Heiko Mell

Mit 39 Geschäftsführer und dann?

Ihre Beratungen im Laufe der letzten zehn Jahre haben auch dazu beigetragen, daß ich bereits im Alter von 39 Jahren Geschäftsführer eines Unternehmens in der Energiewirtschaft mit einem Umsatz im 9-stelligen DM-Bereich wurde.

Nachdem ich jetzt sieben Jahre in dieser Position tätig bin, Erfolg habe und mit dem Beirat harmonisch zusammenarbeite, stellt sich mir die Frage: Soll ich, bevor ich den 50. Geburtstag erreiche, mit einem Wechsel eine höhere Position anstreben oder bis zum Ruhestand in der erreichten Position verbleiben? Der Gedanke, dann in der heutigen Position insgesamt 25 Jahre tätig zu sein, befremdet mich aber im Grunde möchte ich z. Z. auch keinen Wechsel anstreben.

Eine für mich wirklich reizvolle Aufgabe läge in meiner Branche bei Unternehmen, die wesentlich größer (50bis l00facher Umsatz), aber von einer völlig anderen Unternehmenskultur geprägt sind. Jeder Wechsel ist mit Risiken verbunden, und Sie haben in der Vergangenheit vor derartigen Sprüngen gewarnt. Eine zweite Möglichkeit in diesem Zusammenhang besteht darin, sich bei einem wesentlich größeren Unternehmen um eine Position unterhalb der Geschäftsführerebene zu bewerben. Auch davon haben Sie in der Vergangenheit abgeraten.

Wie ich Sie kenne, werden Sie sagen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Soll ich in der jetzigen Position bis zum Ruhestand verbleiben?

Antwort:

Es ist, so glaube ich, kein Geheimnis, daß mir Karriereberatung ganz einfach Spaß macht. Dazu trägt auch die besondere Herausforderung bei, die in der speziellen Vorgehensweise liegt. Da kommt ein Mensch zur Tür herein, der sich zwar angemeldet hat und dessen Namen ich kenne, bei dem ich aber nicht einmal andeutungsweise weiß, wo sein Problem liegt: ist er Ingenieur oder Kaufmann, hat er einen Job und will er aufsteigen, ist er arbeitslos und muß nun vor allem seine Existenz sichern oder ist er Geschäftsführer und hat Angst, daß bis zur Pensionierung bleiben zu müssen? Das Problem spontan aufzunehmen, zu hinterfragen und zu analysieren und dann in angemessener Zeit persönlichkeitsadäquate Lösungsansätze zu finden, das ist eine ungeheuer reizvolle und spannende Angelegenheit.

Die ich mir auch bei der Gestaltung dieser Serie erhalte: Ich stufe den Brief als geeignet im Rahmen der Zielsetzung ein, schreibe ihn von Hand ab, passe ihn dabei den Erfordernissen an (Kürzung, ggf. Ergänzung durch allgemeinverständliche Formulierungen, Rechtschreibung etc.) und weiß am Beginn dieser Arbeit meist noch nicht, was ich als Antwort schreiben werde. Aber wenn die Frage fertig abbzw. umgeschrieben ist, muß die Antwort ohne Pause aus der Feder fließen eisernes Gesetz, selbst formuliert und in fast zwölf Jahren sehr bewährt.

Wundern Sie sich über dieses Vorgehen? Tun Sie es nicht: Wie sollte ich denn meine als natürliche Personen vor mir sitzenden Karriereberatungs-Klienten etwa bedienen.

So, verehrter Einsender, nun also zu Ihnen: Danke für Ihre Einleitung. Eigentlich, dies nur einmal als Anregung, könnten Sie bei einem solchen Brief nach dem ersten Absatz aufhören. Alles was danach kommt, verwässert nur die Aussage. Außerdem können sich die anderen Leser kürzere Einsendungen besser merken als langatmige. „Mell lesen und GF werden“, das ist so prägnant, da kann ein Mehr an Informationen doch nur schaden.

Um aber langsam zum Problem vorzustoßen: Sie, liebe anderen Leser, die Sie (noch) nicht die höchsten Ränge in der Hierarchie erreicht haben, mögen ganz beruhigt sein: So richtig glücklich sind „die da oben“ auch nicht. Nur allzu leicht langweilt, was schon erreicht ist, nur unerfüllte Ziele motivieren optimal.

Damit kein Zweifel entsteht: Das Problem als solches erkenne ich voll an. Schon oft habe ich jungen Heißspornen im Gespräch verdeutlichen müssen, wovor es sich zu hüten gilt: Was wollen Sie mit 35 im Konzernvorstand Sie hätten die Aussicht auf 30 weitere Jahre ohne Aufstiegschance. Vielleicht macht man auch aus diesem Grunde niemanden zum Papst mit 25?

Betrachten wir, verehrter Einsender, Ihre spezielle Situation. Es fallen mir dabei nicht nur allgemeine Ratschläge, sondern knallharte Regeln ein, die nicht ohne Not übertreten werden sollten:

 

1. Mit 39 GF geworden, seit sieben Jahren in diesem Amt also sind Sie jetzt 46 Jahre alt. Mit über 50 geht über externe Bewerbungen gar nichts mehr, mit 50 kaum noch etwas. Mit 48 wird es kritisch und ab 45 beginnen die Bedenken von Bewerbungsempfängern. Folgerichtig sollte man mit 45 auf dem Stuhl der Zielposition sitzen und dann höchstens noch intern hoffen, aber nicht mehr extern auf Akzeptanz angewiesen sein.

