Heiko Mell

Was soll ich davon halten?

Frage/1: Ich habe gerade das Arbeitszeugnis von meinem letzten Arbeitgeber zugeschickt bekommen und bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ich bin, soweit ich das beurteilen kann, im Guten ausgeschieden und hatte mich vorher noch mit meinem disziplinarischen Vorgesetzten und dessen Chef zusammengesetzt, um über das anstehende Zeugnis zu reden. Die zuständige Sachbearbeiterin aus der Personalabteilung hatte mir vor dem Versand noch zugesagt, dass es insgesamt ein „gutes Zeugnis“ sei.
Umso mehr erstaunen mich einige Formulierungen, z. B. …

Frage/2: Die mich irritierenden Formulierungen:
a) „fundiertes und detailliertes Fachwissen, das er durch Weiterbildungsmaßnahmen und in Eigeninitiative erweiterte und aktualisierte“. Ist das ein Lob oder eher ein Kommentar aus der Liga „hat sich stets bemüht“?

b) Auch die Passage „Aufgrund seines technischen Know-hows, seiner Anlagenkenntnisse sowie seiner umfangreichen Erfahrung, die er jederzeit in der Praxis anwendete, war er in die Rufbereitschaft des Werkes integriert“ macht mir Sorgen. Zum einen bricht die Schilderung schon nach der bloßen Erwähnung meiner Rufbereitschaftsteilnahme ab, zum anderen bin ich mir beim einleitenden Satzteil nicht sicher, ob es sich um ein überschwängliches Lob oder versteckterweise um das glatte Gegenteil handelt.

c) Ähnliches gilt für „verfügt über eine gute Auffassungsgabe, so dass er auch komplexe Sachverhalte schnell erfasste“ sowie für „In Diskussionen agierte er sachorientiert und praxisnah und ging bei der Lösung von Problemen zielorientiert vor“.

d) Des Weiteren beschleicht mich bei „Aufgrund seiner Teamfähigkeit war er bei Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern gleichermaßen anerkannt und geschätzt“ ein ungutes Gefühl. Es wirkt wie „Schulnote 3“. Dann musste ich auch regelmäßig mit Servicetechnikern von Lieferanten zusammenarbeiten, was hier weggelassen wurde. Würden Sie dahinter Kalkül vermuten? (Meines Erachtens verstand ich mich mit den Lieferanten ähnlich gut wie mit den im Zeugnis genannten Personengruppen).

e) Immerhin klingt eine „Gesamtnote 2“ an. Viele der vorangestellten Detailformulierungen wirken auf mich aber „befriedigend“ (was dann wohl die Gesamtwertung in Richtung 2- verschiebt). Dabei hatte ich aus dem Zeugnis-Vorgespräch sogar mitgenommen, dass einige Bewertungsaspekte sogar in Richtung „sehr gut“ gingen – solcherlei vermisse ich jetzt allerdings komplett.

f) Würden Sie auf Nachbesserung drängen?

g) Enthält es aus Ihrer Sicht noch weitere Fallstricke?

h) Gibt es eigentlich bei Bewerbungsempfängern in einer eng umrissenen Branche so etwas wie einen „Filter“ oder „Korrekturfaktor“ in diesem Sinne: Man weiß, welche Firmen ihre Mitarbeiter eher zurückhaltend bewerten und welche inflationär mit Bestnoten um sich werfen?

Antwort:

Antwort/1: Lassen Sie mich erst einmal eine Gesamtbeurteilung vornehmen, so wie sich auch der Bewerbungsleser ein Bild macht:

1. Rahmen/Umfeld:- Konzernunternehmen aus traditionsreicher, namhafter Unternehmensgruppe;- Mitarbeiter: Mitte 30, tätig gewesen als Ingenieur in der Produktion;- Beschäftigungsdauer ca. 3,5 Jahre;- Länge des Dokuments: 2 Seiten (angemessen).

