Heiko Mell

„Andere Regeln“ im öffentlichen Dienst?

(gezeichnet Prof. Dr.-Ing. habil.): Normalerweise stimme ich (soweit ich es einschätzen kann) mit Ihren Empfehlungen in der Karriereberatung weitgehend überein und empfehle auch meinen Studenten zur Vermeidung von Grundfehlern dringend die Lektüre dieser Rubrik.

In einem Punkt jedoch muß ich Ihnen widersprechen, und die Antworten auf die 1.248. Frage sind mir der unmittelbare Anlaß, Ihnen zu schreiben. Sie tun häufig so, als ob im öffentlichen Dienst und an den Hochschulen „andere Gesetze“ als in der freien Wirtschaft gelten. Dies mag ja z. T. der Fall sein, ich vermute aber, daß der Anteil unfähiger (oder unwilliger) Mitarbeiter in beiden Bereichen etwa gleich groß ist. Generelle Schelte über den öffentlichen Dienst und die dort nicht effektiv ausgegebenen Gelder ist aber offenbar Mode, von den „Nieten in Nadelstreifen“ in der Industrie und den dort in den Sand gesetzten Summen spricht man nur in Ausnahmefällen (dies sind ja nur Peanuts).

Nun raten Sie einem Fragesteller mit einem Lebenslauf mit Leistungen und Empfehlungen, die nicht gerade die Note „sehr gut“ darstellen, als Alternative „Eine ganz andere Laufbahn. Vielleicht doch die Hochschule, vielleicht ein Forschungsinstitut, vielleicht eine Behörde“.

Ich darf Ihnen aus der Erfahrung der Mitarbeit in mehreren Kommissionen zur Auswahl von Angestellten und in Berufungsverfahren für Professoren ganz deutlich sagen: Auch in diesem Bereich hat ein Kandidat, bei dem ein oder mehrere Mitglieder der Kommission „zucken“ (Ihr Begriff, der sehr zutreffend ist), nur schlechte Chancen für eine Einstellung oder Berufung. So etwas führt – genau wie in anderen Bereichen – dazu, daß die Unterlagen auf den Stoß „ungeeignet, nicht zum Vorstellungsgespräch oder Probevortrag einladen“ landen. Ob dies wegen fragwürdiger Studienleistungen oder auch „nur“ wegen Rechtschreibe- oder Kommafehler, unübersichtlicher Gestaltung der Unterlagen o. ä. geschieht, spielt bezüglich des für den Bewerber unbefriedigenden Ergebnisses keine Rolle.

Insofern sind wohl doch die „Gesetze“ im öffentlichen Dienst und an Hochschulen die gleichen wie in der Industrie.

Außerdem sehen die Bedingungen für eine Berufung zum Professor – und nur das kann ja langfristig als Karriere an einer Hochschule verstanden werden – wenigstens in den Ingenieurwissenschaften zwingend eine Beschäftigungszeit außerhalb der Hochschule von mindestens drei Jahren vor. Auch dieser Forderung wird der Fragesteller nicht gerecht. Ergo: Auch vom Anstreben einer Hochschulkarriere würde ich dem Fragesteller der 1.248. Frage zum jetzigen Zeitpunkt abraten.

Ansonsten, wie schon gesagt, machen Sie weiter und helfen Sie Ingenieuren, auch und vor allem Berufseinsteigern, die wirksamen Bewerbungsstrategien und Formulierungen zu finden. Ich wünsche Ihnen – und damit allen Bewerbern – viel Erfolg.

Antwort:

Danke dafür. Ich schätze den Dialog mit Hochschullehrern sehr. Sind diese doch Meinungsmittler und können, so sie auch wollen, dem immer wieder neu zu formendem Nachwuchs viel mitgeben. Damit meine ich weniger Fachwissen, daran hapert es eigentlich nie.

