Heiko Mell

Sind alte Bewerber chancenlos?

Frage/1:

Auch ich bin seit vielen Jahren zufriedener Leser Ihrer Karriereberatung in den VDI nachrichten und habe eine Frage:

Im Allgemeinen gilt, dass man mit 40, spätestens mit 45 die Position erreicht haben sollte, auf der man „überwintern“ möchte. Das ist generell ein sehr guter, begrüßenswerter Plan! Das (Berufs-)Leben funktioniert aber eben manchmal anders.

Antwort/1:

Lassen Sie mich gleich einmal etwas zurechtrücken: Bei einer „Sachbearbeiter-Laufbahn“ ohne Führungsfunktion stellt das Alter von 45 Jahren eine erste „Grenze für die externe Vermarktung“ dar. Ob der Wechsel danach noch gelingt, hängt auch von der Situation auf dem Arbeitsmarkt und damit von der Anzahl und Qualifikation Ihrer Mitbewerber ab.

Der Bewerbungsempfänger urteilt ja nicht absolut und isoliert über Ihre Zuschrift – er prüft, wer von den dreißig oder fünfzig Kandidaten seinen Vorstellungen am nächsten kommt. Und in dieser Auswahl ist er völlig frei – er kann nach Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, Foto, Wechselhäufigkeit, Zeugnisqualität und natürlich Fachqualifikation völlig frei entscheiden. Er darf nur manche dieser Kriterien keinesfalls als erfolgsentscheidend nennen. Zum Glück für ihn ist die konkrete Begründung einer Ablehnung ja nicht üblich.

„Ich werde immer abgelehnt“ heißt also richtiger: „Ich kann mich mit meinen Gegebenheiten in den Bewerberfeldern, in denen ich auftrete, am Markt nicht durchsetzen.“ Da geht es Ihnen in der Marktwirtschaft wie den Anbietern von Produkten, die keinen Käufer finden – weil die Kunden unbedingt etwas anderes wollen.

Bewerber ab 45, die bereits Führungskräfte sind, haben generell bessere Chancen.

Frage/2:

Ich konnte meine Fähigkeiten recht gut einschätzen und hatte mit 40 meine „Nische“ gefunden. Leider war ich im Alter von 42 gezwungen zu wechseln. Der Mutterkonzern hatte „meinen“ Unternehmensbereich in Insolvenz geschickt; es war kein persönliches Versagen von mir, sondern einfach Pech.

Antwort/2:

Das gehört leider zu den Risiken, mit denen grundsätzlich zu rechnen ist. Mit Ihren damaligen 42 Jahren hätte Sie das eigentlich nicht wirklich erschüttern dürfen – wenn Sie durch eine entsprechende Gestaltung Ihres Werdeganges vorgesorgt, quasi ein Netz unter dem Drahtseil gespannt hätten, das Sie nach dem Sturz auffängt.

Ihre Daten bis dahin: FH-Studium auf dem zweiten Bildungsweg, Abschluss mit 26, Examensnoten unbekannt, drei Konstrukteurs-Positionen bei drei Unternehmen in mehr als fünfzehn Jahren – das war doch alles gar nicht so schlecht.

Frage/3:

Mit 50 hatte ich in einem weiteren Unternehmen bereits drei Entlassungswellen überlebt, aber keine Sicherheit für meine Weiterbeschäftigung gesehen und habe wieder gewechselt.

Antwort/3:

Dazwischen lag noch eine Position, bei der sich ein Wechsel am Ende der Probezeit findet, aber dann kamen mehr als fünf Jahre in der von Ihnen zuletzt geschilderten Anstellung als Projektleiter in der Entwicklung. Sie fanden danach eine Position als Produktentwickler bei einem Entwicklungsdienstleister, die Sie immerhin zwei Jahre behielten, aber der Projektleiter war „tot“.

Frage/4:

Mit Anfang 50 hatte ich einen weiteren Wechsel als Konstrukteur zu einer Firma vollzogen, die ein Schwergewicht im „Who‘s Who“ deutscher Unternehmen und, sagen wir einmal, nicht für Fluktuation bekannt ist. Mittlerweile Mitte 50, gelte ich als Konzernnovize. Und so treffe ich hier fast ausschließlich auf Kollegen mit hoher Firmenzugehörigkeit. 

Es wird auch hier (wirklich!) nur mit Wasser gekocht und beinahe jedes Management hat die gleichen Antriebsgründe („Unternehmen dienen nicht der Beschäftigung von Mitarbeitern“) sowie die gleichen „Pfeile im Köcher“. Es gab beratergestützte Einsparungsaktionen, die auch bei mir zu finanzielle Einschnitten führten. Ich muss und will also auch weiterhin mobil auf dem Arbeitsmarkt agieren können.

Da ich mit einer weiteren deutlichen Erhöhung beim Renteneintrittsalter rechne, gehe ich von mindestens vierzehn weiteren Berufsjahren aus, in denen ich durchaus noch drei weitere Wechsel vor mir haben könnte. Zumal mich auch die Vermutung beschleicht, aus Konzernsicht in einem „B-Werk“ angestellt zu sein, dass die Zusagen des Unternehmens in den Bewerbungsgesprächen „nicht so ganz ernst gemeint“ waren und ich auf reine Sachbearbeiter-Tätigkeiten reduziert wurde.

