Heiko Mell

Dr.-Ing. (FH)

Anmerkung des Autors: In der Frage 1.519 ging es um die Promotion von FH-Ingenieuren. Ich hatte fachkundige Leser, die vielleicht sogar Einfluss auf Personalentscheidungen haben, um einen Diskussionsbeitrag zu den Chancen entsprechender Kandidaten in industrieller F+E gebeten. Hier eine Auswahl aus den Meinungsäußerungen.

Leser A: Ich bin langjährig als Personalreferentin / Alleinkraft im Personalwesen in einem Werk eines Unternehmens der …technik tätig. Damit bin ich auch für die Personalauswahl zuständig.

Meine Neugier wäre angesprochen, wenn ich in einem Lebenslauf lesen würde, dass der Bewerber eine Promotion trotz(!) FH-Studiums vorweist. Wenn der Studiengang stimmen würde, hätte ich keine Bedenken, den Kandidaten einzuladen, um u. a. seine fachlichen Fähigkeiten zusammen mit unseren Dr.-Ing. (TU) zu überprüfen.

Natürlich würde ich ihn auch fragen, warum er sich nicht gleich nach dem Studium für einen Arbeitsplatz in der Industrie interessiert hat. Wäre mir die Antwort plausibel – so hätte ich keine Bedenken, den Bewerber bei fachlicher und persönlicher Eignung einzustellen.

Dann bin ich mir auch sicher, dass der Bewerber innerhalb der Abteilung nicht wegen seines FH-Studiums auf Ablehnung stoßen würde. Denn zu viele gute FH-Studenten haben ihr Praxissemester und ihre Diplomarbeit mit großem Erfolg in der Firma durchgeführt. Dennoch wären die Kollegen sicher interessiert zu erfahren, warum dieser „Umweg“ gemacht wurde. Unseren Kunden ist an einem kompetenten Entwickler gelegen, der sehr wohl Akademiker sein sollte, aber nicht ausschließlich an der Uni, TU oder TH studiert haben muss.

Ich hoffe, ich bin nicht die einzige, die „Edel-FH-Absolventen“ nicht nur skeptisch gegenübersteht.Leser B (Dr.-Ing.): Ich bin stv. Entwicklungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen des Anlagenbaus (Konzerntochter). Käme mir die Bewerbung eines „Dipl.-Ing. (FH) mit Promotion“ auf den Tisch, hätte ich Bedenken: Etwa ein „Leichtgewicht“? Hat er tatsächlich technisch anspruchsvolle Aufgaben über längere Zeit mit Erfolg bearbeitet? Hat er überhaupt Jahre der Anstrengung zu überstehen gehabt? Kann er wirklich in F+E arbeiten?

Nur wenn er nachweisen kann, dass er fachlich und außerfachlich brillant ist, hat er eine Chance. Dies hat nichts mit Korpsgeist o. ä. zu tun, es ist zu seinem eigenen Schutz: Bei den geringsten Schwierigkeiten in der späteren Praxis käme er sonst in beträchtliche Argumentationsnöte.

Leser C: Als FH-Absolvent (Lehre, 8 Semester FH, Note 2,0 mit 25 Jahren) habe ich nach meinem Studium bei einem mittelständischen Unternehmen (weltweit mehr als 3.000 Mitarbeiter) als Entwicklungsingenieur gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich mich vom Projektingenieur zum Leiter eines Forschungsprojekts hochgearbeitet (u. a. durch mehrere Patentanmeldungen).

Jetzt habe ich unter mehreren Stellen im Bereich Forschung und Entwicklung wählen können. Ich habe mich für die Stelle Assistent des Entwicklungsleiters entschieden.

In meinen Augen gilt zumindest für den Mittelstand: Der Titel Dr.-Ing. wird nicht unbedingt verlangt. Es kommt im Bereich F+E in erster Linie auf Kreativität und systematisches Denken an. Dann fragt kein Mensch mehr nach einem Titel. Am Ende sind wir doch alle Ingenieure.