Nein, mir geht es um Kenntnisse über die Welt „da draußen“, auf die Studenten ja vorbereitet werden. Und über die sie meist so entsetzlich wenig wissen, daß die Industrie Anfänger möglichst meidet und den weitaus besser einsatzfähigen Akademiker mit zweijähriger Praxis sucht.

Und da konkrete Empfehlungen immer hilfreicher sind als allgemeine Ausführungen, hier zwei zentrale Punkte, in denen ich mir eine wesentlich bessere Vorbereitung der Studenten auf die Praxis wünschen würde:

1. Wo immer es geht, sollten Studenten lernen, daß Verpackungen – sagen wir es vorsichtig – ebenso wichtig sind wie der Inhalt. Das gilt übrigens auch für Technik: Autos werden ganz bestimmt ebenso oft wegen des gefälligen Designs oder der „tollen Farbkombination“ gekauft wie wegen der überzeugenden Konstruktion des Motors.

Die Umsetzung dieser „Weisheit“ ist im betrieblichen Alltag nicht nur nahezu täglich erforderlich, sie empfiehlt sich dringend bereits im Vorfeld. Beispielsweise in verbalen Darstellungen zur eigenen Persönlichkeit im Bewerbungs- bzw. Vorstellungsprozeß.

Ich meine, die Studenten sollten frühzeitig lernen, daß es nicht genügt, auf eine Frage eine sachlich korrekte, wahrheitsgemäße Antwort zu geben. Sondern daß es stets erforderlich ist, einen Zusatzfilter einzuschalten: Wem sage ich in welchem Zusammenhang was? Weil es eben auch hier nicht ausreicht, einen guten „Inhalt“ zu liefern, sondern weil der auch noch gut „verpackt“ sein muß. Immerhin gehen viele dieser jungen Leute auf die Dreißig zu, da darf man sicher schon etwas mehr erwarten als bei unbekümmerten Achtzehnjährigen.

Ich garantiere, daß etwaige Bemühungen von Professoren, diese Art von Wissen zu vermitteln, „gut angelegt“ sind – die Studenten brauchen das „später“ unbedingt. Da es ohne Fallbeispiele nicht geht, hier drei davon:

a) Frage im Vorstellungsgespräch: „Warum haben Sie so schlechte Abiturnoten?“ Antwort: „Nun, man hat in dem Alter ja zahlreiche andere Interessen, hinter denen die Schule zurückstehen muß.

„Wertung: Diese Antwort eines rundum gebildeten Akademikers ist eine glatte Unverschämtheit, strenggenommen. Und mit ein bißchen Pech merkt der Fragesteller das nicht nur, er „zuckt“ sogar. Was nicht gut ist für den Kandidaten.

Haben Sie es gemerkt, liebe Leser, wo der Fehler liegt? „Man“ ist anmaßend – damit werden „Verluste sozialisiert“. „Man“ heißt „praktisch alle“ – was schon statistisch absolut falsch ist, weil es viele deutlich bessere Abiturzeugnisse gibt, sicher auch solche aus der alten Schulklasse des Bewerbers. „Man“ heißt aber vor allem, auch der Fragesteller hätte ein schlechtes Abitur und – noch viel gefährlicher – er unterstellt, „natürlich“ hätten auch dessen Kinder miserable Noten auf diesem Zeugnis (weil es ja, wie eben erst gesagt wurde, „normal“ ist, daß in dem Alter andere Interessen …).

Dabei ist die bessere und richtigere Antwort ganz einfach: „Ich hatte in diesem Alter ….“ Alles andere ist gefährlich. Ist das zu schwierig? Wer jetzt schulterzuckend registriert: „Also man soll im Vorstellungsgespräch irgendwie nicht “man“ sagen“, der hätte nichts verstanden.

b) Frage im Vorstellungsgespräch an den Bewerber: „Was ist Ihr berufliches Langfristziel, was möchten Sie vor Ihrer Pensionierung noch erreichen?

„Antwort: „Ich möchte einmal Vorstandsmitglied werden.