Antwort/4:

Sie sind jetzt bei Ihrem siebenten Arbeitgeber, sollten also (fast) „alles gesehen“ haben und nicht mehr zu Illusionen im Hinblick auf Arbeits-/Umfeldbedingungen neigen. Dass Ihr hochrenommiertes, aber als konservativ bekanntes Unternehmen „auch nur mit Wasser kocht“, glaube ich gern, das ist überall so.

Dass Sie Sachbearbeiter-Aufgaben bekommen, wenn Sie eine Konstrukteursposition annehmen, ist zu erwarten. Mündliche Aussagen der Arbeitgeberseite über weitergehende Zukunftsaussichten sind unverbindlich und können nach der nächsten Unternehmensbilanz völlig überholt sein.

Ich wage mich einmal weit vor: Sie stellen Ansprüche, aber Sie selbst erfüllen keineswegs alle, die das Berufsleben stellt. Die Theorie geht davon aus, dass sehr gute Konstrukteure, ausgestattet mit Kreativität, Einsatzbereitschaft und Ehrgeiz nahezu zwangsläufig zu Team-/Gruppen- oder Konstruktionsleitern befördert werden. Wer über viele Jahre oder Jahrzehnte immer dieselbe Art von ausführenden Jobs macht, hat es schwer, seine besondere Qualifikation zu beweisen. Er darf sich obigen Erwartungen entziehen, es fehlt ihm dann aber die Basis, um Ansprüche besonderer Art an seine Beschäftigung zu stellen.

Konkret: Analysiert man Ihre Laufbahn und Ihre Schilderung der Umstände des derzeitigen Anstellungsverhältnisses, dann müsste man Ihnen raten, jetzt, im Alter von Mitte 50, Ihren Frieden mit diesem Job zu machen.

Ihre prognostizierten drei weiteren Wechsel sehe ich nicht, das wird der Arbeitsmarkt nicht hergeben.

Frage/5:

Auch die Alten, die Überfünfzigjährigen, wollen heute Perspektive, „etwas werden“ und etwas bewegen. Aussicht auf Weiterbildung, Beförderung und Anerkennung ist trotz oder wegen der reduzierten Restlaufzeit besonders wichtig. Mich würde nun interessieren, wie die Unternehmen tatsächlich auf „uralte“ Bewerber reagieren. Mit einem „Guck dir diesen Versager an“? Oder hat sich doch vielleicht schon der eine oder andere Betrieb vom totalen Jugendwahn verabschiedet?

Antwort/5:

Wie Sie oben selbst schreiben, sind Unternehmen nicht dazu da, Menschen zu beschäftigen. Sie tun es, aber nur als Nebeneffekt bei eigenem Bedarf. Sie handeln also, wenn Sie so wollen, höchst egoistisch und nicht aus gesellschaftspolitischen Absichten heraus. Welche Prozentsätze der Bevölkerung unbeschäftigt bleiben, interessiert das einzelne Unternehmen kaum.

Wer also angestellt werden will, muss darauf achten, den Erwartungen zu entsprechen. Was bedeutet, dass er sich an den jeweils gängigen Regeln orientiert, die z. B. auch in dieser Serie immer wieder publiziert werden.

Unternehmen stellen also ältere Sachbearbeiter vor allem dann ein, wenn diese besondere Vorteile gegenüber den üblicherweise bevorzugten jüngeren Bewerbern bieten. Erfahrung kann ein solcher Vorteil sein, aber mehr als fünf, bestenfalls zehn Jahre davon gelten als genug – dann gelten die Anfänge davon schon wieder als veraltet. Ein ganz banaler Aspekt: Wenn wegen Überlastung des Arbeitsmarktes die bevorzugten jüngeren Kräfte nicht zu bekommen sind, akzeptieren die Unternehmen auch ältere.

Was gesucht wird, das sind sehr gute Mitarbeiter, die mehr als der Durchschnitt bieten. Diese aber, so die Theorie, haben sich irgendwann auf dem langen Weg zwischen Examen und Anfang 50 für die Übernahme von mehr Verantwortung qualifiziert oder können sonst ihre besondere Qualifikation unter Beweis stellen.

Alle diese Überlegungen gelten gegenüber externen Bewerbern. Intern beschäftigen die Unternehmen zahlreiche ältere Mitarbeiter, die sie keinesfalls entlassen wollen, denen sie aber als Bewerber keine Chance gäben. Die Maßstäbe an externe Kandidaten sind weitaus härter als die an interne Mitarbeiter. Wer also irgendwo beschäftigt ist, darf nicht erwarten, ggf. extern einen gleichwertigen Job wieder zu bekommen. Das ist nicht die einzige Unlogik in unserem System.

Frage-Nr.: 3.075
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26/27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-06-26

Von Heiko Mell

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