI verändert den Berufseinstieg: Routineaufgaben fallen weg, gleichzeitig können junge Beschäftigte schneller anspruchsvollere Aufgaben übernehmen.
Foto: Smarterpix/P47900 ai generated
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur bestehende Jobs, sondern auch den Einstieg ins Berufsleben. Für Berufsanfänger kann das zunächst nach einem Vorteil klingen: KI übernimmt Routineaufgaben und könnte ihnen damit schneller den Weg zu anspruchsvolleren Tätigkeiten ebnen.
Das zeigt die repräsentative Studie „KI in der Arbeitswelt: Wie gelingt der Change?“ der IU Internationalen Hochschule. Dafür wurden vom 31. März bis 14. April 2026 insgesamt 2000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Die Stichprobe ist nach Alter und Geschlecht repräsentativ für den deutschen Arbeitsmarkt.
Inhaltsverzeichnis
- Beschäftigte sind gespalten: Fallen die Einstiegsaufgaben weg?
- Das KI-Paradox im Berufseinstieg
- KI-Kompetenz wird zur Grundvoraussetzung
- Beim Umgang mit KI fehlt vielen Beschäftigten Orientierung
- Bei der KI-Weiterbildung klafft eine Lücke
- Das Problem beim KI-Einsatz
- Beschäftigte trauen sich den Wandel zu
- KI-Change ist mehr als ein Prompting-Kurs
- Was das für Berufseinsteiger bedeutet
Beschäftigte sind gespalten: Fallen die Einstiegsaufgaben weg?
39,5 % der Befragten stimmen eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass „KI Berufsanfänger die Chance eröffnet, schneller anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen“. Bei Führungskräften liegt die Zustimmung mit 47,9 % deutlich höher. Unter den Beschäftigten ohne Führungsverantwortung sind es 39,1 %.
Darin steckt die Kehrseite. Wenn KI immer mehr Routineaufgaben übernimmt, verschwinden möglicherweise Tätigkeiten, über die Berufsanfänger bislang praktische Erfahrung gesammelt haben.
41,3 % der Befragten stimmen eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass „KI Aufgaben übernimmt, die früher typischerweise von Berufsanfängern erledigt wurden“. Genauso viele lehnen die Aussage allerdings ab, gut jeder Sechste kann sie nicht beurteilen
Das KI-Paradox im Berufseinstieg
Auch Führungskräfte sehen diese Entwicklung häufiger: 48,0 % teilen diese Einschätzung. Bei Beschäftigten ohne Führungsverantwortung sind es 39,1 %. Prof. Dr. Anne Gfrerer, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule und wissenschaftliche Expertin der Studie, fasst das Spannungsfeld so zusammen:
„Es ist paradox. KI kann den Berufseinstieg sowohl beschleunigen als auch erschweren.“
KI könne jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einerseits helfen, schneller anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen. Andererseits fielen gerade Routinetätigkeiten weg, über die viele ihre erste Berufspraxis gesammelt hätten, etwa Recherchen oder Präsentationen im Rahmen von Beratungsmandaten.
Deshalb müssten Unternehmen darauf achten, Berufseinsteigern weiterhin Möglichkeiten zu geben, praktische Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig KI-Kompetenzen aufzubauen. Darin liege auch eine Investition in den Fachkräftenachwuchs von morgen.
KI-Kompetenz wird zur Grundvoraussetzung
Dass sich der Berufseinstieg durch KI verändert, zeigt sich auch bei den Anforderungen an die Beschäftigten. 54,9 % stimmen eher oder voll und ganz der Aussage zu, dass „für Berufsanfänger KI-Kompetenzen in vielen Berufsfeldern zur Grundvoraussetzung“ werden.
Unter den Führungskräften sind es sogar 65,6 %. Bei Beschäftigten ohne Führungsverantwortung liegt der Anteil bei 51,5 %.
Auch einzelne Fähigkeiten rund um den Einsatz von KI gewinnen aus Sicht der Befragten an Bedeutung. Jeweils 41,3 % erwarten, dass Prompting und die kritische Bewertung von KI-Ergebnissen künftig wichtiger werden.
Beim Prompting zeigt sich erneut ein deutlicher Unterschied: 51,2 % der Führungskräfte erwarten einen Bedeutungszuwachs, bei den Beschäftigten ohne Führungsverantwortung sind es 38,1 %.
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Beim Umgang mit KI fehlt vielen Beschäftigten Orientierung
Bei der kritischen Bewertung von KI-Ergebnissen fällt der Unterschied ähnlich aus. 49,6 % der Führungskräfte rechnen damit, dass diese Kompetenz künftig wichtiger wird. Unter den Beschäftigten ohne Führungsverantwortung sind es 38,6 %.
Gleichzeitig können Beschäftigte ohne Führungsverantwortung die künftige Bedeutung dieser Kompetenzen deutlich häufiger nicht einschätzen. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine weitere Aufgabe: Sie müssen nicht nur Weiterbildung anbieten, sondern auch klarer vermitteln, welche Fähigkeiten und Arbeitsweisen künftig gefragt sind.
„Die Tatsache, dass viele Arbeitnehmende die Bedeutung dieser Kompetenzen noch nicht richtig einschätzen können, zeigt: Unternehmen müssen klarer vermitteln, welche Fähigkeiten und Arbeitsweisen künftig gefragt sind.“
Das erklärt Prof. Dr. Philipp Diebold, Professor für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule und fachlich an der Studie beteiligt. Nur so könnten sich Beschäftigte gezielt auf den Wandel vorbereiten.
