Heiko Mell

Wieso sollte ein FH-Absolvent weniger können als ein Uni-Absolvent?

Frage 1:

Ich bin ein junger Leser der VDI nachrichten. Ihre Karriereberatung lese ich dabei regelmäßig.

Antwort 1:

Aus langjähriger Erfahrung mit der speziellen Einstellung gerade sehr junger Leute zu den Realitäten des Berufs kann ich Ihnen nur raten: Bleiben Sie dabei, beschäftigen Sie sich mit diesen Fragen so früh wie möglich.

Noch werden Sie vermutlich nicht alles verstehen, weil Sie von manchen der hier genannten Probleme nie gehört haben. Aber ich versichere Ihnen: Dieses Verständnis kommt und es steigt nach dem Eintritt ins Berufsleben steil an.

Ich möchte nicht missverstanden und etwa verdächtigt werden, auf diesem Weg krampfhaft Leser für meine Serie zu werben – deren gibt es genug. Aber ich freue mich über jeden jungen Menschen, dem ich vielleicht helfen kann, bevor er wesentliche Fehler gemacht hat.

Sie müssen meine Aussagen und/oder meine Art der Darstellung nicht mögen, darauf kommt es überhaupt nicht an. Es macht nichts, wenn Sie anfangs sehr oft und später immer noch mitunter den Kopf beim Lesen schütteln und wenn Sie gelegentlich kritische Briefe schreiben. Aber allein die Tatsache, dass Sie sich intensiv mit dem Thema „Studium/Beruf etc.“ auseinandersetzen, wird Ihnen in der Praxis helfen (mir eher weniger, meine Kritiker meinen, mir sei nicht mehr zu helfen).

Frage 2:

Ich hätte eine Frage bzgl. einer Aussage, die Sie zuletzt getätigt haben. Angenommen, wir haben zwei Bewerbungen vor uns liegen. Der eine Kandidat ist Universitätsabsolvent (Master) mit einer Durchschnittsnote von 1,0 und der andere ein FH-Absolvent (Master) mit ebenfalls 1,0.

Woher wollen Sie wissen, ob der FH-Absolvent nicht auch einen Uni-Abschluss mit 1,0 geschafft hätte?

Antwort 2:

Von „nicht auch“ kann gar keine Rede sein! Ganz im Gegenteil: Ihrem 1,0-FH-Absolventen „garantiere“ ich aus langjähriger Erfahrung mindestens einen Uni-Abschluss mit 2,0 und halte ein besseres Ergebnis für sehr wahrscheinlich, eine 1,0 dort ist absolut möglich.

Und jetzt beginnen die Probleme:

  1. a) Dieser FH-Absolvent mit 1,0 könnte durchaus einen sehr guten Uni-Abschluss schaffen, er hat ihn aber nicht. Für „könnte“ und andere Konjunktiv-Formulierungen gibt die Praxis keinen Cent.
  2. b) Der Uni-Absolvent Ihres Beispiels braucht sich keinerlei Gedanken zu machen, ob er etwa einen anderen Hochschultyp hätte wählen sollen, er hatte eigentlich keine andere Wahl. Kein vernünftiger Mensch wird ihm sagen, er hätte vielleicht besser die FH gewählt.

Er wird in der Regel promovieren und vielleicht überlegen, in der Forschung und/oder Lehre zu bleiben. Auch dafür hätte er die richtigen Voraussetzungen.

Als provozierende These: Eigentlich könnte ein Abschluss von 1,0 (bei normalem Studienverlauf inkl. Dauer) bedeuten, dass das Potenzial des Kandidaten noch nicht ganz ausgeschöpft wurde, dass er noch nicht bis an seine Grenzen gefordert worden ist. Aber es gab für den Uni-Master keine Alternative im Hinblick auf den Hochschultyp.

  1. c) Der FH-Absolvent mit 1,0 könnte nicht nur auch einen sehr guten Uni-Abschluss erreichen, er könnte sogar „besser“ sein als alle Uni-Absolventen seines Jahrganges. Aber das nützt ihm nichts. Er könnte sich aber fragen, ob er den für ihn optimalen Hochschultyp gewählt hat.

Man darf bei diesem Thema nicht nur mit Zahlen jonglieren, es kommen zahlreiche andere Aspekte hinzu: Vielleicht ist der FH-Absolvent mit seinem Ergebnis glücklich und wäre es an der Uni nicht geworden. Vielleicht ist er lieber der beste Examenskandidat an seiner FH und wäre als Absolvent mit z. B. 1,4 an der Uni nicht halb so zufrieden. Fragen dieser Art kann nur jeder für sich irgendwie zu lösen versuchen, eine allein richtige Antwort gibt es nicht.

Frage 3:

Des Weiteren gibt es viele Studenten, die während des Studiums (aus den verschiedensten Gründen) das ökonomische Minimumprinzip anwenden. Dies bedeutet meiner Meinung nach aber nicht, dass sich dieses Verhalten bei der späteren Arbeit widerspiegeln muss.

Antwort 3:

Muss nicht, kann aber – und allein der Verdacht ist gefährlich. Wenn die Praxis zwischen zwei Bewerbern wählt, von denen der eine einen sehr guten Abschluss hat und nichts erklären muss, ist der andere von Anfang an im Nachteil. Denn er kann seine Versicherung, in Wirklichkeit sei er viel besser, keinesfalls beweisen.

Gegen das von Ihnen erwähnte Prinzip des minimalen Aufwands hat die Praxis nichts – es muss aber ein tolles Ergebnis dabei herauskommen. Ein echter Leistungsträger leistet immer und erzielt tolle Ergebnisse, wohin man ihn auch stellt. Die anderen gelten leicht als „leistungsschwach mit faulen Ausreden“.

Nicht ohne Grund leben wir in einer „Leistungsgesellschaft“ – mehr als die Leistungskraft seiner Bürger hat unser Land fast nicht zu bieten.

 

Frage-Nr.: 3.016
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-06-21

Sie wollen Heiko Mell live erleben?

Dann kommen Sie auf den VDI nachrichten Recruiting Tag nach Dortmund am 13. September 2019 und stellen Sie ihm Ihre Fragen zu Ihrer Karriere.

Von Heiko Mell

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