Heiko Mell

Ohrringe und andere Äußerlichkeiten

Ich (m) bin Dipl.-Ing. (univ.), Abschluss mit „sehr gut“ und tätig als wissenschaftlicher Angestellter an einem Universitätsinstitut. Derzeit bewerbe ich mich bei Top-Industrieunternehmen.

Von meinen sechs Bewerbungen ging die Hälfte nach telefonischem Kontakt direkt an die potenziellen Fachvorgesetzten (Abteilungsleiter), die andere Hälfte an Personalabteilungen anderer Firmen, die Stellenausschreibungen veröffentlicht hatten.

Die Direktbewerbungen führten zu Vorstellungsgesprächen und konkreten Angeboten, während ich von den Personalabteilungen unmittelbare Absagen erhielt. Erstaunlicherweise hatten aber gerade diese Ausschreibungen meinem Ausbildungsgang und meinem bisherigen Arbeitsbereich in hohem Maße entsprochen.

Sowohl meine Institutskollegen als auch ich haben uns nach möglichen Gründen für die Absagen gefragt. Schon bei der Anfertigung meiner Bewerbungsfotos sprach mich die Fotografin auf meine Ohrringe an. Ich hatte mich jedoch dazu entschieden, diese für die Fotos nicht abzulegen. Dies führte im Kollegenkreis zu kontroversen Diskussionen. Meine Fragen (Bewerbungsmappe anbei):

1. Inwieweit soll man sich mit dem Bewerbungsfoto dem allgemeinen Erscheinungsbild anpassen und damit individuelle äußere Merkmale aufgeben, z. B. Haartracht, Ohrringe etc.?

2. Wo würden Sie bei Bewerbungen die Grenze ziehen zwischen notwendiger und nicht notwendiger äußerer Anpassung? Stellt nicht schon das Tragen eines Anzugs eine persönlichkeitsverändernde Anpassung dar, wenn man dies normalerweise nicht tut?

3. Kann es im Sinne eines Unternehmens sein, wenn sich Bewerber aufgrund gesellschaftlicher Standards innerhalb des Bewerbungsprozesses verstellen und damit beiden Seiten die Möglichkeiten zu einem ehrlichen Auswahlverfahren nehmen?

Antwort:

Meine Gedanken zu den Teil-aspekten des Problems:

a) Diese Einser-Kandidaten! Intelligent, begabt – aber oft auch wieder irgendwie schwierig. Entweder machen sie sich tiefsinnige Gedanken über Bagatellen oder sie kämpfen um ein lächerlich erscheinendes Detail, das sie zum Prinzip erheben. Wir machen sehr gute Erfahrungen im Management der Wirtschaft mit Leuten, die mit „Gut“ abgeschlossen haben, am besten so um 1,8. Sagen wir es einmal so: Bezogen auf die Anforderungen der Praxis ist eine solche Begabung wie Ihre mitunter vergleichbar mit einem Sportwagen, den man mit seinen 300 PS im ersten Gang durch den Stadtverkehr heulen lässt („nicht ausgelastet“).

b) Ich glaube auch, dass es an dem (recht großen) Foto mit den klar erkennbaren Ohrringen lag.

c) Die Personalabteilungen achten neben der fachlichen Detailqualifikation von Bewerbern auch auf Persönlichkeitsfaktoren. Sie haben ein Standardprofil, das man nicht über- oder unterschreiten darf, wenn man eine Chance haben will (dazu gehören auch solche Details wie Alter bei Studien-/Promotionsabschluss). Auch auffällige Äußerlichkeiten können in solche Kategorien fallen.

Gerade wenn es um „Mitarbeit in internationalen Projekten“ oder um „ausländisch beherrschte Konzerne“ geht, müssen die Personalabteilungen auch noch die Gepflogenheiten und Geschmäcker von japanischen Partnern, englischen Vice-Präsidenten oder chinesischen Kunden bedenken.

