Ferrari baut eine 30-m-Yacht, die wochenlang übers Wasser fliegt. So funktioniert die Technik
21. Oktober 2026

Wenn der italienische Autobauer Ferrari von einem neuen Projekt spricht, geht es in der Regel um Zylinder, Rundenrekorde oder Asphalt. Diesmal nicht.
In einer Werfthalle in Pisa steht seit Kurzem ein 30 m langer Rumpf aus Kohlefaser, frisch lackiert in Grau und Gelb. Er gehört zu keinem Auto, sondern zu einer Segelyacht. Anders als herkömmliche Yachten soll sie nicht durchs Wasser pflügen, sondern darüber hinwegfliegen – und zwar auf Unterwasserflügeln, deren Elektronik aus dem Sportwagenbau stammt. Jetzt hat Ferrari den nächsten Meilenstein gemeldet und erstmals im Detail gezeigt, wie das Fliegen funktionieren soll.
Inhaltsverzeichnis
Was jetzt neu ist
Am 16. Oktober meldete Ferrari die Fertigstellung des Rumpfs der Hypersail samt Abschluss der Lackierung. Außerdem seien die sogenannten Anhänge in der Werft eingetroffen – jene Bauteile unter der Wasserlinie, die den Auftrieb erzeugen und den „Flug” des Bootes steuern.
Damit geht das Projekt nach Angaben des Autobauers aus Maranello in die finale Bauphase über. Zugleich hat Ferrari erstmals die Technik offengelegt, die die Yacht über das Wasser heben soll.
Es handelt sich dabei um ein Zusammenspiel aus Tragflächen, Kiel und Ruder mit einem automatischen Steuerungssystem namens Flight Control. Als Nächstes müssen die Bauteile montiert werden. Dann beginnt die Erprobung; die Italiener peilen dafür das Frühjahr 2027 an.

Was steckt hinter Hypersail?
Ferrari hatte das Vorhaben im Juni 2025 vorgestellt: ein rund 30,5 m langer Einrumpf-Segler für Hochseeregatten, entworfen in Zusammenarbeit mit dem französischen Schiffsarchitekten Guillaume Verdier. Einen Verbrennungsmotor gibt es an Bord nicht.
Den Strom für die Bordelektrik, also Steuerung und Hydraulik, soll die Yacht stattdessen komplett selbst erzeugen. Dafür nutzt sie unter anderem Solarzellen in Deck und Rumpfseiten.
Gebaut wird das Boot vollständig in Eigenregie in Pisa. Für Ferrari ist das eine Premiere, denn bislang hatte der Konzern Boote höchstens mitgestaltet oder motorisiert. Aus der Entwicklung sind laut dem Unternehmen mehr als 20 Patente hervorgegangen, darunter solche für elektrische Winschen („Winch by Wire”), einen rotierenden Mast mit Winglets und ein doppelwandiges Großsegel. Die Projektleitung liegt seit April 2026 beim Schiffbauingenieur Enrico Voltolini, der auf den Hochseesegler Giovanni Soldini folgte.

So ist der Rumpf aufgebaut
Der am 16. Oktober präsentierte Rumpf besteht aus mehreren Lagen Kohlefaser. Diese Bauweise soll zwei Eigenschaften vereinen, die sich normalerweise widersprechen:
- möglichst wenig Gewicht
- möglichst hohe Steifigkeit
Letztere ist bei einem fliegenden Boot besonders wichtig. Bei einer zu geringen Steifigkeit verformt sich nämlich die Struktur unter den Lasten des Ozeans und die Anhänge reagieren nicht mehr präzise auf Steuerbefehle.
An den höchstbelasteten Stellen, etwa den Armen der Tragflächen und der Schiene des Großsegels, setzt Ferrari zusätzlich auf eine Sandwich-Bauweise aus Kohlefaser und Titan. Diese Materialkombination stammt nach Unternehmensangaben direkt aus dem Sportwagenbau.
Wie Ferraris Yacht abheben soll
Dass der Rumpf das Wasser verlässt und über die Oberfläche „fliegt“, ermöglichen die Anhänge unter der Wasserlinie. Sie bestehen aus drei Elementen, die zusammen drei Auflagepunkte bilden.
- Die seitlichen Tragflächen, im Fachjargon Foils, erzeugen den Auftrieb, der den Rumpf aus dem Wasser hebt.
- Der Kiel besitzt eine technische Besonderheit des Projekts: ein eigenes Flügelprofil mit beweglicher Klappe, das als dritter Auflagepunkt die Lage des Bootes stabilisiert.
- Das Ruder schließlich dient zur Lenkung. Gleichzeitig korrigiert eine kleine Klappe an seinem senkrechten Teil den Kurs über permanente Mikroanpassungen.
Zudem sind alle drei Elemente so geformt, dass sie die für den Auftrieb notwendigen Kräfte erzeugen und beherrschen können.

