Heiko Mell

Ingenieurstudium und Psychologie: Passt das zusammen?

Heiko Mell

Frage:

Kurz zu meinem Werdegang: mittlerer Bildungsabschluss, allgemeines Abitur, Mechatronikerin, duales Studium zum Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen/Produktionsmanagement und bevorstehende Übernahme durch einen großen internationalen Konzern. Ich komme ursprünglich aus einer Arbeiterfamilie, habe wahrscheinlich deswegen eher klein angefangen, wollte aber nach jedem Schritt etwas mehr, immer etwas höher hinauf. So stellt sich mir in meiner Situation die für mich kopfzerbrechende Frage: Welchen Master (berufsbegleitendes Studium) schließe ich an?

Bisher habe ich drei große Interessenfelder für mich entdeckt. Ich mag Technik und Organisation. Diese beiden Aspekte lassen sich in meinem Bachelorstudiengang recht gut miteinander vereinen. Daher kommt auch der Master im Fach Wirtschaftsingenieurwesen weiterhin für mich infrage.

Studium: Welcher Master passt?

Zudem fühle ich mich mehr und mehr als Generalist, für manche zwar eher negativ behaftet, für mich aber genau richtig.

Drittes „heimliches“ Interessenfeld ist die Psychologie. Schon immer habe ich mich gefragt, warum Menschen wie reagieren. Dieser Gedanke wurde auch bestärkt, als ich während meiner Ausbildung und im dualen Studium Einblicke in die Praxis erhielt. Somit ist der andere für mich infrage kommende Master der im Fach Wirtschaftspsychologie. Eher unkonventionell, aber das mag ich.

Andererseits weiß ich von internen Stellenausschreibungen, dass dieser Master bis dato nicht als gesucht vorkommt. Daher stellt sich mir die Frage, was könnte ich in der Praxis mit Wirtschaftspsychologie machen?

Technik und Psychologie vereinen

Liebend gern würde ich Technik und Psychologie miteinander vereinen. Das Organisatorische steckt quasi ohnehin in mir. So etwas wie „Ingenieurwesen und Psychologie“ gibt’s aber auf dem Markt für Studierende nicht. Ich stecke in einer gedanklichen Sackgasse. Ein denkbarer Doppelmaster (Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftspsychologie) kommt für mich eher nicht infrage. Was würden Sie mir empfehlen?

Antwort:

Damit niemand denkt, ich hätte das Zentralproblem nicht erkannt: Es bringt dem Ratgeber nicht viel Freude, einem jungen Menschen Empfehlungen hinsichtlich der fachlichen Ausrichtung seines Studiums zu geben. Um zu einem Fachgebiet zu raten, müsste man mehr Informationen über die Persönlichkeit des Fragestellers, über seine Begabungen und Leidenschaften haben.

Rät man von einer „heimlichen Liebe“ ab, ist der Fragesteller erst einmal enttäuscht. Dann werden andere Leser mit eben dieser Ausrichtung zu Gegnern, wenn man diese Fachrichtung infrage stellt – und Professoren, die genau jenes Gebiet lehren, können auch sehr negativ reagieren, wenn man diese (und damit vermutlich noch weitere hier mitlesende) Fragestellerin von einem entsprechenden Engagement abzubringen versucht. Versuchen wir, einen möglichst sachlichen, auch für andere Leser interessanten Lösungsansatz zu finden:

  1. Nie ganz falsch ist es, auf einem einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Da mögen unterwegs lockende Versuchungen (Psychologie) auftauchen, aber ein extrem wichtiger Baustein der Berufswegplanung lautet: Mein Beruf soll mich u.a. auch ernähren. Ich brauche als Angestellter stets jemanden, der meine Qualifikation „kauft“, also dafür bezahlt. Und das wird erleichtert, wenn ich konsequent eine einmal eingeschlagene, von mir selbst ausgesuchte (!) fachliche Richtung beibehalte. Arbeitgeber mögen das.

Wenn ich nebenbei noch ein anderes Fachgebiet als äußerst interessant einstufe, bleibt mir immer noch das Hobby. Ich könnte mich in meiner Freizeit pausenlos mit dem zweiten Gebiet (hier: Psychologie) beschäftigen, alles darüber lesen – und das erworbene Wissen in meinem „Hauptberuf“ mit einsetzen. Wenn ich dann eines Tages mehr darüber weiß, „warum Menschen wie reagieren“, könnte ich eine besonders erfolgreiche Wirtschaftsingenieurin in einem dieser Ausrichtung entsprechenden Metier werden.