„b1. Die Situation spielt in einer GmbH. Wertung: Die Antwort ist total blödsinnig, weil es in der GmbH keine Vorstände gibt, sondern nur in einer AG. Die Aussage bedeutet also: „Ich bin hier nur vorübergehend und werde bald in meine eigentliche Zielfirma wechseln.“ Sie bedeutet auch: „Was hier möglich ist, reicht mir absolut nicht.“ Das taugt nichts, wie man es auch dreht und wendet.

b2. Die Antwort wird in einer AG gegeben, Fragesteller ist der etwa 60jährige Personalleiter, angesiedelt auf einer Hierarchiestufe unterhalb des Vorstandes. Die Aussage hat den Charme etwa folgender Verlautbarung: „Was immer ich einmal werden will – auf jeden Fall soll es einmal mehr werden als du alter Trottel je erreicht hast.“ 60jährige Personalleiter kommen nicht mehr in den Vorstand. Die Wertung ist eher negativ.

b3. Der Fragesteller ist Vorstandsmitglied einer AG. Er wird ein wenig lächeln über so viel Ehrgeiz und Selbstbewußtsein, vielleicht ein wenig Bescheidenheit anmahnen, an seine eigene Jugend denken – und die Geschichte großzügig, wie er nun einmal ist, als positives Zeichen für Ehrgeiz werten (aber nicht besonders ernst nehmen).

Ist das zu schwierig? Falls ja: Stellt sich jemand auf den Fußballplatz in die Südkurve zwischen lauter „Eintracht“-Anhänger und feuert stimmgewaltig den „FC“ an? Wohl nicht – man schaut halt auf seine Umgebung, bevor man sich äußert. Warum nur beim unwichtigen Fußball und nicht auch im existentiellen Vorstellungsgespräch?

c) Aussage eines frischeingestellten Berufsanfängers in seiner ersten Abteilungsbesprechung: „Also mir ist aufgefallen, daß der Ablauf in unserem XY-Prozeß stark verbesserungsfähig ist. Man könnte viel effizienter arbeiten, wenn folgende Regelungen geändert würden ….“ Und der Mann hat auch noch recht!

Sein Pech: Der Abteilungsleiter hat die kritisierte Regelung selbst eingeführt und ist ungeheuer stolz darauf. Einen solchen „Frontalangriff“ auf sein „Lieblingskind“ steckt er nicht so ohne weiteres weg. Unser junger Anfänger hat nicht vorher nachgefragt, wer sich von der Idee getroffen fühlen könnte – und sich keine bessere Lösung für das Vorbringen des Vorschlags überlegt. Jede Verbesserungsanregung ist stets auch eine Kritik am Bestehenden – man sollte wissen, wem man gerade auf die Füße tritt. Und manches, unter vier Augen gesagt, wird sehr geschätzt, aber vor Publikum als anmaßend empfunden.Auch hier wieder gilt: In anderen Lebensbereichen „bringt“ der Kandidat solches vorherige Nachdenken ganz sicher. Oder sagt er seiner Freundin vor Publikum auch, sie solle sich doch einmal eine bestimmte neue Frisur machen lassen, sie sähe dann sicher „deutlich besser“ aus? Auf jeden Fall würde er das nie wieder tun!

Soviel zum ersten Thema, der Leidenschaft zu unbedachten Äußerungen, zur Mißachtung der „Verpackung“, die auch das gute Produkt braucht. Meine zweite Anregung betrifft die Fähigkeit, praxisgerecht zu arbeiten.

Viele Studenten, insbesondere solche in den Examenssemestern, zeigen ein geradezu verblüffend „konsequentes“ Denken nicht in vernetzten Systemen, sondern in schön hintereinandergeordneten Ereignissen, die ebenso schön hintereinander „abgearbeitet“ werden. Beispiel: Wer gerade an seiner Diplomarbeit schreibt, schreibt seine Diplomarbeit. Und sieht nichts anderes, will nichts anderes wissen, denkt an nichts anderes. Danach ist er – je nach Prüfungsordnung – fertig und braucht einen Job. Den sucht er dann, anschließend, als separates Projekt und egal, wie lange es dauert. Aber niemals während des Schreibens an seiner Diplomarbeit.