Leser D (Prof. Dr.-Ing. Manfred J. Hampe, Vorsitzender der Diplomprüfungskommission des Fachbereiches Maschinenbau der Technischen Universität Darmstadt, ausdrücklich einverstanden mit der Nennung von Namen und Institution): In meiner Funktion als Vorsitzender einer Diplomprüfungskommission prüfe ich jährlich etwa dreißig Anträge von Fachhochschulabsolventen, die ein Upgrade ihres FH-Diploms – meist mit dem Ziel der Promotion – wünschen.

Seit mehreren Jahren bestand für Fachhochschulingenieure, die ein Studium nach der Rahmenprüfungsordnung „Maschinenbau“ für Fachhochschulen absolviert hatten, die Möglichkeit, in einem zweijährigen Aufbaustudium an der TU Darmstadt das universitäre Diplom zu erwerben. Nur unterliegen die wenigsten FH-Studiengänge der Rahmenprüfungsordnung „Maschinenbau“ für Fachhochschulen. Viele FH-Studiengänge haben eine sehr spezielle Ausrichtung, und deren Absolventen stehen dann vor einem Problem, weil es entsprechende universitäre Studiengänge, in denen sie sich weiter qualifizieren könnten, gar nicht gibt.

Die Technische Universität Darmstadt hat im Fachbereich Maschinenbau zum 1. Oktober 2000 drei neue Master-Studiengänge

1. Mechanical and Process Engineering

2. Paper Sciene and Technology

3. Computational Mechanical and Process Engineeringeingerichtet, wobei die Studiengänge 1 und 3 auf grundständigen Bachelor-Studiengängen aufbauen. Die Bachelor- und Master-Studiengänge haben den Vorteil, nicht mehr an eine Rahmenprüfungsordnung gebunden zu sein. Die Qualität des Studiums wird nunmehr durch eine Akkreditierung der Studiengänge bei einer Akkreditierungsagentur gesichert. Zu allen drei Studiengängen können qualifizierte FH-Absolventen zugelassen werden. In jedem Fall wird individuell geprüft, welche Kenntnisse dem FH-Absolventen fehlen, um einen der Master-Studiengänge ergreifen zu können. Diese Kenntnisse müssen dann zusätzlich erworben werden. Umgekehrt wird aber auch geschaut, welche Leistungen aus dem FH-Vorstudium im Master-Studium anerkannt werden können. Gegebenenfalls kann das Studium dann auch in geringerer Zeit als der Regelstudienzeit von zwei Jahren beendet werden.

Gegenüber der bisherigen Praxis können wir nun ein sehr viel breiteres Spektrum an FH-Absolventen – ggf. unter Auflagen – zu den Master-Studiengängen zulassen. FH-Absolventen, die im Beruf stehen, oder die sich der Kindererziehung widmen, bietet sich die Möglichkeit des Teilzeitstudiums bei entsprechend längerer Studiendauer. Nach dem Erwerb des Master of Science kann aus der Position eines wissenschaftlichen Mitarbeiters an einer Universität heraus die Promotion angestrebt werden.

Ein FH-Absolvent, der diesen Weg zur Promotion wählt, bohrt kein dünnes Brett. Es wäre völlig absurd, in ihm einen Doktor zweiter Klasse zu sehen.Promotionskommissionen haben in begründeten Fällen mitunter auch die Möglichkeit, FH-Absolventen direkt, aber unter Auflagen zur Promotion zuzulassen. Die Auflagen entsprechen in Umfang und Art dem Master-Studium bzw. dem Aufbaustudiengang, führen aber nicht zum Master of Science oder zum Dipl.-Ing. (Univ.). Dieser Weg wird von FH-Absolventen nahezu völlig gemieden, vermutlich weil sie fürchten, ohne Master of Science oder Dipl.-Ing. (Univ.) nicht als gleichwertiges Mitglied der Community akzeptiert zu werden.