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Bei der KI-Weiterbildung klafft eine Lücke
An dieser Vorbereitung mangelt es allerdings noch. 43,9 % der Beschäftigten in Deutschland haben in den zwölf Monaten vor der Befragung überhaupt keine Arbeitszeit für KI-Weiterbildung genutzt.
Fast die Hälfte von ihnen, 47,4 %, hält eine solche Weiterbildung für nicht notwendig. 24,0 % geben an, dass sie vom eigenen Unternehmen nicht gewünscht werde. Hinzu kommen fehlende Informationen (21,8 %), kein passendes Angebot (21,6 %) und Zeitmangel (20,6 %).
KI soll Arbeit erleichtern und effizienter machen. Gleichzeitig fehlt vielen Beschäftigten offenbar die Zeit, sich überhaupt mit den neuen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Auch bei der Förderung einzelner Kompetenzen zeigt sich diese Lücke. Fachliche Kompetenzen werden nach Angaben der Beschäftigten am häufigsten sehr stark oder eher stark unterstützt (51,6 %), gefolgt von der Kommunikationsfähigkeit (46 %).
Das Problem beim KI-Einsatz
Kritisches Denken, das aus Expertensicht zu den wichtigen Zukunftskompetenzen zählt, wird dagegen deutlich seltener gefördert. Nur 33,6 % der Beschäftigten sagen, dass ihr Unternehmen diese Fähigkeit sehr stark oder eher stark unterstützt.
„Der Anspruch in Unternehmen ist derzeit, KI wertschöpfend einzusetzen. Die Ergebnisse zeigen jedoch einen Widerspruch: Vielen Arbeitnehmenden fehlt die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, zugleich wird KI oft noch nicht als relevant oder notwendig eingeordnet.“
Diebold sieht darin ein grundsätzliches Problem beim aktuellen KI-Einsatz. Eigentlich solle KI Beschäftigte entlasten, Effizienz steigern und Zeit sparen. Wenn neue Anwendungen jedoch einfach zusätzlich zu bestehenden Arbeitsweisen eingeführt würden, könnten sie zunächst sogar zusätzliche Ressourcen binden.
Die Frage sei deshalb, ob Unternehmen ihre Arbeitsweisen gezielt verändern müssten, statt KI lediglich als weiteres Werkzeug auf bestehende Prozesse zu setzen.
Beschäftigte trauen sich den Wandel zu
Trotz dieser Lücken ist die Bereitschaft zur Weiterentwicklung groß. 81,6 % der Beschäftigten trauen sich zu, neue Kompetenzen eigenständig zu erwerben.
Das ist ein wichtiger Befund: Offenbar fehlt es weniger am Willen, sich mit KI auseinanderzusetzen, als an Orientierung, Zeit und geeigneten Lernmöglichkeiten.
Hier setzt auch die Einschätzung von Prof. Dr. Anne Gfrerer und Prof. Dr. Philipp Diebold an. Beide sind Professoren für Wirtschaftsinformatik an der IU Internationalen Hochschule. Gfrerer ist zudem Unternehmerin und Aufsichtsrätin, Diebold Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens.
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KI-Change ist mehr als ein Prompting-Kurs
Für Gfrerer greift es zu kurz, KI-Kompetenz auf das Erlernen einzelner Prompts zu reduzieren. Unternehmen müssten vielmehr eine umfassendere AI Literacy aufbauen. Dazu gehörten ein grundlegendes Verständnis der Technologie, ihrer Möglichkeiten und Grenzen sowie die Fähigkeit, KI sinnvoll in die eigene Arbeit zu integrieren.
„Erfolgreiche KI-Nutzung bedeutet nicht, möglichst viele Aufgaben an KI abzugeben, sondern die richtige Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine zu finden.“
Das hat auch Folgen für die Organisation. KI sollte nicht einfach zusätzlich zu bestehenden Aufgaben eingeführt werden. Vielmehr müssten Unternehmen Prozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten gemeinsam mit ihren Beschäftigten weiterentwickeln.
Auch Diebold sieht KI deshalb nicht als abgeschlossenes Technologieprojekt. Die Einführung eines Tools sei erst der Anfang. Unternehmen müssten laufend prüfen, wie KI eingesetzt werde, welche Anwendungen tatsächlich einen Mehrwert böten und welche Arbeitsweisen sich dadurch veränderten.
„KI-Transformation ist kein Projekt mit Enddatum, sondern ein dauerhafter Veränderungsprozess.“
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Was das für Berufseinsteiger bedeutet
Damit schließt sich der Kreis zum Berufseinstieg. Wenn Unternehmen ihre Arbeitsabläufe verändern und KI klassische Routinetätigkeiten übernimmt, müssen sie gleichzeitig neue Wege finden, wie junge Beschäftigte Praxiserfahrung sammeln.
Denn Recherche, Präsentationen oder andere Einstiegsaufgaben waren nicht nur Arbeit, die erledigt werden musste. Sie waren auch Lerngelegenheiten. Fallen sie weg, entsteht eine Lücke, wenn Unternehmen nicht gleichzeitig andere Möglichkeiten schaffen, Wissen und Erfahrung aufzubauen.
Für Berufseinsteiger könnte KI damit tatsächlich zum Karrierebeschleuniger werden – wenn Unternehmen ihnen trotz automatisierter Routinetätigkeiten den Weg zu praktischer Erfahrung offenhalten.
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