  1. Bei der Gelegenheit: Im typischen Berufsleben sind Sie Angestellte. D. h., nach offizieller Definition sind Sie „abhängig beschäftigt“ und „weisungsgebunden“. Damit sind bereits pauschale Einschränkungen hinsichtlich einer „optimalen freien Entfaltung der Persönlichkeit“, einer weitgehenden „Realisierung von Idealvorstellungen“ hinsichtlich Aufgabenstellung, fachlichen Wirkungsmöglichkeiten und Auslebung von Vorstellungen über den Einsatz bestimmter eher seltener zusätzlicher Qualifikationen verbunden.

Ein Beispiel außerhalb der Psychologie: Die von Ihnen selbst vorgenommene Einstufung „ich fühle mich mehr als Generalist“ hat erst einmal für Sie keine Zukunft. Es gibt wohl oben in der Hierarchie Positionen mit generalistischer Ausrichtung (Vorsitzender des Vorstands oder der Geschäftsführung, Leiter eines Geschäftsbereichs etc.), aber es gibt keine „generalistische“ Laufbahn dorthin.

Generalistische Laufbahn? Die gibt es nicht

Wer in eine dieser Positionen strebt, ist grundsätzlich gehalten, als klassischer Spezialist z. B. in der Entwicklung, im Projekt- oder Produktmanagement oder in der Produktion anzufangen, sich dort zu bewähren, in dieser Schiene aufzusteigen, eines fernen Tages fachfremde Verantwortung zusätzlich übertragen zu bekommen, bis er nach vielleicht zwölf bis zwanzig Berufsjahren tatsächlich generalistisch tätig sein darf.

++ Jetzt anhören: Prototyp – der ingenieur.de-Karrierepodcast ++ 

Fazit: Das Berufsleben unterliegt so vielen Regeln, Beschränkungen und Anforderungen, dass man es nicht auch noch mit Erwartungen wie „ich will nur das tun, was mir besonders erstrebenswert vorkommt“ überfrachten sollte.

Zufriedenheit darf – und sollte – man erreichen wollen. Sie entsteht, wenn eigene Ziele realisiert werden. Oft ist man dabei gezwungen, solche Ziele den Möglichkeiten anzupassen – und dann zufrieden zu werden (wer genau das will, was er auch erreichen kann, hat die große Chance, glücklich zu werden; dieses Wollen aber ist – im Gegensatz zum Können – durch ihn selbst manipulierbar).

  1. Sie haben schon festgestellt, dass interne Stellenausschreibungen Ihre Lieblingskombination „Ingenieurwesen und Psychologie“ nicht enthalten. Jetzt erweitern Sie Ihren Suchkreis noch auf externe überregionale Stellenausschreibungen im Internet, dann gewinnen Sie Planungssicherheit!

Es geht übrigens nicht darum, eine (!) Stelle in Ihrer Traumkombination zu finden und sie später nach dem Studium auch zu erhalten. Sehr oft will man sich dann auch eine Laufbahn in diesem Fachgebiet erschließen, also aufsteigen können.

Und mit dem Verlust einer entsprechenden Anstellung ist stets zu rechnen, dann aber brauchen Sie mehrere (!) andere Stellen dieser Art bei fremden Unternehmen, um nicht arbeitslos zu werden.

Nachfrage bestimmt das Studienfach

Ich würde also ein „exotisch“ klingendes Fachgebiet (aus Sicht der Industrie) nur studieren, wenn ich schon heute in Stellenangeboten eine hinreichend breite Nachfrage nach genau dieser Qualifikation läse.

Das Gegenargument dazu lautet: Dann gibt es niemals eine Veränderung, dann setzt sich niemals etwas Neues durch – Mell behindert den Fortschritt. Dabei will ich nur unsichere Anfänger vor gefährlichen Experimenten bewahren. Veränderungen und Neues gibt es dennoch – schon weil längst nicht alle Kandidaten dies lesen und längst nicht alle Leser kritiklos meinen Empfehlungen folgen. Wenn in einem jungen Menschen das „Feuer“ für eine unkonventionelle, vielleicht sogar etwas „verrückt“ klingende fremde Richtung nur heiß genug brennt, dann wird er es dennoch tun. Ich behindere also nicht den Fortschritt, ich rate nur jenen Menschen von Experimenten ab, die nicht absolut „wild entschlossen“ sind, jenen Weg mit ungewissem Ziel zu gehen.