Oder sprechen Sie einmal zu Studenten über generelle Probleme des späteren Berufslebens. Entweder sind sie noch „zu jung“, dann heißt es: „Mich interessiert erst einmal mein Examen/meine Diplomarbeit; dann kümmere ich mich um das nächste Problem.“ Oder sie sind fast fertig, dann geht es nur um die Einstiegsposition und wie man sie bekommt. Der Rest wird auf ein ominöses „später“ verschoben.

Mir liegt weniger an einem Hinweis darauf, daß dieses „Scheuklappendenken“ schon den Belangen der Studenten nicht dient.

Nein, mir geht es um den Hinweis auf die völlig anders gelagerte Praxis: Ich kenne kaum einen Büroschreibtisch, auf dem nicht fünf, zehn oder mehr Prozesse parallel ablaufen – die alle gleichzeitig und gleichermaßen gesteuert und im Auge behalten bzw. vorangetrieben werden müssen. Es ist völlig undenkbar, diese Prozesse in eine Zeitfolge nacheinander einzuordnen – erst das hier fertigstellen, dann das nächste Problem aufgreifen.

Ich erinnere mich an eine kürzlich in dieser Serie aufgetretene junge Konstrukteurin, die nach massiven Vorwürfen Ihres Chefs entlassen worden war. Ihr hatte man genau dieses Verhalten vorgeworfen – „erst einmal das hier, der Rest wird nach Ende dieses Vorhabens angegangen, bis dahin bleibt er liegen.

„Mein Aufruf an alle, die Einfluß haben und etwas tun wollen: Versuchen Sie, die Ihnen anvertrauten jungen Leute zumindest in diesem Sinne problembewußt zu machen, dann ist der Schock nicht so groß (den Berufspraktiker erleiden, wenn sie Ex-Studenten im Vorstellungsgespräch oder bei den ersten praktischen Gehversuchen erleben).

Bleibt die Sache mit dem öffentlichen Dienst: „Anders“ ist dort tatsächlich vieles. Ich nenne nur Beamtenstatus, Unkündbarkeit, Regelbeförderung. Anders ist aber auch die Empfindlichkeit vieler Mitarbeiter aus diesem Bereich: Industrieleute reagieren meist gelassen auf Aussagen, die sie als Angriff empfinden; wenn ich den öffentlichen Dienst ins Spiel bringe, ist dort oft die Aufregung groß.

Also ich habe, sehr geehrter Einsender, niemals sagen wollen, daß ein Bewerber, der für die Industrie nicht gut genug ist, ja schlimmstenfalls immer noch Professor werden könnte. Das liegt mir fern. Sie haben zwar korrekt zitiert, aber meine Aussage bezog sich auf einen speziellen Satz des Fragestellers in seinem Brief („Gelegentlich werde ich schon gefragt, warum ich keine Hochschulkarriere anstrebe, …“). Daher mein späteres: „Vielleicht doch die Hochschule, …“

Mir geht es generell um ein Prinzip, das ich seit Jahren erfolgreich verfolge: Wenn jemand mit einem Arbeitgebertyp nicht zurechtkommt (hier: Industrie, die ihn nicht haben wollte), dann soll er unbedingt einmal Arbeitgeber eines ganz anderen Typs ausprobieren – vielleicht paßt er dort besser hin. Daß bei mir in der willkürlichen Aufzählung „anderer“ Arbeitgeber lauter Vertreter des öffentlichen Dienstes vorkamen, war reiner Zufall.

Kurzantwort:

Die „vorsichtige“ Einstellung der Wirtschaft gegenüber Berufsanfängern zeigt, dass Studenten meist noch längst nicht optimal auf die Belange der Praxis ausgerichtet sind.

Frage-Nr.: 1258
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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