Grundsätzlich muss man junge Leute vor Umwegen warnen. Es macht keinen Sinn, nach dem Abitur zunächst eine Lehre zu machen, dann ein FH-Studium zu absolvieren, ein Aufbaustudium an der Universität nachzuschieben und letztendlich zu promovieren. Leider wird diese Hosenträger- und Gürtel-Mentalität nicht selten Schülern seitens der Berufberatung empfohlen. Der Weg über Lehre und FH zur Universität ist – wenn überhaupt – nur für extrem ambitionierte Haupt- und Realschüler sinnvoll. Ein Abiturient soll sich vor Aufnahme eines Studiums darüber klar geworden sein, welches Berufsziel er hat und dann die Direttissima wählen. Alles andere wird von niemandem honoriert.

Leser E: Trotz Ihrer mehrfachen Warnung entschloss ich mich vor etwa vier Jahren als damals 23-jähriger FH-Absolvent dazu, eine sogenannte Durchstiegsmöglichkeit wahrzunehmen und ohne vollständiges Uni-Aufbaustudium im kooperativen Promotionsverfahren zwischen Universität und Fachhochschule direkt zu promovieren. Voraussetzung dafür war, dass ich mein Studium mit hervorragender Leistung abgeschlossen hatte.Zum Nachweis meiner Eignung waren vor Eröffnung des eigentlichen Promotionsverfahrens zusätzliche Studienleistungen an der Universität zu erbringen. Diese Prüfungen habe ich mit „sehr gut“ bestanden. Während ich meine Dissertation verfasste, wurde ich durch ein Promotionsstipendium einer öffentlichen Stiftung finanziell unterstützt.

Meine Doktorarbeit habe ich vor kurzem eingereicht. Seit mehreren Monaten bin ich in einem weltweit operierenden Großkonzern im Bereich F+E tätig. Bislang ist mir in meinem beruflichen Umfeld viel Anerkennung zuteil geworden.

Dass mir der Berufseinstieg gut gelungen ist, führe ich zu einem großen Teil auf die aufmerksame Lektüre Ihrer Karriereberatung zurück. Durch die verschiedenen Beiträge entsprechend sensibilisiert, habe ich auf kurze Studienzeiten geachtet, studienbegleitend in meinem Fach gearbeitet und ein Auslandspraktikum absolviert.

Aufgrund Ihrer verschiedenen früheren Anmerkungen zum Thema „FH + Promotion“ bin ich mir schon damals, als sich mir diese Frage stellte, dessen bewusst gewesen, dass ich mich gegebenenfalls für einen Weg entscheide, der später eventuell eine Rechtfertigung erfordert.

Damals waren für mich der Spaß an der Aufgabe und die Veränderung meiner beruflichen Einstiegsmöglichkeit ausschlaggebend. Heute betrachte ich die Bereitschaft, auch ungewöhnliche Weg zu gehen und dabei hohes persönliches Engagement für berufliche Ziele zu zeigen, als Teil meiner Qualifikation.

Ich denke, dass man in dieser Frage den Einzelfall betrachten sollte. Sicherlich kommt dieser Weg nur unter bestimmten Voraussetzungen in Betracht. Generell spielen bei der Entscheidung eines FH-Ingenieurs für eine Promotion wohl dieselben Dinge wie bei einem Uni-Absolventen eine Rolle. Danach sollten mit wachsender Berufserfahrung die Unterschiede zwischen den beiden denkbaren Werdegängen ohnehin allmählich verblassen. Dem Vorbehalt, ein „Schmalspurwissenschaftler“ zu sein, kann jemand, der sich für sein Fach interessiert, jedenfalls mit aller Gelassenheit begegnen.

Antwort:

Nun haben wir hinreichend viele Meinungsäußerungen von Menschen, die das Thema aus unterschiedlichen Blickrichtungen sehen. Ich danke allen Einsendern.

Für mich ergibt sich, auch unter Einbeziehung anderweitiger eigener Erfahrungen, folgendes Gesamtbild:

1. Normalfall ist und bleibt, dass der FH-Absolvent sofort in die Praxis geht, während eine Promotion den Universitätsabschluss voraussetzt. Diese klare Regelung kann in sorgfältig abgewogenen Sonderfällen durchbrochen werden, aber niemand sollte diesen Weg beim Schulabschluss schon planen.

