Heiko Mell

Sollten Berufseinsteiger kleine Unternehmen meiden?

Anmerkung von Heiko Mell: Die Geschichte des Berufseinsteigers, der in einer kleinen Firma anfing und kurz danach schon wieder draußen war, bewegt die Gemüter. Angesprochen sind die Fragen 2.808 und 2.838. Hier ein weiterer Gesichtspunkt:

Leserbrief:

Ich stimme Ihnen voll zu, dass Sie die Dinge schildern müssen, wie sie sind und dass Änderungen im System von Ihrer Seite nicht erreicht, sondern bestenfalls angestoßen werden können.

Trotzdem vermisse ich einen entscheidenden Hinweis, und hier spreche ich aus eigener Erfahrung nach 37 Dienstjahren bei inhabergeführten mittelständischen Unternehmen:

Ein Absolvent sollte es tunlichst vermeiden, als ersten Arbeitgeber eine zu kleine Firma zu wählen.

Ich hatte meine erste Anstellung nach der Uni bei einem 180-Personen-Unternehmen; da waren schon einigermaßen Strukturen vorhanden, die eine sinnvolle Einarbeitung möglich machen. Meine ersten acht Berufsjahre dort waren dann auch erfolgreich, ich habe sie jetzt noch in guter Erinnerung. Vor Unternehmen kleiner als 100 Beschäftigten kann ich einen (Hochschul-)Absolventen nur warnen (von den üblichen löblichen Ausnahmen einmal abgesehen). Der Inhaber dominiert dort fast alles. Die Einarbeitung ist oft ein Trial-and-Error-Verfahren, man ist dort sehr oft schlicht nicht darauf eingerichtet.

Hinzu kommt, dass der Neue einer von relativ wenigen Hochschul-Absolventen innerhalb der Belegschaft ist und dann auch noch überdurchschnittlich verdient. Da wird er schnell als zu teuer empfunden, sobald man entdeckt, dass er im ersten Beschäftigungsjahr nur Geld kostet (Achtung: Das ist so, gilt aber auch für Anfänger im Konzern und möge diese vor „Höhenflügen“ bei Forderungen und Erwartungen bewahren; H. Mell).

Deshalb: Finger weg von solch einem Engagement! Das Risiko, dass hinterher der Lebenslauf mit einem gescheiterten ersten Anlauf in das Berufsleben endet, ist einfach zu hoch.

Wobei ich nichts gegen kleinere Unternehmen grundsätzlich habe. So finden Studienabbrecher, die ja oft trotzdem in ihrem speziellen Fachgebiet ein gutes Wissen haben können, dort häufig eine gute Bleibe – und sie passen dort auch besser in das Gehaltsgefüge.

Antwort:

Ich weiß nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Vielleicht ist es besser, ich lasse meine optimistische Grundeinstellung dominieren und lächle etwas bemüht: Wir stehen hier kurz vor einem „Selbstläufer“. Das ist ein Thema in einer Kolumne, das erst einmal kontrovers diskutiert wird. Jeder dieser veröffentlichten Diskussionsbeiträge provoziert wiederum andere Leser zu Äußerungen – und eines Tages trägt sich diese Serie selbst, lebt völlig aus sich heraus und der Kolumnist muss nur noch sortieren, nummerieren und alle paar Minuten still etwas vor sich hin flüstern, was an den Zauberlehrling und dessen nicht mehr loszuwerdende Geister erinnert.

Ich zeige Ihnen jetzt, was Sie angerichtet haben: Da ist Ihre Kernaussage, man meide solche Arbeitgeber. Das schneidet diese vom akademischen Nachwuchs total ab und kann daher durchaus zu erregten Reaktionen führen.

Dann könnten sich die Inhaber kleiner Firmen persönlich angegriffen fühlen, sie könnten auf die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Unternehmen verweisen und auf ihre unternehmerischen Leistungen – und sie könnten sich jegliche Diskriminierung in dieser Zeitung (viele werden Vereinsmitglieder sein) verbitten.

Und was Ihre „großzügige“ Definition von Kleinunternehmen als Sammelbecken für geringer zu bezahlende Studienabbrecher angeht – da muss ich sicher keine weitere Erläuterung der Glücksgefühle geben, die dieser Satz vermutlich dort auslöst.

Falls das alles nicht reicht, bleiben uns die angestellten Leser mit einschlägigen Erfahrungen sowohl dieser als auch jener Art. Allein damit ließe sich der Selbstläufer einige Monate füttern.

