Heiko Mell

Über hohe Intelligenz offen sprechen?

(Kürzlich fragte ein Einsender, ob er in seiner Bewerbung seine Mitgliedschaft im weltweiten Verein hochbegabter Menschen, der Mensa, angeben solle. Ich riet eher ab. Damit waren nicht alle Leser einverstanden. Interessanterweise schrieb kein Durchschnittsmensch, er würde so etwas in Bewerbungen gern lesen; aber u. a. legte eine offensichtlich positiv betroffene Einsenderin ihre Sichtweise dar; H. Mell):

Ihre eindeutig ablehnende Haltung bezüglich der Nennung der Mensa-Mitgliedschaft hat mich überrascht.

Ich bin Mitglied und erlebe, dass es beides gibt: Mitglieder, die damit offen umgehen und Mitglieder, die ihre Mitgliedschaft lieber verschweigen. Ich gehöre zur ersten Gruppe und habe nach meiner Aufnahme diese im engeren Kreis der Familie und Freunde, später sogar auf Facebook, offen kommuniziert.

Meine Erfahrung war, dass einige meiner Bekannten, die die Bedeutung kannten, mich neugierig darauf angesprochen und z. B. gefragt haben, wie so ein IQ-Test bei Mensa abläuft. Es gab auch lustige Situationen, in denen eine Diskrepanz zwischen meinem offensichtlich hohen IQ und meiner aktuellen besonderen Tätigkeit angesprochen wurde („und dafür brauchen wir also hochintelligente Leute“). Ich habe gelacht und weitergemacht, auch Ingenieure schmieren Brote …

Ich sehe zwei Gründe, die Mensa-Mitglied­schaft im Lebenslauf aufzuführen:

1. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass diese Information die Leute neugierig macht. „Hochintelligenz“ hat etwas Mystisches. Man möchte wissen, was für ein Mensch da kommt. Es erhöht also die Chance, zum Gespräch gebeten zu werden.

2. Ein hoher IQ ist ein Merkmal, das auf ein Bündel von Eigenschaften schließen lässt. Natürlich gibt es Stellen, wo man lieber IQ=125-Leute hat; nämlich da, wo in Unsicherheit schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber es gibt auch Stellen, wo man lieber IQ>130-Leute hat; nämlich da, wo es wichtig ist, Unstimmigkeiten schnell zu erkennen z. B. im Bereich des Qualitätsmanagements oder in der Analyse. Es wäre doch fatal, wenn jemand aufgrund einer fehlenden Einschätzung, die vermeidbar gewesen wäre, auf einer Stelle landet, die ihm gar nicht liegt.

Und zu guter Letzt: In meiner beruflichen Laufbahn war ich zweimal in einem Assessmentcenter, beide Male war auch ein IQ-Test enthalten, beide Male war also dem Personaler der IQ bekannt, beide Male hat man sich für mich entschieden. So schlimm kann das (also) nicht sein.

Zwei Fragen interessieren mich:

a) Wenn Sie für eine zu besetzende Position nach einem passenden Mitarbeiter suchen, wäre die Information „Mensa-Mitglied“ für Sie interessant?

b) Wenn die Mensa-Mitgliedschaft Ihnen bekannt ist, würden Sie den Bewerber deswegen grundsätzlich ablehnen oder würden Sie sich stattdessen fragen, ob die Mensa-Mitgliedschaft „in dem speziellen Fall“ auf einen passenden Kandidaten hinweist?

Antwort:

Sie sind FH-Ingenieurin, selbstständig, Inhaberin und Geschäftsführerin eines kleinen, offensichtlich erfolgreichen Dienstleistungsunternehmens, Mitglied im Bundesvorstand eines Wirtschaftsverbandes – und der Mensa.

Ich wiederum habe recht ausgeprägte analytische Fähigkeiten und höre in Texten gelegentlich „die Flöhe husten“ – manchmal auch schon, bevor die überhaupt „erkältet“ sind. Ich zeige es Ihnen am Beispiel:

Sie haben also Ihre Mensa-Mitgliedschaft im engeren Kreis der Familie und Freunde, später „sogar auf Facebook“ offen kommuniziert. Und diese Leute haben gelassen, positiv und z. T. mit Humor darauf reagiert. Das beweist bitte was, wenn die Frage gestellt wird, ob man diese Mitgliedschaft in Bewerbungen angeben soll? Nichts, wie Sie zugeben werden.

Zu Ihren genannten zwei Gründen für das Aufführen der Mitgliedschaft im Lebenslauf:

Zu 1: Ihr „Meine Erfahrung“ bezieht sich, der Schluss ist erlaubt, wiederum nur auf Freunde, Familie und Facebook-Kontakte, nicht jedoch auf Bewerbungen und die Reaktionen darauf. Ihr Werdegang weist eine Phase im elterlichen Unternehmen und dann die Selbstständigkeit aus. Das war es.

