Heiko Mell

Ist ein guter Projekt- auch ein guter Abteilungsleiter?

Ich bin Mitte 30 und seit Studienende (abgesehen von einem abgebrochenen Promotionsversuch) bei einem Großunternehmen in verschiedenen Positionen tätig. Ich habe weitergehende Ambitionen und strebe mittelfristig eine Führungsposition (Ziel: mind. Abteilungsleiter) an.

Bisher habe ich jedoch den Einstieg in diese Laufbahn nicht geschafft. Meine wichtigsten Daten: Abitur „gut“, Diplom „sehr gut“, beim derzeitigen Arbeitgeber Teil- und Projektleiter Verfahrensentwicklung, dann Wechsel als Projektleiter in die Produktentwicklung, zuletzt zusätzliche Ernennung zum stellvertretenden Gruppenleiter.

Als Hintergrundinformationen zu „Führungserfahrung und Sozialkompetenz“: mehrere Jahre Klassen- und Schulsprecher (interessiert das bei meinem heutigen Alter noch jemand?), seit vielen Jahren nebenberufliches ehrenamtliches Engagement in Führungsposition bei einer Hilfsorganisation.

Nun zum bisher nicht geschafften Einstieg in die Führungslaufbahn: Es gibt bei uns einen sogenannten Nachwuchskreis, in den Kandidaten mit erkennbarem Potenzial für weiterführende Funktionen auf Empfehlung des Vorgesetzten aufgenommen werden. Aus diesem Kreis werden offene Führungspositionen (in der Regel Gruppenleiterstellen) besetzt.

Nachdem ich in mehreren Gesprächen positive Signale seitens meines Vorgesetzten zu meiner weiteren beruflichen Entwicklung erhalten hatte, gab es vor ca. zwei Jahren ein Gespräch mit diesem Chef und der Personalabteilung, aus dem heraus die Aufgabe an den Abteilungsleiter ging, meine Aufnahme in den Nachwuchskreis zu bedenken. Zu diesem Zeitpunkt kamen die ersten Gerüchte auf, dass unsere Gruppe zur Nachbarabteilung „verschoben“ werden sollte. Die Umorganisation fand dann tatsächlich statt.

In der Folge haben sowohl mein ehemaliger Vorgesetzter, von dem es bis dahin positive Signale gegeben hatte, als auch mein neuer und derzeitiger Vorgesetzter (der mich damals gerade mal 4 Wochen kannte) meine Aufnahme in den Nachwuchskreis abgelehnt. Die Begründung „das Umfeld hat sich geändert“ war sehr unbefriedigend, da ich keine Chance hatte, an mir zu arbeiten, mich in irgendeiner Weise zu verbessern. Sehr viel später gab es noch die Begründung, ich sei für eine Führungsaufgabe zu zurückhaltend.

Auf mich wirkt das vorgeschoben:
– weil es über ein halbes Jahr gedauert hat, bis diese Begründung kam,
– weil es seitens meines ehemaligen Vorgesetzten nie Hinweise in diese Richtung gegeben hatte und
– weil ich der Meinung bin, dass ich mit Zurückhaltung keine Projekte hätte erfolgreich bearbeiten können.

Interne Bewerbungen um Führungspositionen ohne Mitglied in Nachwuchskreis zu sein, blieben erfolglos.

Ich wäge nun folgende Möglichkeiten ab:
a) Ich bleibe und versuche, gegen die Intentionen meines Gruppenleiters über meinen Abteilungsleiter den Sprung zu schaffen.
b) Ich wechsele in eine andere Abteilung und versuche es dort, verliere aber dabei Zeit, weil ich dort zunächst unbekannt bin.
c) Ich wechsele extern und versuche dabei den Sprung in eine Führungsposition.

Antwort:

Ich habe nicht jedes Detail Ihrer Geschichte verstanden, vor allem was alte und neue Gruppenleiter angeht, aber darauf kommt es nicht an. Schauen wir mal, was wir an greifbaren Fakten haben:

1. Sie waren in der Schule Klassen- und Schulsprecher. Das beweist, dass „in grauer Vorzeit“ Schüler Ihnen ihr Vertrauen gegeben und Sie zum Sprecher gewählt haben. Mehr beweist das kaum – außer dass man eine gewisse Routine erwirbt im Organisieren, im Leiten von Besprechungen und wohl auch im Wahlkampf.

