Heiko Mell

Vom schlechten Abitur zum Konzern-Bereichsleiter?

Frage/1: Auslöser meines Briefes war Ihre Auffassung in Frage 1.627: schlechtes Abitur + gutes Examen = mangelndes Selbstbewusstsein – kein Karrieretyp. Kann es sein, dass Sie an dieser Stelle ein wenig zum Pauschalieren neigen?

Frage/2: Ich selbst habe mein Abitur mit 3,2 gemacht und – nach dem Grundwehrdienst – mein Diplom zum Maschinenbauingenieur (FH, Begründung: Praxisnähe) nach neun Semestern hingegen mit der Gesamtnote „gut“ und einer „sehr gut“ bewerteten Diplomarbeit.

Frage/3: Im direkten Anschluss an das Studium (Bewerbungen während der Diplomarbeit) gelang mir über ein Assessment der Direkteinstieg bei einem großen deutschen Konzern in einem Zweigwerk.
Ich war dort von Anfang an in einem bestimmten Fachbereich tätig. Zunächst lernte ich Systeme und Abläufe des Unternehmens kennen. Dann übernahm ich verschiedene Projekte, durch die ich mit dem operativen Geschäft vertraut wurde. Dort sammelte ich die so wichtige Erfahrung, dass der Erfolg eines Vorhabens stark vom Identifikationsgrad der Mitarbeiter „vor Ort“ abhängt. Zuletzt arbeitete ich in der Planung meines Fachbereichs.
Ich hatte seit dem Einstieg stets bekundet, dass es mein Ziel war, Führungsaufgaben zu übernehmen. Der Bereichsleiter, dem ich zwischenzeitlich auch direkt unterstellt war, war stets mit meinen Leistungen sehr zufrieden (was sich im späteren Zwischenzeugnis auch widerspiegelte), meinte aber, dass es für Führungsaufgaben noch zu früh sei. Da er auch nach mehr als drei Jahren seit Einstellung noch dieser Meinung war und zahllose Gespräche nicht weiterführten, bewarb ich mich auf interne Stellenausschreibungen – mit Erfolg.

Frage/4: So wechselte ich nach vier Jahren zu einem anderen Teil des Konzerns, blieb aber in meinem Fachgebiet. Im zuvor geführten Gespräch mit dem dortigen Fachbereichsleiter stellte man mir neben besseren Bezügen eine Führungslaufbahn in Aussicht.
Das liegt jetzt ein Jahr zurück, ich arbeite in der …planung als eine Art Gruppenleiter (Führungsnachwuchskraft) mit einem größeren Team fachlich unterstellter Mitarbeiter. Erst nach dem erfolgreichen Absolvieren eines internen Prüfungsprozesses, der noch aussteht, kann ich mit der Übertragung auch der disziplinarischen Personalverantwortung rechnen.

Was kann und soll ich Ihrer Meinung nach noch erreichen? Ich stelle mir vor: erfolgreiches Bestehen dieses Prüfungsprozesses mit guter Beurteilung, nach drei bis fünf Jahren Aufstieg zum Abteilungsleiter, eventuell über Auslandsaufenthalt, mögliche Endposition als Hauptabteilungs-/Bereichsleiter.Erscheint das aus Ihrer Sicht realistisch?

Für Ihre sehr geschätzte, wenn auch meist ernüchternde Antwort wäre ich Ihnen dankbar.

Antwort:

Antwort/1:

Das hat Sie geärgert, nicht wahr – weil Sie es auf sich bezogen haben (siehe Frage/2 weiter unten). Aber wir müssen im genannten Fall 1.627 auch die extreme Ausgangssituation sehen: Dort hatte jemand ein Abitur von 3,6 und später ein Studienexamen von 1,9 erreicht, wurde von seinem Arbeitgeber ständig befördert (bis zum GF) – was er gar nicht gewollt hatte! Er schrieb: „Eigentlich wollte ich keine Karriere machen … Ich hatte immer Bauchschmerzen und war getrieben von der Angst, etwas falsch zu machen … Bei mir funktioniert der Mechanismus der Selbsteinschätzung und -kritik nicht.“

