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Darf man ein „Du“ im Arbeitsleben ablehnen?

02. Januar 2016

Darf man ein „Du“, das von einem gleichgestellten Kollegen angeboten wird, ablehnen, wenn mir das Duzen mit diesem speziellen Kollegen unangenehm wäre? Wie sieht es bei höhergestellten Kollegen aus? Im Firmenalltag ist bei uns sowohl das Duzen als auch das Siezen von anderen Kollegen absolut gebräuchlich.
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Antwort:

Innerhalb von ein bis zwei Generationen hat insbesondere bei den jüngeren Menschen (von mir „gefühlt“ so bis etwa Mitte 30) die Bereitschaft zum spontanen Duzen auch fremder gleichaltriger Erwachsener sehr stark zugenommen. Die zunehmende Internationalisierung des beruflichen Alltags, die schleichende Amerikanisierung unserer Umgangsformen und die wachsende Bedeutung des Englischen, das unsere strikte Anrede-Trennung so nicht kennt, haben dazu beigetragen.

So haben Sie Ihre Zuschrift schlicht mit „Hallo“, eingeleitet, das hätte vor vierzig Jahren niemand auch nur erwogen. Aber es muss auch gesagt werden: An den grundsätzlichen Schwierigkeiten im Arbeitsleben ändert das alles überhaupt nichts. Auch das Duzen zwischen Chefs und Mitarbeitern, das in einigen Firmen oder zumindest in einigen Abteilungen um sich greift, verbessert das Verhältnis zwischen beiden Gruppen nicht wirklich. Wer einmal erlebt hat, wie sich zwei Vettern oder Geschwister an der Firmenspitze miteinander „fetzen“ können, obwohl sie schon im Sandkasten miteinander gespielt haben, weiß sofort, wovon hier die Rede ist.

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Das Duzen oder Siezen macht also nichts besser oder einfacher, es geht allein darum: Als Zielsetzung, wobei die Reihen- auch die Rangfolge ist, wollen Sie in Ihrer Arbeitsumgebung

– mindestens überleben,

– so gut wie möglich arbeiten und leben,

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– langfristig zufrieden und glücklich werden.

Wenn eine solche Frage wie bei Ihnen ansteht, prüfen Sie einfach, ob Ihre Entscheidung mit der einen oder anderen der aufgelisteten Zielsetzungen kollidiert. Alles auf der Basis der von Ihnen geschilderten Rahmenbedingungen.

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Beispiele: Wie hart treffe ich diesen Kollegen, wenn ich sein Angebot ablehne, wie wichtig ist er in der täglichen Zusammenarbeit für mich, wie sind die möglichen Folgen, wenn er sich „beleidigt“ fühlte? Welche Stellung hat er in der Gruppe, wie könnten andere Kollegen reagieren?

Konkret: Wo sind für mich die Vorteile größer und die Nachteile geringer? Und wenn Sie das wissen, dann gleichen Sie das mit dem „Opfer“ ab, das Sie – eventuell gegen Ihre Überzeugung – vielleicht bringen müssten, wenn Sie sich so oder so erklärten. Man stirbt ja nicht gleich, bloß weil man sich – auch – mit einem weniger sympathischen Menschen duzt.

Dann kommt noch etwas hinzu: Es gibt starke Persönlichkeiten, souveräne Charaktere, die könnten in solchen Fällen „alles“ machen und würden damit auch durchkommen. Die könnten also einfach entscheiden, ob sie Herrn Müller duzen wollen oder nicht, dann sagen sie ihm das ganz deutlich und dann hat es sich. Andere sind eher ängstliche Naturen und machen sich ungeheure Sorgen um alles und nichts. Überlegen Sie, in welche Typ-Gruppe Sie gehören.Zwei Anmerkungen wäre ich gerne noch losgeworden:

1. Denken Sie nicht nur an Auswirkungen Ihrer Entscheidungen auf Ihr heutiges, denken Sie auch an ein eventuelles zukünftiges Umfeld: Haben Sie Karriereambitionen, wollen Sie eines Tages Chef werden – und duzen in Ihrem Hause Chefs ihre Mitarbeiter (und umgekehrt)? Ich kenne durchaus Fälle, da hat man entschieden: „Wir können Schulze nicht zum Abteilungsleiter machen. Der ist total verkumpelt im Kollegenkreis (Duzen, Kegeln, Trinken etc.), der bekommt nie wieder die nötige Distanz zu den Leuten, die er dann führen soll.“ So etwas wird unterschiedlich gesehen. Fest steht: Ein „Kumpel“ ist ein Chef für seine Leute nie – es gibt aber auch ein respektvolles, distanziertes Duzen ohne Kumpanei.

2. Es ist erstaunlich, was man Menschen „beibringen“ kann, wenn man einen klaren Standpunkt hat und den ruhig und gelassen vertritt. Also z. B. dem unsympathischen Kollegen, der Ihnen das Du anbietet, ganz offen sagt:

„Ich freue mich sehr über Ihr Angebot, ich sehe darin eine Art Anerkennung und Vertrauensbeweis durch Sie, also erst einmal vielen Dank. Aber ich bitte auch um Verständnis dafür, dass ich mit dem Du sehr zurückhaltend umgehe, für mich kommt das immer nur in Betracht, wenn ein besonders enges Verhältnis besteht. Bitte verstehen Sie daher, dass ich es zwischen uns erst einmal beim Sie belassen möchte. Das ist weder gegen Sie gerichtet, noch bedeutet das, dass ich nicht gerne uneingeschränkt vertrauensvoll mit Ihnen zusammenarbeiten möchte und werde.“

Natürlich darf es dann auch keine reine Willkür bei der Entscheidung geben, mit wem man sich duzt und mit wem nicht – sonst ist der Zurückgewiesene beleidigt.

Was die „höhergestellten Kollegen“ im zweiten Teil Ihrer Frage angeht, bin ich mir bei deren Definition nicht ganz sicher. Ein Abteilungsleiter, der nicht Ihr Chef ist, wäre kein „Kollege“, weder ein höher-, noch ein sonst wie gestellter. Sagen wir es so: Wenn der Anbieter des „Du“ für Sie eine Respektsperson ist (höherrangig, älter, deutlich erfahrener etc.), ist eine Ablehnung fast unmöglich, weil der Zurückweisungseffekt deutlich größer ist als unter Gleichgestellten.

Letztlich muss jeder wissen, was er akzeptieren mag. Es gibt sogar Leute, die würden aus Prinzip nicht in einem Unternehmen arbeiten, in dem sich alle duzen müssen (Sie lasen gerade den Beitrag eines solchen Menschen).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2547

Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11

Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-15



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