Heiko Mell

Unbefriedigend qualifiziert mit einem Dipl.-Ing. (BA)?

Frage:

Ich bin Dipl.-Ing. (BA) und fühlte mich bisher ausreichend gut qualifiziert.

Die meisten meiner jüngeren Kollegen und Mitarbeiter haben einen Master, einige haben promoviert. Mein direkter Vorgesetzter ist promovierter Maschinenbauingenieur. Von den fünf Kollegen meiner Hierarchieebene innerhalb der Konstruktion & Entwicklung haben drei promoviert, die anderen haben an einer TU studiert.

Ich bin sehr stolz und zufrieden mit meiner bisherigen Laufbahn! Im alltäglichen Berufsleben habe ich keine Probleme. Dennoch habe ich zunehmend das Gefühl, mit meinem Studienabschluss unterqualifiziert zu sein. Das ist eine rein subjektive Angelegenheit, ich wurde dazu noch nie von Kollegen oder Vorgesetzten angesprochen und bin mir sicher, dass die meisten keine Ahnung haben, was oder wo ich studiert habe. Jedoch plagt mich häufig der oben beschriebene Gedanke.

Was würden Sie mir persönlich empfehlen? Denken Sie, ich sollte ein Aufbaustudium machen (z. B. Master Maschinenbau berufsbegleitend), um beruflich besser weiterzukommen? Das möchte ich ungern, da die wertvolle Zeit und auch das Geld dann der Familie fehlen würden. Ich weiß aber auch, dass „ohne Fleiß kein Preis“ zu erwarten ist.

Antwort:

Es ist schön, wenn ein Fragesteller gleich die Information mitliefert, was er nicht so gern als Antwort hören möchte. Nun, wer mich kennt, kennt auch meine Reaktion darauf: Das hält mich keineswegs davon ab, zu sagen, was gesagt werden muss.

Ich darf kurz ins Allgemeine abschweifen, bevor ich dann konkret auf den vorgelegten Fall eingehe, sonst verunsichern wir hier noch ohne Not zahlreiche Leser: Dies ist keine sachliche Abwägung der Frage, inwieweit etwa ein Studium an einer Berufsakademie ausreicht, um im beruflichen Wettbewerb mit TU-Master-Absolventen bestehen zu können. Die Frage könnte ebenso gut ein „nur“ promovierter Ingenieur gestellt haben, der in einer Forschungsabteilung zwischen lauter Kollegen und Chefs bestehen muss, die eine Habilitation erfolgreich abgeschlossen haben.

Als kleiner Trost für unseren Einsender: Wissen Sie, was der Duden als erste („das Wichtigste steht fast immer zuerst“) Definition eines Masters gibt: „formelle engl. Anrede für einen Jungen, der noch nicht alt genug ist, um mit ‚Mister‘ angesprochen zu werden“ – der Rest der Definition kommt erst danach.

Hier geht es, wie Sie, geehrter Einsender, schon richtig bemerkt haben, vorrangig um das – nicht zu unterschätzende – Gefühl(!), den Kollegen und Chefs irgendwie unterlegen zu sein. Auch völlig richtig ist Ihre Vermutung, dass in Ihrem betrieblichen Umfeld niemand mehr weiß, welches Studium Sie überhaupt haben. Im Tagesgeschäft dominiert in den Augen der Umwelt vollständig die „reale Person“ mit ihren Leistungen, ihrem Wissen und Können, ihren Stärken und Schwächen. Es gibt jedoch Gelegenheiten, bei denen die „Papierbasis“ (welche Dokumente kann der Kandidat vorlegen?) durchaus auf das Ergebnis von Überlegungen der Entscheidungsträger durchschlägt:

  1. bei internen Beförderungen, wenn der Chef seinem eigenen Vorgesetzten und ggf. der Personalabteilung gegenüber die Hochstufung dieses Mitarbeiters vorschlägt und begründet,
  2. bei jeder externen Bewerbung, weil man für den Bewerbungsempfänger ein noch „unbeschriebenes Blatt“ ist und er sich in der Beurteilung einer schriftlichen Bewerbung nur auf die „Papierqualifikation“ stützen kann.

Es gilt also für Sie: Nummer eins lässt sich nicht pauschal gewichten (jedes Unternehmen geht hier seinen individuellen Weg), aber Nummer zwei bleibt berufslebenslang ein Thema.

Fest steht auch: Schon intern wird man bei Beförderungen darauf achten, wer damit wem unterstellt würde. Denkbar ist: „Wir können doch nicht dem Mann mit der BA-Qualifikation drei promovierte TU-Ingenieure unterstellen.“ Bei Ingenieuren ist man da in allen Richtungen empfindlicher als z. B. bei Kaufleuten. Aber das kann eine Rolle spielen, muss jedoch nicht.