Und diesem Leser, dem es nach eigenen Angaben an Selbstbewusstsein mangelte, schrieb ich: „Schlechtes Abitur + gutes Examen = potenzielle Konfliktbasis.“ Und ich sagte: „… 3,6 im Abitur ist so unendlich tief ‚unten‘!“

Nach meiner Information ist 3,6 so ziemlich das Ende der erlaubten Skala, also das allerschlechteste der überhaupt denkbaren Resultate – 3,9 oder gar 4,x sieht man niemals, das gibt es wohl überhaupt nicht. Und über einen derart extrem schlechten Schüler sagte ich: „Er hat keine Erfolgserlebnisse, er lernt keine vernünftige Relation zwischen Leistung und Erfolg kennen, sein diesbezügliches Selbstbewusstsein entwickelt sich nicht richtig. Es fehlt die Einstimmung auf “Ich bin ein Erfolgstyp“. Und ich riet Menschen, die das Talent zum Uni-Examen mit 1,9 haben, vom Abitur mit 3,6 ab. Ich bleibe dabei. Und wenn Sie begabte Kinder haben, die ein Gymnasium besuchen, sollten Sie denen auch abraten, ein so schlechtes Abitur hinzulegen. Und wissen Sie, was ich glaube: Sie würden das auch tun.

Natürlich weiß auch ich, dass es Fälle gibt, in denen Menschen mit schlechtem Abitur hohe Karrierepositionen erreichen. Aber die müssen irgendwann viel Energie aufwenden, um „von unten hoch“ zu kommen. Wer hingegen schon sein Abitur mit 1,x macht, hat es deutlich leichter, das für die Erstanstellung bei großen Firmen so wichtige gute Examen zu erzielen. Auch bei diesem Thema gilt: Überragendes Talent setzt sich zwar immer und überall durch, notfalls überspielt man damit sogar ein völlig fehlendes Studium. Aber sich auf Beispiele zu berufen, die 0,x Promille der Bevölkerung mit jenem überragendem Talent betreffen, ist gefährlich.

Für den „gehobenen Durchschnittstyp“ ist die Kombination „Abitur gut + Examen gut“ eine höchst solide, unbedingt empfehlenswerte Grundlage für eine erfolgreiche Berufslaufbahn (zeigt, liebe Eltern, diese Aussagen rechtzeitig euren Kindern; sie werden sie nicht glauben, aber ihr fühlt euch besser).

 

Antwort/2:

Es war sehr vernünftig, mit einem Abitur von 3,x die TH/TU zu meiden (man darf das ruhig „Praxisnähe“ nennen). Ich sehe sehr viele Lebensläufe, in denen solche Experimente scheitern. Bei FH-Absolventen zeigt sich nun auffallend oft, dass ihr Examen etwa eine Note über dem Abiturresultat liegt (das ist praktisch Standard), während ein TH/TU-Studium meist exakt wieder zum Abiturniveau führt. Die Diplomarbeit mit „sehr guter“ Note wiederum ist bei FH-Absolventen des oberen Leistungsbereiches fast schon üblich.

Also: Was Sie bis dahin getan haben, war bei der Ausgangslage sinnvoll und vernünftig, das Resultat war bei der Gesamtkonstellation „normal“ bis „zu erwarten“ – alles ist bis dahin tadellos (aber eigentlich unspektakulär) gelaufen. Nur Ihr „hingegen“ gehört da nicht hin, ihm fehlt die Basis.

 

Antwort/3:

Alles ist wiederum positiv, jedoch völlig „normal“ gelaufen. Bis auf Ihre „fixe Idee“, unbedingt sofort führen zu wollen. Sie waren so um 29 Jahre alt, standen drei Jahre im Beruf – und Ihr Chef hatte Recht. Natürlich gibt es auch einmal Ausnahmen, aber gerade in großen Firmen ist man oft etwas zurückhaltend in dieser Frage. Schließlich braucht ein guter Vorgesetzter ja auch ein bisschen Lebenserfahrung und menschliche Reife. Die wollen wir einem rüstigen Endzwanziger nicht absprechen, aber: Bedenken Sie bitte, wie Sie aus jugendlicher Unvernunft den armen Chef genervt haben müssen! „Zahllose Gespräche“ haben Sie mit ihm geführt, alle zum selbigen Thema, alle gleichermaßen ergebnislos. Der arme Mann hat ja am Schluss schon gezittert, wenn Sie zur Tür hereinkamen.