Flight Control: Das elektronische Gehirn an Bord
Die Flugsteuerung übernimmt ein System, das Ferrari Flight Control nennt. Es arbeitet in drei Stufen.
- Über das Boot verteilte Sensoren messen permanent Wind, Wellen, Geschwindigkeit und Krängung, also die Seitenneigung.
- Ein Bordrechner wertet die Daten aus und berechnet die nötigen Korrekturen.
- Aktuatoren verstellen daraufhin die Neigung der Foils und der übrigen Anhänge – bei jeder Lageänderung aufs Neue.
Das Prinzip ähnelt dem einer aktiven Fahrwerksregelung, die ein Auto auf unebener Strecke stabil hält. Tatsächlich stammt das Know-how laut Ferrari aus der hauseigenen Fahrzeugelektronik. Ziel ist, dass das System die Crew bei der Arbeit entlastet: Während die Automatik die Trimmarbeit übernimmt, können sich Seglerinnen und Segler auf die Taktik und das Tempo konzentrieren.
Warum Boote überhaupt fliegen
Das Grundprinzip hinter Hypersail nennt sich Foiling. Die Tragflächen unter dem Rumpf funktionieren wie Flugzeugflügel, nur eben im Wasser statt in der Luft. Strömt Wasser über das gewölbte Profil, entsteht Auftrieb. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit hebt er den kompletten Rumpf über die Oberfläche. Damit verschwindet dessen Reibung, der Fahrwiderstand sinkt drastisch.
Im America’s Cup fliegen Rennyachten auf diese Weise seit Jahren mit mehr als 50 Knoten über kurze Küstenkurse. In ersten Fällen erreicht die Technik auch den Arbeitsalltag: In Belfast testet das Unternehmen Artemis Technologies beispielsweise das erste vollelektrische Lotsenboot auf Tragflächen, das im Reisetempo rund 85 % weniger Energie verbrauchen soll als vergleichbare Dieselboote.
Die Besonderheit bei Ferraris Hypersail: Es soll auch auf wochenlangen Hochseefahrten möglichst lange auf ihren Tragflächen bleiben. Und das auf offener See und bei ständig wechselnden Wind- und Wellenverhältnissen.
Autobauer am und auf dem Wasser: Meist blieb es beim Design
Dass Autohersteller auch das Wasser erschließen wollen, hat eine gewisse Tradition – allerdings variieren die Tiefe und Art des Engagements.
- Ferrari selbst lieferte 1953 den Motor für das Rekordrennboot Arno XI und steuerte 1990 das Design zum Sportboot Riva Ferrari 32 bei, von dem die Werft Riva 40 Exemplare baute.
- Toyota betreibt seit 1997 ein eigenes Marinegeschäft mit der Motorboot-Reihe Ponam, deren Motoren aus dem Land Cruiser abgeleitet sind.
- Die Toyota-Tochter Lexus ließ 2019 die rund 20 m lange Motoryacht LY 650 bei der US-Werft Marquis Yachts fertigen und brachte vor allem das Design ein.
- Ähnlich hielten es Lamborghini, Aston Martin und Mercedes-Benz: Sie gestalteten Motoryachten, die anschließend aber von klassischen Werften gebaut wurden.
Mit Hypersail will Ferrari also nicht nur in Sachen Flugdauer einen Schritt weitergehen. Der Konzern entwickelt und baut die Yacht selbst. Sein Ziel ist dabei nicht nur, eine schwimmende Eigenmarke auf Wasser zu bringen: Das Boot dient auch als Testlabor für die eigene Fahrzeugtechnik.





