2. Wer ein Abitur hat, hätte direkt die Universitätsschiene wählen können, wenn er promovieren will. Für ihn ist die FH tatsächlich ein Umweg, den er sich hätte sparen können. Umwege kosten Zeit und Energie und sind grundsätzlich zu vermeiden.

Man muss lernen, mit getroffenen Entscheidungen zu leben – und soll nicht immer nur daran herumnörgeln und nach Korrekturmöglichkeiten suchen. Wenn man mit 19 Jahren gleichberechtigt mit mir den Bundeskanzler (auf dem Umweg über das Parlament) wählen kann, dann kann man auch hinreichend sorgfältig vorbereitete Entscheidungen über die zu besuchende Hochschule treffen (Ich weiß, dass dies angreifbar ist. Aber es ist meine Auffassung, die ich ja niemandem aufzwinge).

3. Wer nur den Realschulabschluss und die Fachhochschulreife hat, kann nicht groß wählen (allerdings ist für ihn die Gesamthochschule eine interessante Alternative, wenn er weitergehenden Ehrgeiz spürt). Es kann aber sein, dass dieser – oft durch das Elternhaus vorgegebene – Schulabschluss nicht alle Begabungsreserven ausschöpft. Wenn dann ein hervorragender FH-Abschluss erzielt wird, wäre es – Ehrgeiz vorausgesetzt – schade, die offenbar bisher nur unvollständig genutzten Ressourcen nicht weiter auszuschöpfen. Dafür bietet sich im Normalfall der Aufbauweg zum Uni-Abschluss an. In Sonderfällen mag man dann alternativ den Ausnahmeweg zur direkten Promotion wählen, wenn es dafür eine Begründung gibt.

4. Es ist offen, wovon der FH-Absolvent mehr hat: vom Aufbau-Studium mit Uni-Abschluss ohne Promotion oder von der direkten Promotion. Mit dem „nackten“ Uni-Abschluss kann man höchste Karrierespitzen erklimmen, es gibt extrem viele Beispiele dafür. Für promovierte FH-Absolventen im Vorstand kenne ich noch keines.

5. Ich neige aus der Beobachtung vieler Einzelfälle und der dazugehörenden Persönlichkeiten zu dem Rat: ein(!) Draufsatteln auf die ursprüngliche Planung ja, zwei eher nein. Das führt zum Rat für FH-Absolventen (siehe auch 4), bei Interesse den Uni-Abschluss zu erwerben, aber auf die Promotion dann zu verzichten. Das begründe ich nicht mit Aspekten der fachlichen Qualifikation, sondern mit Grundüberlegungen zur Managerpersönlichkeit. Wer sich immer nur auf Ausbildungsabschluss nach Ausbildungsabschluss konzentriert, vergisst irgendwann das ärmelhochkrempelnde Handeln in der Praxis. Wir alle kennen den Menschentyp, der solche Abschlüsse heillos überbewertet und stets denkt, er mit seiner Superqualifikation müsse doch zuerst befördert werden. Banal gesagt: Man kann mit 35 noch promovieren – aber man kann auch als FH-Absolvent dann schon Abteilungsleiter mit 20 Mitarbeitern geworden sein.

6. Nicht zu unterschätzen (insbesondere in Konjunkturkrisen mit ihrem Massenangebot an Bewerbern): Es ist immer gut, wenn man kaufenden Kunden gibt, was sie wollen. Die Arbeitskräfte werden von Unternehmen eingekauft. Und die wollen (siehe Anzeigentexte) praktisch niemals den promovierten FH-Ingenieur. Sie akzeptieren ihn höchstens – wenn er entsprechende Erklärungen abgibt. Wer sich das sein ganzes Berufsleben lang antun will, braucht schon eine gute Begründung für seinen Schritt.

Liebe Leser, damit beenden wir erst einmal diese Diskussion. Wir haben ihr sehr viel Raum gegeben, da Meinungsäußerungen aus Leserkreisen immer interessant sind, aber damit soll es auch erst einmal genug sein.

Frage-Nr.: 1539
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-03

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