2. Aufgabenschilderung (überwiegend in Stichworten): informativ, Umfang angemessen;

3. Beurteilungs-Schwerpunkte:

– Fachwissen „fundiert und detailliert, in eigener Initiative erweitert“: gut;

– Know-how und Kenntnisse der betreuten Anlagen ohne weitere Prädikate als vorhanden erwähnt: befriedigend, aber wegen des kurz davor gelobten Fachwissens auf „befriedigend+“ aufgewertet;

– Erfahrungen als „umfangreich“ bezeichnet: gut;- Identifizierung mit Aufgabe „in hohem Maße“: gut+;

– „gute Auffassungsgabe“: gut;

– „schnelle Erfassung auch komplexer Sachverhalte“: gut;

– „Bezug und Hinwendung zur IT und strukturierte Arbeitsweise sind besonders hervorzuheben“: gut+;

– „maßgebliche Mitgestaltung von Aufbau und Weiterentwicklung der Dokumentation“: gut;

– „sachorientiertes und praxisnahes Vorgehen in Diskussionen“: gut-;

– „zielorientiertes Vorgehen bei Problemlösungen“ (sagt nichts über das Resultat, nur über das Vorgehen): befriedigend;

– „Arbeitsweise gekennzeichnet von Verantwortungsbewusstsein und Engagement“: befriedigend;

– „ausgeprägte Zuverlässigkeit“: gut;

– „gestaltete die Prozesse immer effektiv“: gut;

– „setzte die vorhandenen Ressourcen jederzeit effizient ein“: gut;

– „behielt auch in schwierigen Situationen den Überblick und agierte selbstständig und gewissenhaft“: befriedigend;

– „Wahrnehmung der Aufgaben absolut eigenverantwortlich und vollkommen selbstständig“: gut

– „erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit“: gut (zentrale Gesamtnote);

– „Wertschätzung durch das Unternehmen fachlich und persönlich“: gut;

– „wegen Teamfähigkeit überall anerkannt und geschätzt“: grundsätzlich gut, aber wegen Eingrenzung auf „nur“ wegen Teamfähigkeit: befriedigend – gut;

– „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“: gut;

– „wird sehr bedauert“: sehr gut;

– „stets gute Leistungen“: gut+;

– abschließende Wünsche: Routine, ohne Bedeutung (fällt nur auf, wenn der Aspekt fehlt).

 

Fazit: Dreieinhalb Jahre für eine Stelle „mitten im Lebenslauf“ (Gegenbeispiel: Berufseinstieg) sind etwas knapp, Wunder können – insbesondere bei dem Unternehmenstyp – nicht erwartet werden. Das Zeugnis differenziert die Wertung einzelner Eigenschaften und Fähigkeiten, die Gesamtwertung „gut“ entspricht in etwa dem gewichteten Durchschnitt aller Detailurteile. Und: Wenn die Leistungen nicht sehr gut sind, ist ein sehr gutes Gesamtzeugnis nicht mehr erzielbar. Der Gesamteindruck ist „harmonisch und geschlossen“, es sind keine „Haken und Ösen“ erkennbar.

Achtung: Die obige Analyse von mir beruht auf jahrzehntelanger Erfahrung und einem gewissen Talent zur Analyse von Schriftstücken unbekannter Verfasser. Aber dies ist keine exakte Wissenschaft. Sie können jederzeit auf jemanden stoßen, der einzelne Aussagen anders wertet. Aber an der Gesamtnote kann es keinen Zweifel geben, die ist eindeutig.

Es ist auch zu berücksichtigen, dass Zeugnisse von höchst unterschiedlich ausgebildeten, qualifizierten und talentierten (für Feinheiten interessant) Personen geschrieben werden, die – wenn überhaupt – unterschiedliche Fachbücher lesen und verschiedene Software einsetzen. Der spätere Leser muss auch das mit berücksichtigen, er hat aber meist nur sehr vage Informationen über den Text hinaus.

Antwort/2:

Zu a) Das ist eindeutig positiv und anerkennend gemeint.

Zu b) Die Bewertung dieser Aussage ist nicht so einfach. Das liegt zunächst an einem „Fehler“ im Textaufbau: Man soll nach Möglichkeit in einem Satz in solchen Zeugnissen nicht Ursache und Wirkung in Zusammenhang bringen. Besser und einprägsamer ist es, die Aussagen zu trennen und sachlich nebeneinander zu stellen.