So, nun aber zum Kernargument Ihrer Zuschrift: Absolventen, lasst die Finger von kleinen Unternehmen. Das kann ich so pauschal nicht stehen lassen! Ich sehe die Zusammenhänge so:

1.Ich schildere hier und in meinen anderen Publikationen oft den klassischen, den Standard-Weg einer Karrieregestaltung: Man beginnt als (zwangsläufig) kleiner Mitarbeiter in einem größeren Unternehmen. Geht es dort nicht so richtig vorwärts, wechselt man in die nächstkleinere Unternehmensgrößen-Kate­gorie. Dort „imponiert“ die Herkunft aus dem größeren Hause, der Bewerber kann diesen „Schub“ nutzen, um beim zweiten Arbeitgeber eine Stufe höher einzusteigen. Läuft es dort nach der üblichen Zeit auch nicht weiter wie gewünscht: Wechsel wiederum zum nächstkleineren Hause, hierarchischer Aufstieg inbegriffen. Und so kann aus dem Sachbearbeiter eines Großkonzerns am Ende der Geschäftsführer eines soliden Mittelständlers werden.

2.Ich werde mich hüten, aus diesem von mir gern gegebenen Hinweis auf einen bewährten, funktionierenden Weg eine Zwangsempfehlung zu machen, denn

2.1 gibt es Mitarbeiter, die sich für den großen Betrieb schlicht nicht eignen (um das herauszufinden, werden während des Studiums Praktika so warm empfohlen). Scheitert man aber beim namhaften Großbetrieb, ist das schlechte Abgangszeugnis quasi „in Marmor gemeißelt“. Jemand mit einer solchen Persönlichkeitsstruktur wäre gut beraten gewesen, gleich etwas kleiner eingestiegen zu sein.

2.2 finden selbstverständlich nicht alle Absolventen eine Startposition bei einem der großen Arbeitgeber. Eine Empfehlung für den Berufswegbeginn darf aber nicht den Eindruck vermitteln, mit der ersten Niederlage im Bewerbungsprozess sei nun „alles aus“.

2.3 sind auch Anfänger in Kleinbetrieben schon langfristig glücklich geworden und würden sich dagegen wehren, ihren Weg als „nicht gangbar“ abgestempelt zu sehen.

3.Ihre Definition, im Kleinbetrieb sei der Inhaber „alles“ ist ebenso richtig wie Ihr Hinweis auf „Versuch und Irrtum“, der dort oft praktiziert wird. Aber: Wenn Inhaber dort „alles“ beeinflussen, dann tun es die „schlechten“ in Richtung „unerträglich“ und die „guten“ in Richtung „vorbildlich“. Reden wir über leuchtende Beispiele, reden wir über Leute wie mich: Ich habe als Inhaber einer kleinen Gesellschaft eines Tages einen akademischen Berufsanfänger eingestellt. Er ist mehr als 20 Jahre dort geblieben und hat beim internen Aufstieg alles erreicht, was überhaupt möglich war.

Sagen wir es so: Konzerne sind auch nicht das Maß aller Dinge, aber sie sind weniger von einer einzelnen Person an der Spitze geprägt (obwohl es auch das gibt). Kleine Unternehmen sind klar inhabergeprägt („ich bin das Unternehmen“ hat einer davon einmal zu mir gesagt) – was unser Thema dort viel mehr zu einem der beiden möglichen Extreme hinzieht. Aber eben keineswegs nur zur schlechteren Seite.

4.Wie immer man die Geschichte auch beurteilt: Arbeitslosigkeit ist gar nichts, der Start ins Kleinunternehmen ist in jedem Fall eine Chance.

5.Die Sache mit dem „Auffangbecken für Studienabbrecher“ schenke ich mir heute. Richtig ist: Großbetriebe können mit diesen wenig anfangen.

6.Was ich unbedingt loswerden muss: Nach meiner nun wirklich ungewöhnlich großen und breiten Erfahrung ist jede zu besetzende Position irgendwie, irgendwann von irgendwem in den Griff zu bekommen. Kürzer: Jedes dieser Probleme ist lösbar! Chefs haben schon vier Leute nacheinander wieder nach Hause geschickt. Dann kam der fünfte, fing an zu arbeiten – und alles war gut. Und nicht etwa, weil der Chef inzwischen resigniert oder dazugelernt hätte. Es gibt einfach tatsächlich für jedes Problem eine personelle Lösung. Manchmal dauert nur die Suche etwas länger.

Frage-Nr.: 2861
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-02-16

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