Heiko Mell

Ich möchte etwas ganz anderes tun …

Ich bin 35 Jahre alt und seit fast acht Jahren als Entwicklungsingenieur tätig. Ich fühle mich in diesem Beruf unbefriedigt, überfordert und möchte gern in einen anderen Bereich wechseln.

Wo kann ich Hilfestellung zu einem Arbeitsplatzwechsel bekommen? Wie kann ich herausfinden, was mir wirklich liegt und in welche Richtung ich geben soll? Gibt es Bücher, Organisationen?

Antwort:

Ich sehe hier drei Säulen, auf denen eine Lösung ruhen könnte:

1. Die sachliche Komponente.

1.1 Ein Schnellmerker sind Sie gerade nicht. Acht Jahre sind eine verflixt lange Zeit um herauszufinden, dass Ihnen Ihr Job nicht liegt. Die – eigentlich – auch dafür vorgesehene Probezeit eines Anstellungsverhältnisses beträgt sechs Monate, der ganze zweite Weltkrieg war nach sechs Jahren zu Ende. Für acht Jahre fehlt mir eine Parallele.

1.2 Den großen zentralen Test, der da Auskunft gibt, was man nach der Schule studieren und was man wiederum danach tun soll, um sich zu nähren und(!) glücklich zu werden, gibt es nicht, jedenfalls ist mir keiner bekannt. Zum Trost: Es gibt ja auch keinen, der da sagt, wen man heiraten sollte. Mit den wirklich zentralen Fragen des Lebens bleibt man irgendwie allein.

1.3 Ein erfahrener Karriereberater, der ständig auch mit Stellenbesetzungen in der Wirtschaft zu tun hat, könnte eventuell Denkanstöße geben, Irrwege ausschließen und ähnlich hilfreich sein. Aber Ihr eigentliches Problem lösen kann er nicht! Das Grundprinzip lautet: Der Kandidat setzt sich ein Ziel oder er bringt mehrere ins Gespräch – und der Karriereberater hilft ihm bei der Erreichung, also auf dem Weg dorthin.

Aber die Grundorientierung einer Zielsetzung vorgeben, die kann der Berater nicht. Wie auch der Eheanbahner nicht raten kann: „Nehmen Sie eine von den kleinen Blonden, die machen Sie glücklich.“Ich kann das auch anders ausdrücken: Orientierungslose Klienten sind der Schrecken jedes Karriereberaters.

1.4 Sie haben studiert und hatten die Aufgabe, während dieser Zeit herauszufinden, was Sie können und was Sie wollen, beispielsweise durch möglichst zahlreiche Praktika, durch das Gespräch mit berufserfahrenen Leuten etc. Das hat nicht geklappt, na schön.

Aber das ist acht lange Jahre her! Und seitdem stehen Sie in der Praxis, um Sie herum pulsiert das Leben. Sie haben täglich Kontakte mit der Fertigung, mit dem Vertrieb, mit dem Kundendienst, mit dem Einkauf. Und Mitarbeiter aus dem Finanz- und Rechnungswesen, aus dem Controlling, aus der Werbung oder aus was weiß ich sind ihre Kollegen, von denen Sie in dieser langen Zeit ein paar kennen gelernt haben sollten. Mit all denen können Sie reden, die können Sie fragen nach Details ihres Tuns (über nichts reden Männer so gern wie über ihren Beruf).

Und falls Sie in acht Jahren nur diesen einen Arbeitgeber hatten: warum? Warum haben Sie nicht durch Wechsel herauszufinden versucht, ob es nicht woanders besser ist in Ihrem Jobbereich?

Wenn Sie in all den Jahren nicht einmal herausgefunden haben, was Sie lieber (und vermutlich auch besser) tun möchten, liegen die Ursachen allein in Ihren Versäumnissen – und damit liegen die Ansätze für eine Lösung allein bei Ihnen. Fremde können Ihnen nur schwer helfen.

2. Die psychologische Komponente.

So wie Sie reagieren und fragen, liegt die Vermutung auf der Hand, die Sachkomponente sei gar nicht der zentrale Kern des Problems. Ähnliche Schwierigkeiten in zentralen Orientierungsfragen zeigen oft Menschen, deren Leben durch besondere Katastrophen erschüttert worden ist (Ende einer Beziehung, Verlust des Partners o. ä.). Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen sind möglich. Der Mensch neigt dann zu der „Lösung“, man müsste noch einmal ganz neu anfangen, auf ganz anderen Feldern. Oft zieht er bei der Gelegenheit auch um, die ganz neue Umgebung ist Teil seines Denkmodells.

Dass bei – hier natürlich nur angenommenen – völlig sachfremden Ursachen eine langfristig überzeugende sachliche Lösung machbar ist, wäre reiner Zufall. Die sorgfältige Analyse, wo Ihre tiefe Unzufriedenheit eigentlich herkommt, müsste also in jedem Fall dem Lösungsansatz vorausgehen.

3. Sonstiges.Ich bin durchaus schon öfter auf Menschen mit Ihren Problemen gestoßen. Häufig ergab die Analyse, dass die Ursachen viel tiefer lagen als angenommen: Nicht die Frage, welche Tätigkeit man in seinem Beruf ausüben soll, stellte sich. Sondern es ging darum, ob nicht der ganze Beruf (Studium) falsch angelegt war. Vielleicht hätten auch Sie Musiker, Versicherungsvertreter, Chirurg oder städtischer Verwaltungsinspektor werden sollen. Manchmal kann man auch später noch umschwenken. Sofern jedoch ein fundiertes neues Studium (Arzt) oder Üben von Kindesbeinen an (Geiger) erforderlich ist, lässt sich der perfekte Anschluss jetzt aber kaum noch finden.

Und als konkrete Empfehlung: Lesen Sie die in diesen Tagen übervollen Stellenteile der Medien. Machen Sie sich einmal die Mühe, Anzeige für Anzeige durchzuarbeiten – ohne Rücksicht darauf, ob die zu Ihrer bisherigen Laufbahn oder Ihrem Studium passen. Und wenn es dann nicht ein einziges Mal „klick“ macht und Sie Ihr Traumjob förmlich anspringt – dann wird Ihnen kaum jemand helfen können. Denn alles, was es überhaupt gibt, steht da drin. Wir anderen haben uns auch alle mit einer dieser Funktionen arrangiert (oder welche erfunden wie den „Karriereberater in den VDI nachrichten“), dann sollte Ihnen das ebenfalls möglich sein. Aber Sie müssen das wollen und aktiv etwas dafür tun (Sie hätten vor sieben Jahren damit anfangen sollen).

Kurzantwort:

Fremde, z. B. Karriereberater, können wertvolle Hilfestellung geben beim Erreichen individueller beruflicher Zielsetzungen, bei Fragen nach dem optimalen Weg einschließlich der anzuwendenden Methoden. Sie können jedoch nur sehr bedingt helfen bei der Definition des Ziels – womit und wobei der Mensch glücklich wird, muss er weitgehend allein herausfinden. Und das ist möglich!

Frage-Nr.: 1506
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-14

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