Heiko Mell

Als Ingenieur in kaufmännische Funktionen?

Seit Abschluss meines Studiums (Dipl.-Ing. TH, Note 1,x, Abitur ebenfalls 1,x) bin ich (Anfang 30) in einem international engagierten deutschen Großkonzern beschäftigt. Zunächst war ich drei Jahre im Anlagenbau tätig. Vor ca. zwei Jahren wechselte ich in einen nichttechnischen Bereich (Konzernrevision), um praxisnahe betriebswirtschaftliche Kenntnisse, vertiefte Einblicke in den Konzern und internationale Erfahrungen zu sammeln.

Dieses für einen Ingenieur eher ungewöhnliche Aufgabengebiet ist anspruchsvoll, international, interdisziplinär und sehr abwechslungsreich. Hinzu kommt der hohe interne Stellenwert, da die von mir erarbeiteten Ergebnisse direkt dem Vorstand vorgelegt werden und Vorstandsmitglieder und Bereichsleiter regelmäßig im Dialog mit unserer Einheit stehen. Sowohl mein aktueller als auch mein früherer Vorgesetzter aus der Technik sind mit meiner Arbeit und mit mir zufrieden.

Bei dem damaligen Bereichswechsel wurde eine Rückkehroption nach zwei Jahren in das alte Aufgabengebiet vereinbart. Dieser Zeitrahmen läuft jetzt ab. Mir stellt sich nun die Frage, ob ich zurückkehren soll oder nicht. Die beiden Möglichkeiten haben aus meiner Sicht folgende Vor- und Nachteile:

a) Wechsel zurück in die Technik
– Derzeit stehen im alten Bereich sehr interessante technische Aufgaben an. Das hin­zugewonnene kaufmännische Wissen und die an den außereuropäischen Standorten gesammelten Erfahrungen kann ich zu einem großen Teil einsetzen, z. B. in der Projekt­steuerung.
– Ich würde mich wieder mit ingenieurtypischen Aufgaben beschäftigen. Ich fürchte, nach noch längerer Abwesenheit von der Technik nur noch ein veraltetes und wertloses technisches Wissen zu haben und andererseits als Ingenieur in der kaufmännischen Welt ein Exot ohne große Entwicklungsmöglichkeiten zu bleiben.

b) Verbleib im nichttechnischen Bereich
– Ich würde weiter innerhalb des Konzens interessante Dienstreisen unternehmen und könnte ein globales Netzwerk weiter ausbauen. Außerdem lerne ich hier interne Prozesse und Zusammenhänge kennen, von deren Existenz ich als Mitarbeiter einer Ingenieureinheit nicht einmal wusste.
– Mein derzeitiger Vorgesetzter hat angedeutet, mich für ein Nachwuchsentwicklungsprogramm vorzuschlagen. Dies bedeutet jedoch eine weitere, mindestens zweijährige nichttechnische Berufstätigkeit im gegenwärtigen Bereich. Dies halte ich für riskant, da dieser Vorschlag keine Garantie für eine Führungsposition ist. Derzeit ist nicht einmal klar, ob er in zwei Jahren noch in der gleichen Position sein wird. Zudem befürchte ich, nach vier Jahren nichttechnischer und drei davor liegenden Jahren technischer Tätigkeit den roten Faden im Lebenslauf völlig zu verlieren.
– Die derzeitige Einheit ist durch gewollte hohe Fluktuation geprägt. In der Regel verlassen Kollegen den Bereich nach spätestens drei Jahren durch interne oder externe Wechsel.

Welche zusätzlichen Chancen und Risiken sehen Sie? Die Entscheidung wird letztlich bei mir liegen, für einige weitere Denkanstöße bin ich jedoch sehr dankbar.

Antwort:

1. Versuchen wir es mit der elegantesten aller Lösungen des Problems: Wir leugnen seine Existenz. Sagen wir es so: Es ist egal, was Sie tun – mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt etwas Ähnliches dabei heraus.