Wenn aber danach nichts mehr kommt in Richtung Führung oder Sozialkompetenz, ist der Effekt verpufft. Sie könnten in Ihrer Entwicklung seit damals stehen geblieben sein, während die anderen sich weiterentwickelt haben. Ihr Vorsprung von damals könnte aufgebraucht sein.Außerdem werden Klassensprecher von unten gewählt, betriebliche Führungskräfte jedoch von oben ernannt. Das ist hinsichtlich der auszuwählenden Persönlichkeit schon ein Unterschied! In meiner Erinnerung waren Klassen- und Schulsprecher oft im Konflikt mit den „vorgesetzten“ Lehrern und Schuldirektoren. Wenn überhaupt ein solcher Vergleich möglich und sinnvoll ist, dann steht der Klassensprecher (der nicht Klassenführer heißt) dem Betriebsrat näher als dem Abteilungsleiter.

In Würdigung aller Fakten und Entwicklungen sage ich in Ihrem Fall: Lassen Sie diese alten Funktionen heute im Lebenslauf lieber weg.

 

2. Sie sind ein „Einser-Kandidat“. Diese sind immer fachlich gut, scheitern auch praktisch nie an Fachproblemen, harmonieren aber oft nicht perfekt mit dem System. „Fachlich tüchtig (siehe Projektarbeit), aber wirkt nicht wie eine Standard-Führungskraft des Hauses“, sagen die entscheidenden Leute dann.

 

3. Sie könnten in den Augen Ihrer Chefs ein Grenzfall sein, den sie je nach Situation immer wieder anders beurteilen. Jedenfalls reicht das Positive Ihres Erscheinungsbildes nicht aus, um dauerhaft als künftige Führungskraft anerkannt zu werden. „Zu zurückhaltend“ heißt einfach „passt als Typ nicht“.

 

4. Symptome, die irgendetwas bedeuten, aber in diesem Informationsumfeld zu schwach sind, um eine genaue Diagnose zu ermöglichen:

4.1 Für einen Einser-Mann ist eine abgebrochene Promotion irgendwie nicht so toll, selbst wenn Sie im Detail eine Begründung liefern. Das sind zwei in den Sand gesetzte Jahre Ihres Lebens.

4.2 Wenn Sie wieder einmal mit einem Gruppenleiter zusammensitzen, dann achten Sie darauf, dass nicht „daraus die Aufgabe an den Abteilungsleiter geht, …“ Gruppenleiter in Gemeinschaft mit Projektleitern (zu denen Sie damals gehörten) stellen vorgesetzten Abteilungsleitern keine Aufgaben. Auch nicht, wenn die Personalabteilung anwesend ist.

 

5. Sie mögen mit der Umorganisation auch etwas Pech gehabt haben, aber dennoch schimmert aus meiner Sicht ganz klar ein „harter Kern“ Ihrer Geschichte durch: Dieses Großunternehmen will Sie nach seinen Maßstäben nicht zur Führungskraft berufen. Das sollten Sie erkennen und akzeptieren. Das bedeutet nicht, dass Sie ein schlechter Mensch sind.

 

6. Ihre Theorie „Weil ich gute Projektarbeit mache, würde ich auch ein guter Abteilungsleiter sein“, ist absolut falsch. Dann brauchte man ja keine Nachwuchskreise mehr und könnte gleich alle Projektleiter befördern. Dazwischen aber liegt ein Dimensionssprung.

Fazit: Wenn Sie etwas erreichen wollen und fest an sich und Ihr Talent glauben, dann müssen Sie für Ihre Ziele kämpfen. Aber nicht auf dem „Platz“, auf dem Sie schon so viele Niederlagen hinnehmen mussten. Sehen Sie es einmal so: Diese Welt ist voller Abteilungsleiter und Geschäftsführer, deren Bewerbungen in Ihrem Hause absolut erfolglos bleiben würden. Damit sagt Ihr Arbeitgeber nicht: „Die eignen sich nicht zum Manager“, er sagt nur: „Die eignen sich nicht für den Einsatz bei uns.“

Also gehen Sie woanders hin. Und wechseln Sie bei der Gelegenheit am besten auch den Unternehmenstyp. Ein anderes, Ihrem heutigen Arbeitgeber vergleichbares Großunternehmen hat vergleichbare Maßstäbe, denkt und entscheidet ähnlich. Versuchen Sie es einmal im Mittelstand. Nicht weil der etwa Auffangbecken für Konzerngeschädigte wäre, sondern weil Sie dort – vielleicht – von Anfang an besser aufgehoben gewesen wären. Oder: Niemand passt überall gleich gut hin.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2251
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-08-27

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