Heiko Mell

Fachrichtung + Ort wechseln?

Ich habe im letzten Jahr ein wirklich sehr gutes Abitur abgelegt. Schon früh war die Studienrichtung Wirtschaftsingenieurwesen klar.

Infrage kamen dabei die zugehörigen Fachrichtungen Elektrotechnik oder Maschinenbau. Ich habe mich dann für Elektrotechnik entschieden. Irgendwann hatte ich nur noch auf die Berufsaussichten geschaut, dabei wurde Elektrotechnik als besser dargestellt. Ich habe meine Heimatstadt A für das Studium verlassen und bin an die TH nach B gegangen. Schnell hat sich aber herausgestellt, dass die Vertiefungsrichtung E-Technik für mich nicht die richtige ist und mir keinen wirklichen Spaß bereitet. Dennoch habe ich das nun zwei Semester durchgezogen, da für mich ein schlichter Abbruch undenkbar wäre.

Nun möchte ich in die Fachrichtung Maschinenbau wechseln. Ich hätte das sofort wählen sollen, aber ich verbuche es unter Erfahrungen. Ich denke, dieser Wechsel lässt sich im Lebenslauf durchaus „verkraften“, da ich es, offen und ehrlich gesagt, einfach zu Beginn nicht besser wusste und der grundsätzliche Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen ja beibehalten wird.
Vielmehr stellt sich für mich aber die Frage, ob Folgendes verkraftbar ist: Die TH in B wurde gegenüber uns Studenten dort von Anfang an in den Himmel gehoben. Die Uni selbst nimmt in Sachen Selbstinszenierung kein Blatt vor den Mund und lobt sich selbst als beste Universität, wo es nur irgendwie geht. Dadurch ist natürlich im Laufe der Zeit ein gewichtiger Name mit guter Reputation entstanden, wenn es auch hinter der Fassade tatsächlich in Sachen Lehre gar nicht so rosig aussieht.

Für mich stellt sich nun die Frage, ob es im Lebenslauf verkraftbar ist, gleichzeitig an eine „weniger angesehene“ Universität, namentlich die in meiner Heimatstadt A, zu wechseln. Denn wirklich wohl fühle ich mich in B bis heute nicht. Wenn es aber für bessere Karrierechancen notwendig ist, werde ich es auf mich nehmen, dort zu bleiben. Letztlich ist alles auch eine Geldfrage, dafür wäre die Rückkehr in die Heimat (A) günstiger. Zum späteren Master würde ich jedoch eine Fachrichtung wählen, die in A nicht angeboten wird.

Antwort:

Wir kennen in Deutschland die Bedeutung einer bestimmten Uni für die Karriere keinesfalls in der Größenordnung wie im angelsächsischen Raum oder in Frankreich. Jedenfalls gilt das für eine spätere Karriere in der Industrie. Natürlich kann es niemals schaden, von einer Uni mit besonderem Renommee zu kommen. Aber, um auch das zu sagen, dieses Image einer Uni darf Sie nicht etwa eine Examensnote kosten. Beispiel: Das Renommee Ihrer TH in B ist pauschal gesagt tatsächlich höher als das der Uni in A. Gehen Sie von beiden mit gleicher Studiendauer und einer 2 ab, wäre B etwas(!) interessanter gewesen. Schaffen Sie in B aber nur eine 3, wäre eine 2 in A vorzuziehen. Und, Sie werden das – leider – noch lernen (müssen): Es kommt in vielen Bereichen des Lebens stark auf das Image, den Schein einer Sache oder auch einer Institution an, weniger auf den wirklichen Inhalt. Der übrigens auch schwer zu ermitteln und zu definieren ist! Wenn Werbung in der Marktwirtschaft den Erfolg eines Produktes oder eines Unternehmens steigern kann – dann ist das ein starkes Indiz dafür, dass es um den wirklichen Wert gar nicht geht.

Also:

1. Wären Sie von Anfang an in A geblieben und hätten Sie Maschinenbau gewählt, wäre „alles gut“, Sie hätten kaum wirkliche Nacheile zu befürchten (weil Sie dann nie von B weggegangen wären).

2. Hätten Sie in B die E-Technik erfolgreich durchgehalten und abgeschlossen, wäre auch alles gut, vielleicht sogar ein klein wenig „besser“. Aber wenn die Fachrichtung Sie nicht anspricht, ist ein lebenslanges Dabeibleiben nicht zu verlangen, der Wechsel muss erlaubt sein.

3. Achtung: Sie wissen nur, dass E-Technik für Sie nichts mehr ist; noch haben Sie keine Information geliefert, dass Maschinenbau Sie nun doch fasziniert. Wenn E-Technik Ihnen nicht zusagt, wird Maschinenbau nicht automatisch zu etwas, das Ihnen „wirklichen Spaß macht“.

4. Der Fachrichtungswechsel dürfte mit Studienzeitverlängerung einhergehen. Wenn die in B und in A gleich groß ist, gibt es daraus weder Argumente für noch gegen einen Uni-Wechsel.

5. Der Fachrichtungswechsel ist später durchaus akzeptabel, würden Sie in B bleiben. So etwas kommt vor, junge Leute haben das Recht auf Irrtum (Einzahl, wohlgemerkt).

6. Ihre zwei Semester an der renommierten TH in B sind jetzt Fakten, die in einem korrekten Lebenslauf auftauchen müssten. Der Wechsel zu der etwas(!) weniger renommierten Uni in A fällt auf. Man weiß ja nicht, was in Ihrem Leben noch alles geschieht. Vermeiden Sie es, ohne Not den Eindruck hervorzurufen, Sie hätten weniger vor der E-Technik als vor allem vor der „elitären“ Anforderung an der TH in B „gekniffen“. Der doppelte Wechsel fiele auf. Er würde Sie nicht ruinieren, wäre aber ein Fleckchen auf Ihrer Weste. Und weil A Ihre Heimatstadt ist, sähe der Ortswechsel irgendwie auch nach „ist in der Fremde nicht zurechtgekommen“ aus. Vielleicht schickt Sie Ihr erster Arbeitgeber eines Tages nach Timbuktu, dort ist es noch „fremder“ als in B.

7. Die Verhältnisse an der Uni in A kennen Sie doch aus eigenem Erleben noch gar nicht. Vielleicht ist es dort noch schlimmer als an der schon bekannten TH in B. Also neige ich zu der Empfehlung: Bleiben Sie bis zum Bachelor-Abschluss in B, danach können Sie die Hochschule problemlos wechseln. PS: Dies hier war eine Ausnahme. Studiendetails sind im Regelfall für diese „berufspraxislastige“ Rubrik weniger geeignet.

Kurzantwort:

Ein Wechsel der Vertiefungsrichtung im laufenden Studium ist verhältnismäßig harmlos. Wird aber gleichzeitig ein Wechsel von einer als elitär geltenden zu einer eher als durchschnittlich angesehenen Uni am Heimatort vollzogen, bekommt die Geschichte einen Beigeschmack.

Frage-Nr.: 2768
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-07-30

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