Sehen Sie, man kann als Autofahrer nachts im Nebel an einer unbeschilderten Einmündung landen und fühlt sich ge- bis überfordert, sicht jetzt für das Abbiegen nach rechts oder links entscheiden zu müssen. In Wirklichkeit, so könnte ein Blick von oben zeigen, käme man auf beiden Wegen an sein Ziel. „Viele Wege führen nach Rom“, sagt man.

Nehmen wir an, Sie hätten Talent und Ehrgeiz sowie ein bisschen Glück, das auch der Tüchtigste braucht. Dann werden Sie eines Tages beispielsweise technischer Werkleiter oder gar Konzernvorstand und verantworten das Ergebnis des Werkes oder Teil-Konzerns gemeinsam mit dem kaufmännischen Werkleiter oder Vorstand – der Sie andernfalls geworden wären. Wo also ist da der große Unterschied?

2. Bei sehr vielen Menschen setzt die Begabung enge Grenzen, bei anderen viel weitere. Ihre Noten in Abitur und Studium sprechen für eine gut ausgeprägte Intelligenz, Sie hätten vermutlich mit ähnlichem Erfolg auch Betriebswirtschaft studieren können. Was nicht heißt, dass ich Sie zum Universalgenie ernennen will, es geht nur um diese beiden Bereiche; gut möglich, dass Philosophie oder Politologie Sie ebenso überfordert hätten wie der Beruf des Musiklehrers oder des Generalsekretärs einer Partei.

Also wundern Sie sich nicht über die Situation, in der Sie sich befinden. Sie sind – sinnbildlich – gesegelt und finden es toll, Sie sind Ski gelaufen und finden es ebenso toll. Und in beidem sind bzw. waren Sie erfolgreich – das gibt es.

Ein passendes Berufsziel könnte z. B. der Alleingeschäftsführer einer mittelgroßen Gesellschaft, der Leiter eines Profitcenters/Un­ternehmensbereichs/Werkes sein – der gleichermaßen technisch wie kaufmännisch gefordert ist.

3. Das eigentlich zu betrachtende Ereignis liegt zwei Jahre zurück: Was hat Sie damals eigentlich zu diesem Ausflug in ziemlich „ab­gelegene“ Gefilde bewogen (eine rhetorische Frage, um die Antwort geht es nicht)? Der typische Techniker wäre nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet in die Revision zu gehen. Fazit: Der reine Vollbluttechniker waren Sie schon damals nicht, Sie haben mehr als nur einen Blick über den Tellerrand geworfen. Man könnte durchaus auch sagen, der reinen Technik fühlten Sie sich damals schon etwas entwachsen (oder sie füllte Sie nicht mehr so ganz aus).

4. Zwei Aspekte finde ich etwas erklärungsbedürftig, um es vorsichtig auszudrücken:

a) Im nichttechnischen Bereich bemängeln Sie die fehlende Garantie für eine Führungslaufbahn – für den technischen Bereich ist in Ihren Aussagen überhaupt nicht die Rede davon. Als Leser bekommt man den Eindruck, Ihre Karrierechancen seien im kaufmännischen Umfeld eher größer.

b) Die Dienstreisen an erster Stelle der Vorteile eines Verbleibens im nichttechnischen Bereich sind in bisschen „dünn“ – weiter oben ist noch vom Stolz die Rede, dass Ihre Ausführungen im „Zentrum der Macht“ (beim Vorstand) gelesen werden.

5. In vielen bedeutenden deutschen Konzernen (Ihrer ist einer) ist die Konzernrevision traditionell die Kaderschmiede gewesen oder ist es teilweise noch. Dafür spricht auch der hohe „Personaldurchsatz“ des Bereiches.