Zu 2: Da folge ich Ihnen sofort, das ist der Schlüsselsatz des ganzen Themas: „Ein hoher IQ ist ein Merkmal, das auf ein Bündel von Eigenschaften schließen lässt“, sagen Sie. Ich würde gern etwas variieren: „… das auf ein Bündel von Eigenschaften schließen lassen könnte, die wir gerade bei der zu besetzenden Stelle dringend suchen.“Letzteres ist der Kern dieser Geschichte. Sie sehen niemals in Personalanzeigen, dass eine hohe Intelligenz, ein hoher IQ, eine Mensa-Mitgliedschaft oder überhaupt nur Intelligenz gesucht werden. Was wir in der Praxis brauchen, ist jeweils (individuell positionsbezogen) ein bestimmtes „Bündel von Eigenschaften und Fähigkeiten“. Wie der Bewerber dazu gekommen ist, berührt uns erst einmal nicht.

Stets suchen wir das „Bündel“, nicht die Intelligenz, die vielleicht eine der Grundlagen dafür war. Man schreibe in eine Bewerbung: „kurzes Studium; Examen 1,5; zwei Auslandspraktika, ein Auslandssemester“; man lege sehr gute Zeugnisse renommierter Unternehmen über die Praktika und die Diplomarbeiten bei, man hinterlasse im Vorstellungsgespräch den Eindruck von dynamischer Frische, großem Engagement und ausgeprägter Kreativität, sei höflich und freundlich sowie gleichzeitig selbstbewusst, ohne arrogant zu wirken – und die Welt steht diesem jungen Menschen offen. Ob der nun noch dazu einen hohen IQ hat oder nicht, ist nicht weiter von Interesse.

Gegenbeispiel: Ein hoher IQ, Mensa-Mitglied­schaft, aber zwei Anläufe zum Abitur, zwei abgebrochene Studien, bei einem dritten gerade so durchgekommen – das nützt uns in der industriellen Praxis überhaupt nichts.

Also wollen wir auch nicht von einem bestimmten IQ auf ein von uns gesuchtes Eigenschaften-Bündel schließen – wir wollen das Bündel konkret sehen, ob nun mit oder ohne hohen IQ.

Ich muss dann noch auf Ihren unter „zu guter Letzt“ angehängten „Beweis“ eingehen: Er taugt leider nichts im angestrebten Sinne. Sie schreiben ja, dem Personaler war Ihr IQ aus dem Assessmentcenter-Test bekannt. Hier geht es doch nicht darum, ob Menschen berufliche Nachteile haben, wenn man irgendwann plötzlich ihre überdurchschnittlich hohe Intelligenz feststellt; hier geht es darum, ob ich in Bewerbungen sagen soll: „Achtung, ich bin vermutlich intelligenter als Sie.“

Zu Ihren abschließenden Fragen:

Zu a: Ja, die Information wäre schon interessant – wie jedes Qualifikationsdetail interessant ist. Je nach Position und Umfeld könnte das positiv, neutral oder negativ gewertet werden. Wenn ich einen Mitarbeiter für reine Routineaufgaben suche, könnte es auf eine Überqualifikation hinauslaufen. In jedem Falle würde ich schauen, was dieser Bewerber nun aus diesem Potenzial gemacht hat. Wenn so etwas auf allen relevanten Ebenen nur zu durchschnittlichen Resultaten geführt hätte, dann wäre mir ein durchschnittlich intelligenter Bewerber tatsächlich lieber als ein Mensa-Mitglied.

Zu b: Ich würde den Bewerber deshalb nie pauschal ablehnen, es sei denn, die Mensa-Mitgliedschaft würde sehr penetrant dargeboten. Aber ganz konkret: „Der Kandidat ist Mensa-Mitglied, also vermutlich besonders gut zum Anforderungsprofil passend“, kann ich mir so isoliert kaum vorstellen.

Abschließend noch eine Betrachtung zu diesem hochspeziellen Thema (mit dem wir ganz sicher viele nichtbetroffene Leser nicht vom Stuhl reißen): Was heißt „Ich bin Mensa-Mitglied“ anderes als „Ich bin ein hochintelligenter Mensch“? Unter der sehr wahrscheinlichen Voraussetzung, die unausgesprochen dahinter steht: „Du, lieber Bewerbungsempfänger, bist das vermutlich nicht.“ Nur in Ausnahmefällen gelangt eine Mensa-Bewerbung ausgerechnet auf den Tisch einer Unternehmenschefin, die selbst Mitglied ist. Und auch da ist nicht sicher, ob sie sich darüber freut (vor allem, wenn der IQ des Bewerbers noch einige Punkte höher ist).

Frage-Nr.: 2811
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-04-14

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