Heiko Mell 01.01.2016, 21:35 Uhr

Sind Spezialisten mehr gefragt als Generalisten?

Man hört und liest in allen Medien immer mehr, dass Ingenieure gesucht werden. Schaut man bei den Stellenanzeigen genauer hin, so geht es dabei meist um Spezialisten. Als Wirtschaftsingenieur und mit meiner vielfältigen Projekterfahrung (Lebenslauf liegt bei) sehe ich mich allerdings mehr als Generalist. Diese scheinen weniger gefragt zu sein.

Meine künftige Anstellung stelle ich mir im Produkt-/Projektmanagement oder in Organisation/IT vor, wobei ich mich als weitgehend branchenunabhängig betrachte.

Werden Schlüsselpositionen, in denen ein Generalist gefragt sein kann, nicht wie alle anderen Stellen ausgeschrieben? Muss ich also die Wandlung vom Generalisten zum Spezialisten als nächsten Schritt in meiner Karriereplanung vorsehen? Wie schaffe ich es, den Fuß bei einem Unternehmen in die Türe zu bekommen, das den Spezialisten sucht, aber den Generalisten einstellt, damit er sich entwickeln kann?

Antwort:

Seit mehr als vierzig Jahren versuche ich, meiner Frau einzureden, sie sei mit einem Genie verheiratet. Wer Ehemann ist, weiß um die Vergeblichkeit solchen Bemühens. Glühend beneide ich Sie: Können Sie doch beweisen, zu dieser Elite zu gehören. Neben Ihrem Wirtschaftsingenieur (mit dem allein z. B. ich viele Jahre lang auskommen musste) unterzeichnen Sie Ihre Briefe mit einem Titel, in dem u. a. „Maître Génie“ steht. Toll. Wer – wie die meisten hier im Lande – kein Französisch kann, wird das für ein „Meister-Genie“ halten. Ich weiß immerhin, dass schon Napoleons Armee ein „Genie-Korps“ hatte – und dass die Bedeutung des Kernbegriffs in beiden Sprachen etwas unterschiedlich ist. Falls jemand interessiert ist: Man bekommt das deutsch-französische Doppeldiplom durch ein kombiniertes deutsches FH- und ein französisches IUP-Studium. Ich weiß nicht, wie viele deutsche FHs das anbieten, aber beispielsweise Offenburg tut es.

Vom Genie nun zum Generalisten: Misstrauen Sie diesem Begriff, scheuen Sie ihn, sehen Sie ihn lieber nicht als positiv besetzt an. Weil: Kaum jemand sucht ihn – Sie haben es schon gemerkt. Etwas vereinfacht ausgedrückt: „Unten“ gibt es keine Generalisten, da will man Fachleute, die etwas können auf einem bestimmten Gebiet.

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Erst ziemlich weit oben gibt es Raum für Generalisten, nahe an der Ebene Geschäftsführung/Vorstand. Dort hat man dann eher generalistische Verantwortung in seiner Funktion. Man ist z. B. Leiter eines Profit-Centers, eines Unternehmensbereichs, eines Werkes oder einer ganzen Firma.

Sie jedoch sind noch „unten“. Heute sind Sie ein ganz normaler Spezialist – als Projektleiter für die Einführung eines anspruchsvollen IT-Systems. Davor waren Sie in einer als Einstieg geltenden, etwa einem Traineeprogramm entsprechenden Position und davor waren Sie Spezialist für eine andere Fachrichtung, die man aber mit etwas gutem Willen als Teil eines „roten Fadens“ ansehen könnte, der sich bis heute durchzieht.

Sie sind also lt. Definition heute gar kein Generalist, Sie haben lediglich drei ziemlich verschiedene Spezialfunktionen ausgeübt. Das nennt man eher Chaos als eine systematisch aufgebaute Generalistenlaufbahn. Die es – so über externe Wechsel konstruiert – auch gar nicht gibt.

Man wird also – insbesondere im Mittelstand – vielleicht eines Tages mit generalistischer Verantwortung betraut, nachdem man sich bis dahin in einer „Spezialisten-Laufbahn“ emporgearbeitet hat. „Spezialist“ in diesem Sinne hat nichts mit der hierarchischen Ebene zu tun: Auch der Produktions-, der Entwicklungs- oder der Vertriebsleiter ist in diesem Sinne Spezialist.

Oder kürzer: Den „sachbearbeitenden Generalisten“ gibt es nicht – Sie ahnen es bereits.Sie müssten jetzt auf der Basis Ihrer heutigen Aufgabe bei einem Unternehmen in der Art (Größe, Branche) Ihres heutigen Arbeitgebers (oder direkt bei diesem) in eine klassische Position in der Nähe Ihres eingeführten Systems einsteigen, z. B. als Gruppen- oder kleiner Abteilungsleiter. Und: Hören Sie auf, von einer branchenunabhängigen Karriere zu träumen. Das geht nur in Fachbereichen, die vom eigentlichen primären Ziel des Unternehmens weitgehend unabhängig sind. Das sind etwa Personalwesen, Einkauf, Logistik, Controlling, Finanz- und Rechnungswesen. Dort hat man viele branchenunabhängige Karrierechancen in die Breite hinein Das trifft nicht zu auf Entwicklung, Produktion, Vertrieb. Dafür werden die aus den erstgenannten Feldern seltener Generalisten und fast nie Vorstandsvorsitzer, von den anderen haben einige immerhin eine Chance dazu.

Manche Konzerne übrigens bilden durch gezielte und gesteuerte Tätigkeitswechsel mögliche künftige Generalisten zur eigenen Verwendung heran. Das kann man aber über ständige Arbeitgeber- und Branchenwechsel im Mittelstand nicht erreichen. Und auch der „Konzern-Generalist in Ausbildung“ lässt sich in diesem Stadium extern kaum vermarkten, er muss intern auf seine Chance hoffen.

Zu Ihrer Kernfrage: Sie müssen sich bei Bewerbungen also nicht als Generalist, sondern als Spezialist vermarkten. Als einer für das, was Sie heute gerade tun.

Kurzantwort:

Im Regelfall wird man Generalist erst nach längerer erfolgreicher Laufbahn innerhalb eines Tätigkeitsgebiets. Aber grundsätzlich gibt es weder eine typische Generalistenlaufbahn, noch Generalisten auf Sachbearbeiterebene (die denken das nur).

Frage-Nr.: 2091
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-02-01

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.  Hier auf ingenieur.de haben wir ihm eine eigene Kategorie gewidmet.

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