Auch Sie sollten keinesfalls etwa planen, dort pensioniert zu werden. Aber als eine Art „Karrieredurchlauferhitzer“ eignet sich die Abteilung in Konzernen wir Ihrem vorzüglich. Nur: Spätestens nach vier Jahren (die zwei, die Sie schon haben und noch zwei Nachwuchsjahre) müssen Sie da raus. Ich sage jetzt etwas ganz leise und hoffe, dass mich niemand aus solchen Abteilungen hört: Revisor ist auf Dauer(!) nichts für universell begabte Einser-Leute. Auch nicht, wenn sich die Aufgaben dort von der Kontrolle auf korrekte Abwicklung hin zu gestaltenden, strategischen Funktionen weiterentwickelt haben.

6. Eine goldene Regel des kapitalistischen Systems lautet: Kein Geschäft ohne Risiko. Wenn Sie den Nachwuchs-Förder-Weg gehen, sähe das so aus: Die schlimmste denkbare Katastrophe bestünde darin, dass Sie nach insgesamt etwa drei Revisionsjahren (mit drei vorangegangenen Technikjahren) als externer Bewerber irgendwo auftauchen würden, weil Sie es müssten. Was wären Sie dann? Kein mit der Technik verheirateter Ingenieur mehr (eher ein geschiedener) und ein kaufmännischer Revisor ohne dazu passende Basisausbildung.

7. Vielleicht wundern Sie sich jetzt, aber ich neige zum Verbleib in dieser Konzernrevision, zum Nachwuchsprogramm, zum Verbleiben im „Dunstkreis der Macht“ (Nähe zum Vorstand, es gibt im Konzern nichts, was der Karriere dienlicher wäre).

Dies jedoch nur unter zwei Voraussetzungen:

7.1 Sie müssten sich auf Dauer – obwohl ausgebildeter Ingenieur und mit einigen Jahren technischer Praxis – mit einer nichttechnischen Laufbahn anfreunden können, ohne dabei „Entzugserscheinungen“ zu bekommen. Es geht um ein „Bauchgefühl“.

7.2 Sie dürften sich keinesfalls die Blöße geben, im nichttechnischen Bereich eine Laufbahn ins Auge zu fassen, ohne über eine halbwegs passende Ausbildung zu verfügen. Konzernintern wäre das nicht so wichtig – man kennt dort den Menschen, der Sie sind und fragt dann nicht mehr so sehr nach Formalien. Aber wenn Sie sich extern bemühen (irgendwann) und als unbekannter Bewerber auftreten, geht jedes Mal das Theater von vorne los: „Der hat ja nicht einmal eine zum Job passende Ausbildung.“ Also wäre – schön passend während der zwei kommenden Nachwuchsjahre – ein berufsbegleitendes (Fern-)Studium zum MBA oder Dipl.-Wirtsch.-Ing. einzuplanen.

Jetzt muss ich nur noch den Lesern gerade dieser Zeitung erklären, warum ich dazu neige, einem hervorragend ausgebildeten Ingenieur einen Weg außerhalb der Technik anzuraten: Ich mache das ja nicht bei einem Standard-Ingenieur, der bisher stets in der Technik tätig war. Dieser Einsender hat sich, warum auch immer, vor zwei Jahren zum Wechsel in die grundsätzlich nichttechnisch ausgerichtete Konzernrevision entschieden – und Gefallen daran gefunden. Jetzt glaube ich, ihm zum Weitergehen auf diesem Weg raten zu können. Vermutlich war er damals schon ein „Suchender“ – der typische, mit der Technik verheiratete Ingenieur hätte entsetzt auf die Idee reagiert, in die Revision zu wechseln.

Übrigens wäre die Technik als Hintergrundwissen bei diesem Mann niemals etwa verloren – so wie ein Ingenieur oft betriebswirtschaftliches Zusatzwissen braucht und anwenden kann, so gilt das umgekehrt auch.

Kurzantwort:

Laufbahnen, die auf dem Prinzip beruhen, mehrfach zwischen zwei sehr verschiedenen Fachbereichen (kaufmännisch/tech­nisch) hin- und herzuwechseln, gibt es kaum. Spätestens nach dem ersten „Sprung“ ist eine Entscheidung zu treffen, die dann endgültig sein sollte.

Frage-Nr.: 1984
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-01-04

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