Heiko Mell 02.01.2016, 06:27 Uhr

Wohin als Wirtschafts-Ing.?

Frage/1: Ich studiere Wirtschaftsingenieurwesen, Schwerpunkt E-Technik, und schreibe gerade meine Bachelor-Arbeit bei einem …-Hersteller. Während meines halbjährigen Aufenthalts hier ist mir bewusst geworden, dass die Arbeit als Entwicklungsingenieur mir nicht zusagt und ich mir schwer einen solchen Berufsalltag vorstellen kann. Zwar ist dies lediglich meine erste Erfahrung in einem großen Konzern, dennoch hat es mich zum Nachdenken angeregt, wo und als was ich eigentlich nach dem Master-Studium arbeiten möchte. Es heißt immer, Wirtschaftsingenieure haben sehr gute Einstiegsmöglichkeiten und tolle Perspektiven, allerdings finde ich fast nur Stellenanzeigen für Entwicklungsingenieure und Ähnliches.

Frage/2: Welchen Einstieg würden Sie jemandem wie mir empfehlen, der auf keinen Fall in irgendwelchen Laboren vor Messgeräten sitzen möchte, sondern in seiner Arbeit mit Menschen in Kontakt treten und mittel- bis langfristig in eine „organisatorische“ Tätigkeit mit personeller Verantwortung hineinwachsen kann?

Frage/3: Oder ist es so, dass man seine ersten Berufserfahrungen, auch als Wirtschaftsingenieur, in der Entwicklung machen sollte, um sich dadurch ein technisches Basiswissen anzueignen?

Antwort:

Antwort/1:
So ganz verstehe ich das alles nicht:

1. Eine Blitz-Analyse in einer der großen Internet-Stellenbörsen ergab – noch in einer Urlaubszeit, in der für Stellenangebote eigentlich „tote Hose“ angesagt ist – 1.700 Anzeigen, in denen Wirtschaftsingenieure gesucht werden. Ich habe bewusst nicht nach Berufserfahrung / Anfänger unterschieden, da das für diesen Zweck nichts bringt. Es ging darum, wo überall Wirtschaftsingenieure eingesetzt werden – ob mit 0 oder mit 5 Jahren Praxis ist für diesen Zweck nicht wichtig.

2. „Kein Mensch“ (Ausnahmen sind immer möglich) wird Wirtschaftsingenieure als Entwicklungsingenieure suchen und einsetzen. Dafür sind ihre technischen Kenntnisse nicht tiefgängig genug.

3. Ihre Bachelor-Thesis dreht sich um die „Ermittlung von Potenzialen zur Kostenreduzierung …“ – ein klassisches Thema für Wirtschaftsingenieure, mit dem Sie sich für einen entsprechenden Berufseinstieg empfehlen. Natürlich geht es auch bei Entwicklungsingenieuren immer auch um Kostenminimierung. Aber ein Kostenreduzierer entwickelt kein neues Bremssystem für Pkw, das wäre eine Bilderbuchaufgabe für klassische Dipl.-Ingenieure (ohne „Wirtschafts-„).

4. Es ist also völlig „normal“ im Sinne von üblich, dass Ihnen mit Ihrer Ausrichtung klassische Entwicklungsarbeit nicht zusagt – dafür sind Sie nicht ausgebildet.

5. Wir fanden beispielsweise (unsortiert) in jener Internet-Stellenbörse diese gesuchten Wirtschaftsingenieure:- Projektmanagement (stetige Verbesserung von technischen Abläufen, nicht von Produkten),- Vertriebsingenieur (mit der Erarbeitung von kundenbezogenen technischen Lösungen),- Verbesserung und Abbildung des Entwicklungsprozesses (nicht der Produkte),- Verkaufsentwicklung von Produkten und technischen Lösungen,- Terminplaner für Windenergie-Anlagen,- Koordination von weltweiten Exporten,- Vertrieb eines Ingenieurdienstleisters,- Optimierung von Abläufen und Prozessen für Nacharbeiten,- Energieberatung (Strom) für Unternehmen,- Junior Consultant (Unternehmensberatung),- technischer Einkäufer,- Projektmanagement (Betreuung der weltweiten Vertriebsorganisation im Anlagenbau),- Produktmanager (vertriebliche Betreuung eines Produkts),- Projektingenieur für die technische Planung komplexer Lagersysteme.

Das sind ungeordnete Beispiele, aber es zeichnet sich doch ein Schema ab. Es geht mehr um Abläufe/Prozesse, nicht so sehr um die detaillierte Technik des Produkts. Und oft geht es um Vertrieb – einen unverzichtbaren Kernbereich in der Marktwirtschaft.Wo Sie Stellenanzeigen für Wirtschafts- als Entwicklungsingenieure gefunden haben, weiß ich nicht.

Antwort/2:
Man soll stets versuchen, mit den Pfunden zu wuchern, die man hat und man soll früher erworbene Qualifikationen in Laufbahnplanungen einbeziehen. Man soll also nicht erst Chinesisch lernen und dann Verkaufsleiter für Grönland werden, heißt das.Sie kommen über den 2. Bildungsweg und waren einmal ausgebildeter Verkäufer im Einzelhandel. Eine Tätigkeit im industriellen Vertrieb würde das auf höherer Ebene fortsetzen, wäre glaubhaft, brächte Sie mit Menschen in Kontakt und böte unbegrenzte Aufstiegs- und Verdienstchancen (durchaus auch über 120 – 150.000 EUR/Jahr hinaus, als Vertriebsgeschäftsführer sogar noch deutlich mehr).

Antwort/3:
In der theoretischen Betrachtung könnte es niemandem schaden, auch einmal in der Entwicklung gearbeitet zu haben. In der Praxis geschieht das nicht, wird es in der Regel weder geboten noch verlangt. Der spätere Einkaufsleiter beginnt im Einkauf und steigt dort auf, der spätere Vertriebsleiter startet im Vertrieb.
Und noch etwas: hervorragende Verkäufer wären sehr oft „lausige“ Entwicklungsingenieure. Sie trieben den Entwicklungsleiter zur Verzweiflung und bekämen schlechte Zeugnisse. Umgekehrt ist es ähnlich: Gute Entwickler wären meist schlechte Verkäufer – dabei würde ihnen eine Basis im vertrieblichen Kundenkontakt auch nicht direkt schaden.

Kurzantwort:

Die beiden Positionen „Entwicklungsingenieur“ auf der technischen und „Mitarbeiter im Rechnungswesen“ auf der kaufmännischen Seite sind keine typischen Einsatzbereichs für die eher auf Schnittstellen ausgerichteten Wirtschaftsingenieure.

Frage-Nr.: 2532
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-23

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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