Mit 46 also kann man durchaus noch einmal ein unglücklich angegangenes berufliches Experiment korrigieren oder einem vom eigenen Unternehmen ausgehenden Druck ausweichen. Aber es ist die letzte Chance, quasi die letzte Patrone, die der Westernheld in höchster Not opfert, um dem sonst sicheren Skalpieren zu entgehen. Aber er wird sie nicht verschießen, um noch einen dritten Hirsch zu erlegen, wo doch der bisherige Fleischvorrat auch ausreicht, um über den Winter zu kommen.Vergessen Sie auch nicht: Jedes neue Engagement kann schiefgehen. Wenn Sie jetzt eines anstreben, haben Sie es vielleicht mit 47 und wissen eventuell mit 49, daß es ein Flop war. Das ist dann schon höchst bedenklich! Sie müßten also schon sehr gute Gründe haben,wenn Sie dieses Risiko eingehen wollten.

 

2. Je schwieriger die Eroberung von irgendetwas ist, desto mehr muß man Energie darauf verwenden, es dann auch zu halten. Das ist bei stadtbekannten Schönheiten so, die man als Partner gewinnt, und galt schon früher, als wagemutige Ritter sich fremde Königskronen aufs Haupt setzten. Und damit hat man wieder ein immerwährendes anspruchsvolles Ziel! Heute gilt das entsprechend für anspruchsvolle Karrierepositionen. Geschäftsführer zu werden, ist eine Sache. Das über viele Jahre auch zu bleiben und weder gefeuert zu werden, noch in Konkurs zu gehen, ist die andere.

 

3. Nun komnt ein ganz besonderes Argument für Sie: Ihre heutige Aufgabe ist Ihnen also nicht groß genug, und Sie befürchten, nach 25 Jahren gleichen Tuns versauert zu sein? Das ist als Argument eines Geschäftsführers nicht würdig! Sie wollen mehr Umsatz? Na, dann machen Sie doch welchen. Sie sind Unternehmer, Ihnen steht alles offen. Nur Ihre Kreativität, Ihre Gestaltungskraft, Ihr Durchsetzungsvermögen setzen Ihnen Grenzen.

Natürlich, ich weiß ja: Die Firma gehört Ihnen nicht. Sie brauchen die Zustimmung von Beiräten, Geld von Gesellschaftern und was weiß ich sonst noch. Aber das wäre doch eine Herausforderung, die des Schweißes des Edlen wert wäre. Gehen Sie doch lieber in die Geschichte ein (was so eine Sache ist, aber immerhin) als der Mann, der aus 100 Millionen Umsatz eine Milliarde gemacht hat (ein bißchen hilft die Inflation ja auch) . Das ist „mehr“, als einen „größeren“ Job bloß zu bekommen und eines Tages unverändert wieder abzugeben.

 

4. Im Normalfall hat der mit üblichen Fähigkeiten ausgestattete Mensch so mit 4550 Jahren das erreicht, was ihm zukam. Das könnte in Ihrem Fall die Geschäftsführung eines Unternehmens mit heute 100 Mio. sein. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß „in Wirklichkeit“ Ihre Fähigkeiten eine fünfzigbis hundertfach größere Verantwortung problemlos abdecken würden. Vertrauen Sie nicht darauf, daß gerade Sie die Ausnahme von der Regel sind.

 

5. Wer in einem kleineren Unternehmen „oben“ ist, sollte sich tatsächlich nicht in einem größeren um eine Position in der zweiten oder dritten Ebene bewerben. „Einmal Geschäftsführer, immer Geschäftsführer“ aber, dies als Trost, die Bewerbungsempfänger wissen das auch und wollen „keine kleinen Ex-GF als Hauptabteilungsleiter bei uns“. Weil wer oben war und dahingehörte, „verdorben“ ist für Jobs mit weniger Universalverantwortung und -kompetenz. Außerdem wollen die Geschäftsführer des neuen Unternehmens unter sich keinen Manager, der selbst schon Geschäftsführer war es könnte ihm der Respekt vor Geschäftsführern abgehen (das ist sehr ernst gemeint).

 

6. Gleichgültig, was Sie tun: Markt- und Technikentwicklung werden ohnehin dafür sorgen, daß Ihre Aufgaben und Ihre Position sich vielfältig ändern, auch wenn Sie Ihren heutigen Job „nur“ halten. Also, verehrter Einsender, „bleibe im Lande und nähre dich redlich“ und schreiben Sie mir so um 2015, Ihre Gesellschaft hätte unter Ihrer Gesamtleitung soeben die Milliardengrenze erreicht. Zwar bin ich dann 73, aber es wird zum Ausgleich auch keine DM mehr geben.

Kurzantwort:

Es kann durchaus erschreckend sein, wenn man um 45 erkennen muß, daß vermutlich noch 20 Jahre in der selben Position „drohen“. Aber einmal ist auch das bloße Halten hochkarätiger Positionen ein schönes Ziel, zum anderen gibt es spätestens ab der Krise von 1993 garantiert keinen Job mehr, der wirklich über viele Jahre „derselbe“ bleibt. Nichts würde der 45jährige wiedererkennen, könnte er heute eine Zeitreise antreten und seine Position in zwanzig Jahren sehen.

Frage-Nr.: 1103
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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