Sicher sein können Sie nur, dass dieser Aspekt bei externen Bewerbungen eine Rolle spielt. Natürlich gibt es auch einzelne Gegenbeispiele, aber diese Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

Das alles war nur Vorspiel, jetzt nähern wir uns dem Kern: Gefühle aller Art bestimmen unser Denken und Handeln vermutlich mehr als rein sachliche Gegebenheiten. Und bei Ihnen hat es schon angefangen, siehe Ihre Einsendung. Stellen Sie sich vor, es gibt eine interne Beförderungsaktion – und nicht Sie werden ernannt, sondern ein Kollege mit TU-Master-Abschluss. Was werden Sie wohl denken? Und wie wird der Gedanke Ihr Selbstbewusstsein weiter angreifen und vielleicht sogar eines Tages Ihren Elan ruinieren („Es hat ja doch alles keinen Zweck; wegen meiner speziellen Ausbildung habe ich keine weitere Chance“)?

Bei einer Absage nach externer Bewerbung ergibt sich eine adäquate Überlegung wie von selbst.

Nach meiner Erfahrung kommt ein solches Gefühl, wenn es einmal da war, immer wieder hoch – und kann Sie eines Tages total lähmen. Sie müssen also etwas tun. Grundsätzlich käme auch eine Therapie „Wie erwerbe ich sein solides, kaum zu erschütterndes Selbstbewusstsein?“ infrage. Aber das ist nicht mein Fachgebiet, ich kann auch nichts zu den Erfolgsaussichten sagen.

Aber wir sollten auch einen Blick auf Ihre speziellen Gegebenheiten werfen. Da gibt es folgende Eckpunkte:

  1. a) Sie haben, warum auch immer, viele Jahre lang eine Hauptschule besucht und sich dann zur Fachhochschulreife weiterqualifiziert. Das ist heute keine übliche Basis mehr. Die Hauptschule wird in Sachen Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung für spätere Studenten nicht mehr als zeitgemäß empfunden. Und wenn man beim Bier mit Chefs und Kollegen sitzt und wenn dort über Erlebnisse in der Gymnasialphase geplaudert wird, dann braucht es schon ein „robustes“ Gemüt, um souverän stattdessen über den Hauptschulbesuch zu berichten.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Rein objektiv betrachtet, spricht gar nichts gegen diesen Weg. Er steht, gemessen an dem, was Sie heute erreicht haben, im Gegenteil für eine höchst anerkennenswerte Leistung danach. Aber er kann zu Problemen im Bereich des Selbstbewusstseins führen – oder er ist weniger optimal für jemanden, der von Anfang an nicht das stärkste Selbstbewusstsein hatte.

    1. b) Sie haben einen Abschluss als Dipl.-Ing. (BA) mit 1,2 und Auszeichnung. Daraus lassen sich mehrere Vermutungen und Erkenntnisse ableiten:
    2. b1) Sie haben nie auf die Hauptschule gehört. Jemand hätte Ihre weit darüber hinausgehende Begabung erkennen müssen.
    3. b2) Menschen mit einem Ausbildungsabschluss, der noch nicht die absolute Spitze der Skala aller möglichen Varianten (z. B. eines Studiums) darstellt, entwickeln eher Minderwertigkeitskomplexe, wenn ihr Abschluss eine Top-Bewertung ausweist. Stünde bei Ihnen eine Note „befriedigend“, hätten Sie wahrscheinlich weniger erreicht und ziemlich sicher auch weniger entsprechende Probleme.
    4. b3) Auf der Basis Ihres Abschlusses und Ihrer Aussagen in dieser Frage gebe ich die ganz klare Prognose ab: Sie würden im nebenberuflichen Studium den Master mit gutem Ergebnis schaffen, das Potenzial ist da.
    5. c) Sie haben auch im Beruf schon Vorzeigbares erreicht, sind in einem renommierten größeren Unternehmensverband Führungskraft mit deutlich mehr als nur einer Handvoll Mitarbeiter.

Fazit: Gern würde ich Ihnen zum Erreichten gratulieren, Ihnen versichern, es sei alles in Ordnung und Sie mit einem fröhlichen „Weiter so!“ entlassen. Aber ich weiß um die Gefährlichkeit Ihrer dargestellten Gefühle, Bedenken, Zweifel etc. Und daher rate ich gerade Ihnen: Tun Sie noch etwas, stopfen Sie die Lücke, die Sie in Ihrer eigenen Betrachtung haben. Denn diese Gedanken werden, das lehrt die Erfahrung, mit steigendem Alter an Intensität zunehmen. Und wenn Sie erst 50 sind, nachts wach im Bett liegen und mit sich und der Welt hadern „hätte ich doch damals bloß …“, dann ist es zu spät.

Von Heiko Mell

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