Heiko Mell 02.01.2016, 11:59 Uhr

Promotion als FH-Absolvent?

Nach meinem Abschluss als Dipl.-Ing. (FH), Fachrichtung Maschinenbau, überlege ich zu promovieren. Vom Promotionsbeauftragten und dem Dekan der Hochschule wurde mir dies als nahezu unmöglich beschrieben, mir wurde abgeraten. Danach hatte ich den Plan begraben.

Aktuell tat sich allerdings eine Stelle auf, bei der im Rahmen der Tätigkeit eine Promotion für einen Dipl.-Ing. (FH) möglich ist – sowohl lt. Stellenbeschreibung als auch auf persönliche Nachfrage.

Ein erfahrener Dr.-Ing. an der FH gab mir jedoch den Rat, ohne einen Master bringe eine Promotion mir möglicherweise für den weiteren Berufsweg nichts. Ist eine Promotion ohne Masterabschluss möglich bzw. sinnvoll?

Antwort:

Ein Teil Ihrer Frage betrifft die deutsche Hochschulpolitik, betrifft gesetzliche und behördliche Regelungen und Vorschriften. Das ist jener Teil, in dem Sie fragen: „Geht das, ist das möglich, gibt es einen solchen Weg?“.

Vielleicht sind Sie verblüfft, wenn ich es so klar ausspreche, aber dieser Teil der Thematik ist für Leute der Praxis wie mich vollkommen uninteressant. Wir beschäftigen uns mit „fertigen“ Bewerbern, die den Dr.-Ing. nun haben oder nicht haben – wir gewichten das Resultat. Wer etwas vorzuweisen hat, der hat in diesem Lande darüber ein staatliches Zertifikat, das gleichzeitig bestätigt, dass er diesen Weg gehen durfte – und fertig ist die Geschichte.

Das gerade im öffentlichen Dienst so dominierende Denken in Vorschriften ist uns ziemlich fremd. Wenn wir einen Maschinenschlosser zum Geschäftsführer machen wollten, dann täten wir es, beispielsweise. Schließlich haben wir sechzehn Bundesländer, Hochschulpolitik ist Ländersache (fragen Sie mich bloß nicht, wie ich allein diese Tatsache finde), ständig wird in irgendeinem Bereich irgendetwas geändert, die Bezeichnungen bestimmter Hochschulen müssen offenbar ständig „angehoben“ werden, wobei selbstverständlich jedes Land sein eigenes Süppchen kocht.

Jemand wie ich kann (und will) nicht nebenbei noch Spezialist sein oder werden z. B. für feinsinnige Unterschiede zwischen Ländern wie Bremen und Sachsen.

Dennoch will ich Ihnen so gut zu helfen versuchen wie ich kann. Ich nehme dabei in Kauf, dass irgendein Detail nicht mehr den allerneuesten Regelungen entspricht, das teilt mir dann schon jemand in aller Deutlichkeit mit. Auf dieser Basis:

1. Ich nehme einmal an, Sie haben eine Fachhochschule besucht (auch wenn die vielleicht diese Bezeichnung nicht mehr führt, was derzeit groß in Mode ist).

2. Fachhochschulen haben kein Promotionsrecht, können also allein keinen Ingenieur zum Dr.-Ing. bringen. Der entsprechende Doktorand braucht einen Universitätsprofessor, der sein Projekt von Anfang an begleitet und letztlich das Promotionsverfahren durchführt. Mit der „Stelle“, auf der dieser Doktorand während dieser Zeit tätig ist, hat das formal eigentlich nichts zu tun, man kann aber beides durchaus miteinander verbunden haben.

3. Viele Fachhochschulen haben intern Strukturen geschaffen, die ihren Absolventen diese Promotion ermöglichen. Sie haben entweder die notwendigen Verbindungen zu Universitätsprofessoren oder sie haben die Promotion sogar institutionalisiert, indem sie beispielsweise ein eigenes Promotionskolleg eingerichtet haben (willkürliches Beispiel: FH Münster).