Beispiel:“Er zeichnete sich durch technisches Know-how, Anlagenkenntnisse und umfangreiche Erfahrungen aus, die er jederzeit in der Praxis anwendete.“ Das ist die Rohformulierung, mit der sich der Verfasser dann weiter beschäftigen muss. Dabei muss er die Fragen klären, ob er die beiden ersten Begriffe so „dünn + nackt“ im Raum stehen und sie damit schwächer bewertet aussehen lassen will (nur die Erfahrungen sind immerhin durch „umfangreich“ aufgewertet). Und ob er die Anwendung in der Praxis nur für die Erfahrungen gelten lassen oder auf alle drei Begriffe ausdehnen will (heute ist das unklar).

Dann käme ein selbstständiger Satz: „Er war in die Rufbereitschaft des Werkes integriert.“ Der hängt dann – wie die heutige Formulierung auch – etwas in der Luft, man wartet förmlich auf eine Ergänzung wie etwa: „… integriert und hat auch in dieser Funktion durch gewissenhafte Pflichterfüllung und besondere Zuverlässigkeit überzeugt.“

In der heutigen Kombinationsformulierung weiß man nicht, ob es dem Verfasser eigentlich nur um die Erwähnung der Rufbereitschaft ging, für die er dann einen Aufhänger suchen musste, über den er nicht weiter nachgedacht hat und was letztlich gemeint war. Ich habe, siehe oben, Know-how und Anlagenkenntnisse als schwächer, Erfahrungen als stärker bewertet empfunden. Ob das Absicht oder Zufall war, weiß ich nicht. Aber: Etwas weiter oben ist das Fachwissen als „fundiert + detailliert“ beschrieben worden. Ist ein Unterschied zum „Know-how“ bewusst gewollt oder gedankenlos in Kauf genommen worden? Man darf auch nicht hinter jeder Formulierung tiefgründige Bosheit vermuten.

Am besten liest man solche Formulierungen so, wie sie meist auch geschrieben wurden: schnell, recht oberflächlich und mit „mittlerem Tiefgang“, sonst überfordert man das Instrument.

Zu c) Die „gute Gabe“ ist gut gemeint, da bleiben keine Zweifel. Die schnelle Erfassung auch komplexer Sachverhalte ist tadellos. Sachlich + praxisnah in Diskussionen geht an, aber es fehlt, was beim zielorientierten „Vorgehen“ herausgekommen ist, daher dort meine Einschränkung.

Zu d) Hier haben wir wieder die unbedingt zu vermeidende Kombination von Ursache und Wirkung – mit der fatalen (möglichen) Einschränkung „nur wegen der Teamfähigkeit“, daher habe ich das etwas zurückhaltend gewertet. Wenn ich aussagen müsste, ob das beabsichtigt war, würde ich sagen: „Nein“ – aber es steht da nun einmal. Die Gesamtnote wird dadurch jedoch nicht ruiniert.Ihre Servicetechniker hat man vergessen – Schwamm darüber.

Zu e) Ich finde, das „Gesamtkunstwerk“ entspricht ganz gut dem Vorgespräch. Die nächste „richtige“ Steigerung wäre eine Gesamtnote „sehr gut“ gewesen – davon waren Sie, die Einzelergebnisse sprechen dafür, weit entfernt.

Zu f) Nein.

Zu g) Nein.

Zu h) Grundsätzlich gibt es das nicht. Die Dinge ändern sich dafür auch zu oft durch Neubesetzung der Personalleiter- und Fachvorgesetzten-Positionen: Neue Leute haben auch immer wieder neue Maßstäbe.

Bei enger räumlicher Nachbarschaft von Unternehmen, die oft auch zu engen Kontakten der Personalleute führt, kann eine solche Anwendung eines Korrekturfaktors schon einmal vorkommen. „Wir wissen, dass Müller & Sohn extrem streng beurteilt“, mag man dann schon einmal im Hause Schulze & Tochter sagen. Aber eine generelle Bedeutung hat das nicht. Es gilt, was schon bei Abi- und Examensnoten galt: Eine 1 ist eine 1, eine 3 eben eine 3. Ein ins Spiel gebrachter „extrem strenger Professor“ oder so klingt halt ziemlich nach Ausrede.

Also, geehrter Einsender, Sie können mit dem Dokument leben. Und, boshaft wie ich nun einmal bin: Bevor man nach dem Ausscheiden um bessere Formulierungen kämpft, strebt man lieber während der Tätigkeit nach einer kontinuierlich sehr guten Bewertung – wenn man denn Super-Noten im Zeugnis als Ziel hat.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2628
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-05-29

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