Ich als Arbeitgeber beispielsweise würde meinen – oft konservativen – Kunden niemals einen männlichen Berater mit Ohrringen anbieten, würde Sie also in meiner kleinen Firma auch niemals einstellen. Und ich versichere Ihnen, dass Tausende von Entscheidungsträgern in diesem Lande mit mir denken. Diese Manager wollen nicht, dass Sie die Ohrringe ablegen – sie wollen Sie nicht bei sich haben (Sie tun, was Sie möchten – Arbeitgeber tun ebenfalls, was sie möchten).

d) Ohne jede Frage gilt: Ein Entwicklungsingenieur (darum ging es) mit Ohrringen entwickelt ebenso gut oder schlecht wie einer ohne. Das hat sicher die von Ihnen direkt angesprochenen Abteilungsleiter bewogen, erst einmal die Fachqualifikation zu sehen (und vielleicht zu hoffen, der andere „Unfug“ gebe sich im Laufe des Reifeprozesses; wie z. B. auch Bundesminister in ihrer Jugend schon „Sachen“ gemacht haben, von denen sie sich, soweit man sieht, inzwischen doch entfernt zu haben scheinen).

e) Es geht nicht darum, ob Ohrringe bei Männern gut oder schlecht sind. Schön, ich finde sie unsagbar scheußlich – aber das ist auch schon alles. Es geht um Standards – und um Abweichungen davon. Natürlich könnte ein Vorstandsvorsitzender auf der Hauptversammlung in der Badehose auftreten. Aber sofort würde man vermuten, dass er sich auch auf anderen Feldern außerhalb üblicher Normen bewegt – und ihn entfernen.

f) Sie wollen Angestellter werden, also abhängig Beschäftigter. Um dabei erfolgreich zu sein und gar aufzusteigen, ist unausweichlich(!) eine stete Anpassung an Regeln, Normen und Gepflogenheiten erforderlich. Sie werden bei einem Weg ins Management (wo wollen Sie als Einser-Mann sonst hin?) mehr aufgeben müssen als Ihre Leidenschaft für Ohrringe. Ich versichere es Ihnen. Wenn Sie an ein Unternehmen geraten, in dem Anzüge getragen werden, dann tragen Sie eben Anzüge. Wenn nicht, dann heißt die Norm eben „keine Krawatte“ – und dann passen Sie sich halt der an. Vielleicht heißt in 50 Jahren die Norm: „Kein Männerohr ohne Ring“ – dann gilt dies alles für den Bewerber „ohne“.

g) Jede Gruppe (hier: Management der Industrie) lässt bevorzugt Leute zu sich aufsteigen, die „so sind wie wir“. Tragen Industriemanager überwiegend Ohrringe? Also.

h) Sie wollen ja etwas von der Industrie. Wenn Sie den Maßstäben dieser Zielgruppe nicht entsprechen wollen, gehen Sie eben woanders hin. „Freier Künstler“ wäre beispielsweise ein Job, in dem das alles nicht stört.

i) Schön, wir brauchen – auch, nicht etwa nur – Querdenker, Leute mit dem Mut, Neuland zu betreten, heute noch verschlossene Tore aufzustoßen. Aber was ist das für eine armselige Idee, eine überragende Begabung dazu zu benutzen, sich etwas an die Ohrläppchen zu hängen, was andere dort nicht hängen haben: Entwickeln Sie neue Simulationsprogramme oder noch kleinere Speicherchips, widerlegen Sie die Relativitätstheorie oder weigern Sie sich eines Tages, unsinnige Vorstandsentscheidungen umzusetzen, die das Unternehmen ruinieren. Aber doch nicht Ohrringe bei Ihrer Begabung! Das ist irgendwie unter Ihrem Niveau. Wer muss denn seine Persönlichkeit mittels Metallstücken an hervorstehenden Körperteilen definieren?

j) Personalabteilungen wissen: Wer bei uns weiterkommen will, muss ja auch den vielfältigen anderweitigen Hausregeln folgen: wie man Investitionen beantragt und Gehaltserhöhungen bewilligt, wie man Sitzungen leitet und mit Chefs umgeht. Wer auf dem Bewerbungsfoto „anders“ aussieht als die anderen (nur darum geht es!), signalisiert: Ich werde immer außerhalb der Normen stehen, stets anders denken und sein als die anderen. Kurz: Ich mache Ärger. Dafür sind Ihre Ringe Symptome. Mehr ist nicht dran.

k) Zu Frage 3: Wenn Sie sich nie anpassen wollen, ist es am besten, das vorher zu sagen und zu zeigen. Aber warum dann überhaupt eine Bewerbung als abhängig(!) Beschäftigter? Der Zwang zur Anpassung ist bei jeder(!) Großorganisation systemimmanent.

Frage-Nr.: 1725
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-16

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