  1. Nun wird es gefährlich (für mich, nicht für Sie). Denn die Psychologie ist ein aus Sicht von Ingenieuren recht spezielles Fachgebiet. Es gibt Psychologen z. B. im Personalwesen der Industrie und es gibt auch einige in eigentlich fachfremden Tätigkeitsbereichen, für die sie sich irgendwann qualifiziert haben.

Es gibt aber auch gestandene Psychologen, die ganz offen zugeben, dass ein von Nicht-Psychologen oft gepflegtes Vorurteil durchaus nicht ganz falsch ist: Oft wird diese Studienrichtung gewählt, weil die Studenten und nicht zuletzt die Studentinnen sich mehr Erkenntnisse über die speziellen Aspekte der eigenen Persönlichkeit erhoffen. Ich zitiere dieses Vorurteil nicht, um es weiter zu verbreiten, sondern um zu verhindern, dass Sie vielleicht in einen Bereich hineinstolpern, den Sie sich so und mit diesem Image in den Augen mancher Leute nicht vorgestellt hatten.

Davon abgesehen ist Psychologie eine absolut anerkannte Wissenschaft, die als solche eben nur spät und sehr allmählich in der Industrie angemessene Einsatzbereiche gefunden hat. Wie das in zwanzig oder fünfzig Jahren aussieht, kann niemand sagen.

  1. Meine Standardempfehlung lautet so: Sie haben mit dem Facharbeiterbrief in Mechatronik und mit dem Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen/Produktionsmanagement eine Richtung eingeschlagen, die Zukunft hat. Wenn Sie jetzt den dazu passenden Master erwerben, steht Ihnen ein breites berufliches Spektrum offen – auf rein ausführender Ebene ebenso wie im Leitungsbereich. Wenn Sie dazu Psychologie als Hobby betreiben und mit Erkenntnissen daraus nicht die Umwelt nerven, sondern dieses Wissen still und heimlich einsetzen, um bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen und mehr richtige Entscheidungen zu treffen, ist alles in schönster Ordnung.

Falls allerdings die Leidenschaft für die Psychologie so heiß ist, dass ein Beitrag wie meiner hier Sie keinesfalls abschrecken kann, wenn Sie Ihre Idee von „Technik + Psychologie“ (die es ganz sicher in Ansätzen irgendwo schon gibt) weiter leidenschaftlich verfolgen, wenn Sie den Frust und die Rückschläge nicht scheuen, die Pioniere auf neuen Wegen oft hinzunehmen haben – dann müssen Sie es tun. Aber eher aus Leidenschaft für ein Fachgebiet oder eine fachliche Kombination, weniger mit dem Ziel einer maximalen Karriere auf einem möglichst gut und einfach begehbaren Weg.

Zur abschließenden Präzisierung meiner Aussage zum Schluss: Psychologie als das Wissen vom Erleben und Verhalten des Menschen wird auch in der Wirtschaft und auch in der Technik seit langer Zeit und in breiter Form in verschiedener Art und Weise eingesetzt. Gemeint ist damit ein – laienhaft ausgedrückt – „psychologisch geschicktes“ Vorgehen, dessen Grundzüge jeder Vorgesetzte, jeder Vertriebsmitarbeiter, jeder Marketing-Fachmann kennen und beherrschen muss. Nur mit Absolventen eines entsprechenden wissenschaftlichen Studiums hat sich die Wirtschaft recht schwer getan. Für das Fachgebiet Wirtschaftspsychologie gibt es sicher angemessene Einsatzbereiche, auch wenn man sich manche davon würde erkämpfen müssen. Im Hinblick auf die Förderung von eventuellen Karriereambitionen bin ich jedoch etwas zurückhaltend.

Vor allem aber gilt: Lesen Sie Stellenanzeigen, wo immer die auch veröffentlicht werden. Suchen Sie nach Anforderungen, die Ihrer Lieblingskombination entsprechen. Und dann entscheiden Sie sich.

3.086. Frage, erschienen in VDI nachrichten 40/2020

Von Heiko Mell

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