Insolvenzen 02.07.2010, 19:47 Uhr

„Auch in anderen Ländern ebbt die Pleitewelle ab“

Nicht alle Unternehmen erreicht der zart keimende Aufschwung. Im ersten Halbjahr mussten hierzulande über 17 000 Firmen Insolvenz anmelden – rund 7 % mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Dennoch spricht vieles für eine Besserung der Lage, erklärt Michael Bretz, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform, im folgenden Interview.

VDI nachrichten: Herr Bretz, laut Ifo-Konjunkturindex beurteilen die Unternehmen in Deutschland ihre Lage und die Aussichten immer optimistischer. Jetzt meldet Creditreform, dass im ersten Halbjahr deutlich mehr Firmen als 2009 zahlungsunfähig wurden. Wie passt das zusammen?

Bretz: Man muss schon fein unterscheiden: Der Ifo-Konjunkturindex spiegelt die Stimmung, also die gefühlte Wirtschaftslage. Die Insolvenzzahlen geben die reale Situation wieder. Und zwischen diesen beiden Parametern gibt es keine direkte Korrelation, schon gar nicht auf monatlicher Basis, auf der ja die Ifo-Daten erhoben werden.

Das heißt, die gefühlte Lage ist besser als die tatsächliche? Sind wir noch nicht aus dem Tal heraus?

Das kann man so nicht interpretieren. Die Entwicklung der Insolvenzen läuft der Wirtschaftsentwicklung immer leicht zeitversetzt hinterher. Viele Unternehmen haben eine ganze Weile ihre Lager abbauen und von der Substanz zehren können. Aber die ist jetzt bei vielen Mittelständlern aufgebraucht. Und 2009 hatten wir einige sehr große Firmenzusammenbrüche, deren Folgen teilweise erst in diesem Jahr auf die Zulieferer und kleineren Unternehmen durchschlagen.

Deshalb erwarten wir noch bis zum Herbst weiter zunehmende Firmenpleiten. Positiv ist aber zu sehen, dass die Zunahme nicht mehr mit Raten über 10 % erfolgt, wie im vergangenen Jahr, sondern nur noch im einstelligen Bereich.

Es waren zwar auch Unternehmen wie Böwe Systec, Rohwedder, Wiederholt oder Pampus Automotive betroffen, insgesamt aber wurden im ersten Halbjahr viel weniger große Konzerne insolvent. Deshalb war der wirtschaftliche Schaden in Form von Arbeitsplatzverlusten und Forderungsausfällen in den ersten sechs Monaten 2010 viel geringer als im Vorjahreszeitraum.

Sie nennen unter den großen Insolvenzen vor allem Autozulieferer und Maschinenbauer. Welche Branchen im verarbeitenden Gewerbe hat die Krise besonders getroffen?

Besonders markant haben die Insolvenzen in der Druckmaschinenindustrie mit plus 40 %, in der Chemie mit plus 20 % und in der Metall verarbeitenden Industrie mit plus 6 % zugenommen.

Auf der anderen Seite sehen wir sehr deutliche Rückgänge bei den Insolvenzen in der Kfz-Zulieferindustrie (minus 75 %) und im Maschinenbau (minus 25 %). Hier laufen die Bänder wieder auf Hochtouren – was sicher damit zusammenhängt, dass die großen Autohersteller wieder mehr Aufträge haben und in dieser Branche sehr verbreitet just in time zugeliefert wird.

An die 35 000 erwartete Firmenpleiten 2010 – die absolute Zahl hört sich dennoch gewaltig an. Wie viel ist das gemessen an der Gesamtzahl der Unternehmen, die Creditreform betrachtet?

Die Relationen sind nicht ganz einfach zu beziffern. Bezogen auf die Zahl der in den Gewerbe- und Handelsregistern eingetragenen Firmen machen die Insolvenzen 1,1 % des Bestands aus. Aber von den 3,3 Mio. Unternehmen ist der Großteil nicht wirklich wirtschaftsaktiv. Darunter verstehen wir Firmen, die tatsächlich Umsätze tätigen und Mitarbeiter beschäftigen. Als größte Wirtschaftsauskunftei Deutschlands erkennen wir das daran, zu wie vielen Firmen uns Bonitätsanfragen erreichen.

Im Inland ist der Silberstreif also erkennbar. Aber Deutschland lebt stark von Export. Sind unsere Abnehmerländer aus dem Gröbsten heraus?

Auch in anderen EU-Ländern scheint die Welle etwas abzuebben. Allerdings hat es Länder wie Spanien oder Irland im vergangenen Jahr ganz erheblich stärker getroffen als Deutschland.

Sie warnen in Ihrer Studie davor, dass dem sich abzeichnenden Aufschwung die Puste ausgehen könnte, wenn die Banken weiter auf der Kreditbremse stehen…

Nach unserer Umfrage vom März haben die Banken 89 % der Kreditanfragen für Investitionszwecke positiv beschieden. Weit geringere Chancen auf eine Darlehenszusage gibt es jedoch für Betriebsmittelfinanzierungen.

Dennoch mehren sich inzwischen die Anzeichen, dass der Aufschwung nicht an mangelnder Kreditversorgung scheitern wird. Die Firmen beklagen, dass die Banken zusätzliche Sicherheiten einfordern. Beschwerden über gänzlich abgelehnte Finanzierungen halten sich aber in Grenzen.

Wie hat sich die Krise auf das Gründungsgeschehen in Deutschland ausgewirkt?

Wir haben nach wie vor einen deutlich positiven Saldo aus Neueintragungen abzüglich der Firmenlöschungen. Anders als in den vorherigen Abschwüngen hat die Krise aber nicht zu einem Gründungsboom geführt. Das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist nicht so groß wie in früheren Schwächeperioden.

Jobverlust oder die Angst davor waren in der Vergangenheit häufig ein wichtiges Motiv, sich selbstständig zu machen. Und der zart keimende Aufschwung ist nicht so stark, dass sich besonders viele Menschen als Selbstständige ein größeres Stück vom Kuchen versprechen. Zudem ist die Gründungsfinanzierung schwieriger geworden.

Immerhin: Wir verzeichnen auch keinen Rückgang der Gründungsaktivität. Das werten wir als positives Zeichen. MARTIN VOLMER

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