Aber ich habe ein Bonbon für Sie! In Ihrem Zwischenzeugnis steht: „… er engagierte sich immer über das erwartete Maß hinaus.“ Das ist uneingeschränkt toll, Arbeitgeber lieben das. Nur: Hätten das schon Lehrer in der Schule über Sie gesagt, dann hätten Sie bereits im Abitur ein „Gut“ gehabt – und sich beispielsweise nicht über meine Aussagen zu Frage 1.627 ärgern müssen (das ist nun mal die mir eigene Bosheit, tragen Sie es mit Fassung).

 

Antwort/4:

Das sieht doch alles sehr gut aus! Sie sind jetzt Anfang 30, stehen kurz vor der Übernahme disziplinarischer Führungsverantwortung (die fachliche haben Sie schon). Sie sind dann im Management eines der führenden deutschen Konzerne tätig – auch ich sehe derzeit keinen Grund, warum Sie nicht den weiteren Sprung in die nächste Ebene schaffen sollten.

Die „Krönung“, der Aufstieg in die Hauptabteilungsleiter-/Bereichsleiterebene, lässt sich nicht mehr so einfach planen.

Dafür ist, soll sie in einem bestimmten Konzern gelingen, mehr erforderlich als gutes Arbeiten in den Ebenen darunter. Da muss dann auch im richtigen Zeitfenster (Sie dürfen nach Konzernmaßstäben nicht noch zu jung/unerfahren und nicht schon zu alt sein) eine freie Position auftauchen – und es darf nichts geschehen, was gerade Ihnen die Petersilie verhagelt (ausgerechnet das Werk, in dem Sie tätig sind, wird geschlossen oder man zieht sich aus Ihrem Produktbereich zurück und verkauft Sie oder Sie gehören zum Bereich eines gerade in Ungnade gefallenen Top-Managers etc.).

Aber Sie haben eine Wahl zwischen zwei Primärzielen und damit zwei Wegen:

a) Sie wollen vorrangig Bereichsleiter werden. Dann müssen Sie so etwa drei Jahre nach der Ernennung zum Abteilungsleiter schauen, wo Sie jetzt die nächste Stufe erreichen. Wenn sich konzernintern keine realistische Chance abzeichnet, dann müssen Sie extern Ausschau zu halten beginnen. Jedes etwas kleinere Unternehmen mit etwa 5.000 bis 20.000 Mitarbeitern würde dann Ihre Bewerbung mit großem Interesse lesen. Sie müssen nur aufpassen, dass Sie nicht fünfzehn oder zwanzig Dienstjahre beim derzeitigen Arbeitgeber ansammeln, dann würde ein Wechsel schwierig.

b) Sie werten den Verbleib in diesem Konzern höher als alles andere. Dann nehmen Sie dort mit, was noch zu bekommen ist (auch außerhalb der bisherigen klaren beruflichen Linie), akzeptieren aber auch die Grenzen und möglichen Enttäuschungen, die sich ergeben können. Sehr viele Konzernangestellte denken so – aber die Variante a ist eher einem Manager angemessen. Und bei b können Sie auch erst „nichts“ werden und dann später dennoch verkauft bzw. entlassen werden. Damit hätte sich dann das reine Ausharren absolut nicht ausgezahlt.

PS. So „ernüchternd“ fand ich mich dieses Mal gar nicht …

Kurzantwort:

Wir stellen den typischen Werdegang eines jungen Ingenieurs in einem Top-Konzern vor und zeigen weitere Chancen und Handlungsalternativen auf.

Frage-Nr.: 1655
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-30

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