4. Selbstverständlich ist die Promotion stets – auch für Universitätsabsolventen – ein weiterführender Weg mit durchaus elitärem Touch und hohem Anspruch. So heißt es für Münster: „Hervorragende Studierende erhalten somit die Möglichkeit …“

5. Einen solchen Weg zur Promotion gab es schon, als wir noch gar keine Master-Abschlüsse kannten, er stand also bereits dem damals allein möglichen Dipl.-Ing. (FH) offen. Wenn man diesen Weg nicht ausdrücklich geschlossen hat, dürfte er zumindest formal weiter bestehen.

Aber: Heute gibt es fast überall die Bachelor-Master-Struktur. Auch in Münster heißt es u. a.: Bedingung für die Aufnahme in das Promotionskolleg ist der Master (ob es Ausnahmen für Dipl.-Ing./FH nach altem System gibt, weiß ich nicht).

Jetzt wage ich einmal etwas: Der „alte“ Dipl.-Ing. (FH) scheint in seiner wissenschaftlichen Qualifikation irgendwie zwischen Bachelor und Master zu stehen – zwar eindeutig über dem Bachelor, aber vielleicht ist der Master doch noch in dem für eine Promotion relevanten Bereich etwas höher anzusiedeln.

Das bedeutet: Als Sie sich in der heutigen Zeit für den Abschluss Dipl.-Ing. (FH) entschieden haben, wo es doch überall den Bachelor + Master gibt, haben Sie sich eher für den anschließenden Einstieg in die Praxis als für die Promotion entschieden.

6. Jetzt kommt etwas Besonderes: Irgendwie haben alle Leute, mit denen Sie gesprochen hatten, durchaus recht, alle von Ihnen recherchierten Informationen sind nicht ganz falsch: Der heute übliche Weg vom FH-Abschluss zur Promotion ist eher der über den Master, aber der über den Dipl.-Ing. (FH) dürfte auch noch offen sein.

Und auch jener Dr.-Ing. an Ihrer FH hat irgendwo recht: So richtig in der Praxis gesucht wird der FH-Dipl.-Ing. mit Promotion eigentlich nicht. Prüfen Sie einmal Stellenanzeigen auf diesen Aspekt hin: Wenn jemand einen Dr.-Ing. sucht, dann setzt er „automatisch“ ein vorangegangenes Uni-Studium voraus, er erwartet auch die damit verbundene „wissenschaftliche Tiefe“ eines solchen Studiums. Ebenso werden die für einen Dr.-Ing. vorgesehenen Tätigkeiten oft eine solche Ausrichtung des ganzen Studiums voraussetzen. Das oben erwähnte Promotionskolleg scheint darauf ausgerichtet zu sein, diesen größeren wissenschaftlichen Tiefgang nachträglich zu vermitteln.

„Den“ einzigen, sauber definierten Arbeitsplatz für Dr.-Ingenieure gibt es in der Praxis nicht. Diese werden dort eingesetzt, wo man die wissenschaftliche Vertiefung zwingend braucht, wo man diese gern mitnimmt (wo es also auch ohne gegangen wäre) und z. T. auch dort, wo weder eine Promotion noch ein Uni-Studium in der Stellenbeschreibung auftauchen und ein Dipl.-Ing. (FH) es auch getan hätte. Bei der Gelegenheit: Ein „Karriere-Turbo“ ist die Promotion in der Industrie pauschal längst nicht mehr. Abgesehen von wenigen Laufbahnen, wo sie gefordert wird oder empfohlen werden kann, gilt: Sie sollten Ihren persönlichen Anspruch an sich selbst zum Maßstab machen. Die bisherigen Examensnoten sind zusätzlich ein Indiz (mit 1,0 sollten Sie es unbedingt tun, mit 2,0 können Sie es eventuell noch tun, wenn Sie sehr gute Gründe haben, der Rest liegt dazwischen).

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Unser Bildungssystem ist auf Durchlässigkeit ausgerichtet: Kein in frühen Jahren gewählter Weg soll als Sackgasse enden, auch später sollen noch begabungsgerechte hochwertigere Abschlüsse möglich sein. Die Promotionsmöglichkeit für FH-Absolventen passt in dieses Konzept, ist aber eher Ausnahme als Regel.

Frage-Nr.: 2799
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-02-11

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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