Heiko Mell 01.01.2016, 02:20 Uhr

Ist der Jobwechsel zum Kunden ein besonderes Risiko?

Bei einem unserer Kunden ist eine interessante Position per Stellenangebot in der Zeitung ausgeschrieben worden. Welche Kriterien könnten das Verhalten meines derzeitigen Arbeitgebers bestimmen, wenn ich mich dort aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis heraus bewerbe und er über informelle Wege hiervon Kenntnis erhält?

Antwort:

Leider gibt es mehrere Aspekte, die sich durchaus gegenseitig aufheben können oder auch nicht es kommt halt sehr auf den Einzelfall an. Ich liste auf, was eine Rolle spielt, Sie müssen aus Ihrer Kenntnis der Zusammenhänge die konkrete Risikolage bewerten:

Grundsätzlich wüßte jeder Bewerbungsempfänger schon gern, wie der derzeitige Arbeitgeber den Kandidaten beurteilt (gilt immer!).

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Zwei völlig fremde Firmen an verschiedenen Standorten und ohne jede Geschäftsbeziehung zueinander werden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht(!) über einen Bewerber plaudern. Im Falle Kunde/Lieferant jedoch hat man diese Beziehung! Die Versuchung ist also groß.

Der Kunde ist souverän, der Lieferant abhängig. Dem Kunden könnte es gleichgültig sein, was sein Lieferant von dieser Bewerbung hält er könnte sich über jede vermutete Empfindlichkeit Ihres Arbeitgebers hinwegsetzen und seine Entscheidung über eine Kontaktaufnahme mit hohem Selbstbewußtsein so treffen, wie es ihm gerade in dem Kram paßt.

Insbesondere bei langjährigen Geschäftskontakten ergeben sich häufig persönliche Beziehungen zwischen Führungskräften beider Unternehmen. Diese können viel stärker sein als die allgemeine sachliche Kunden-/Lieferantenbeziehung. Also nutzt man sie vielleicht gezielt zur Informationsbeschaffung.

Der Kunde könnte daran interessiert sein, zumindest ins Gespräch zu kommen mit dem Bewerber um Details aus dem Betrieb des vielleicht für ihn wichtigen Lieferanten zu erfahren … mal hören, was da so vor sich geht“). Also redet er erst einmal nicht mit dem Lieferanten, sondern nur mit dem Bewerber.

Der Kunde könnte befürchten, dem wichtigen Lieferanten einen wichtigen Mitarbeiter wegzunehmen. Das reduziert vielleicht die Liefer- und Leistungsfähigkeit des Lieferanten. Also läßt er ggf. völlig die Finger von dem Bewerber.

In jedem Fall wird der Lieferant (und heutige Arbeitgeber) mit höchstem Mißtrauen(!) auf den beabsichtigten Wechsel reagieren, wenn er davon erfährt! Die Bewerbung bei einem völlig fremden Unternehmen ist dagegen vergleichsweise harmlos. Nachher verrät der Mann dem Kunden noch die Kalkulationsdetails („… nicht auszudenken, welche Nachlaßforderungen da auf uns zukommen können“).

Also, Sie sehen schon: Trotz aller individuellen Gewichtung der einzelnen Faktoren bleibt ein hohes Risiko.

Ich würde mich daher im Zweifelsfall eher nicht so ohne weiteres schriftlich um eine in der Zeitung ausgeschriebene Position bei einem Geschäftspartner bewerben. Da wäre es besser, entweder persönliche Kontakte bei diesem Kunden nutzen zu können oder sie zumindest Schnell zu knüpfen. Konkret: Rufen Sie den Personalleiter (oder den zuständigen Mitarbeiter des Personalwesens) des Inserenten an und fragen Sie ihn ganz offen nach der Chance, ohne Diskretionsrisiko Kontakt aufnehmen zu können. Er wird zwar nicht sagen: „Uns können Sie nicht trauen.“ Aber Sie werden an seiner Antwort spüren, was er davon hält.

Kurzantwort:

Ein nicht mit dem eigenen Arbeitgeber in Geschäftskontakt stehender Bewerbungsempfänger wird mit hoher Sicherheit die Bewerbung „anständig“, also absolut vertraulich, behandeln. Bestehen jedoch enge Geschäftskontakte, ist die schriftliche Bewerbung mit einem nennenswerten Restrisiko verbunden. Hier kann die Nutzung persönlicher Kontakte zum inserierenden Unternehmen eine Lösung sein.

Frage-Nr.: 1156
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten. Auf Wikipedia erfahren Sie mehr zu Heiko Mell

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