Virtual Reality in der Pflege 19.03.2018, 07:02 Uhr

Dieses Start-up holt die Natur ans Krankenbett

Yogaübungen auf einer grünen Wiese oder eine Bootsfahrt über den Bodensee. Für Kranke und bettlägerige Menschen bleibt das oft ein Wunschtraum. Ein Spin-Off der Uni Hohenheim in Stuttgart will nun Abhilfe schaffen. Mit Hilfe von Virtual Reality.

Zwei Männer von Anders VR bei den Aufnahmen eines Yogafilms

Die Aufnahmen entstehen nicht im Filmstudio, sondern wirklich in der Natur.

Foto: Anders VR

Zwei Männer von Anders VR mit Videoausrüstung auf einer Wiese

Der Aufwand, den das Team bei Anders VR betriebt, ist enorm: ein bis zwei Monate dauern die Arbeiten für einen maximal 15-minütigen Film.

Foto: Anders VR

Patient mit VR-Brile

Die Brille, mit der die Patienten dem Klinikalltag entfliehen können, ist noch recht klobig.

Foto: Anders VR

Mit dem Einsatz von VR-Technologien möchte das Start-up Anders VR psychische Belastungen und den Einsatz von Medikamenten verringern. Und die Patienten körperlich und geistig aktiv halten. Die Filme dauern sieben bis 15 Minuten.

Kontrastprogramm zum Klinikalltag

Die Filme spielen in der freien Natur, die Patienten können sie über eine App auswählen. Dabei merkt sich die App das Verhalten der Nutzer und stellt sich auf ihre Vorlieben einstellen. Wer beispielsweise lieber längere Sessions wählt,  bekommt diese bevorzugt vorgeschlagen.

Der älteste Proband ist der 90-jährige Karl. Er macht Yogaübungen, die ihm ein virtueller Coach zeigt. Um ein Kontrastprogramm zum Klinikalltag zu bieten, tragen die Personen im Film aus Prinzip keine Medizinerkluft. Auf animierte Figuren und Umgebungen wird ebenfalls verzichten. Das Erlebnis soll so realistisch wie möglich sein. Denn es sei gerade die Normalität, die vielen Patienten fehle, so Andreas Haas, Gründer des Unternehmens und Angesteller am Fachgebiet Versicherungswirtschaft und Sozialsysteme der Uni Hohenheim. Aus seinem Familienkreis weiß er, dass viele Patienten auf der Krankenstation von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten sind. „Der menschliche Kontakt besteht über lange Zeit nur zu Pflegepersonal, deren Gesichter hinter dem Mundschutz verschwinden.“

Entspannung statt Wow-Erlebnis

Von bestehenden Virtual Reality-Angeboten möchte sich das Unternehmen bewusst abgrenzen. Statt eines aufregenden Wow-Erlebnis, so Haas, sei das Ziel, die Nutzer zu beruhigen, zu unterstützen und zu begleiten. „Hierbei müssen einige Aspekte berücksichtigt werden. Schnelle Kamerabewegungen sind tabu, die Ich-Perspektive in der Virtuellen Welt muss der tatsächlichen Position des Nutzers entsprechen – sonst wird den Nutzern schlecht oder schwindelig“.

Die medizinische Expertise holt sich das Team um Haas von Physiotherapeuten, Psychologen und andere Experten ein, um die Inhalte auf die Situation der Patienten anzupassen. So wird zum Beispiel berücksichtigt, ob ein Patient flach im Krankenbett liegt oder auch aufrecht sitzen kann. “Wir simulieren bei unseren Tests die unmittelbare Umgebung und Bewegungsfreiheit des Patienten: Infusionskabel, Sitzpositionen oder auch die Ausmaße von Krankenbetten müssen berücksichtigt werden, um ausladende Armbewegungen zu verhindern“, erklärt Haas. Von der Konzeption bis zum fertigen Film vergehen laut Filmemacher Stefan Bünnig gerne einmal zwei bis drei Monate.

Ein Brillenhut für Demenzkranke

Mit ihren Inhalten möchte das Unternehmen verschiedene Fachbereiche und Patienten ansprechen. Ein Fokus liege derzeit auf Krebspatienten und Patienten in der Schmerztherapie. Demnächst ist der Einsatz in der Orthopädie und bei Querschnittpatienten geplant. Auch für Demenzpatienten sind Programme in Vorbereitung. ”Wir setzen bei den Demenzlotsen auf regionale Landschaften und Inhalte. Unter den Testern waren Personen, die sonst kaum mehr reden oder wenig auf äußere Reize wie Fernsehen reagieren. Das ändert sich beim Einsatz von unseren VR-Inhalten, in denen sich die Menschen wiederfinden. Wir sehen demenzkranke Menschen, die plötzlich wieder lachen, über das Gesehene reden und sich an Vergangenes erinnern“, kommentiert Haas. Für Demenkranke soll die Brille in einen klassischen Hut integriert werden. Der ist viel vertrauter als eine VR-Brille. Denn momentan besteht eine große Hürde darin, demenzkranken Menschen die ungewohnten und teilweise noch recht schweren Brillen aufzusetzen.

Offline-Inhalte für die sensible Krankenhaustechnik

Eine weitere Hürde besteht in der besonderen Umgebung. In einer Klinik herrschen naturgemäß besondere Rahmenbedingungen. Daher sind die VR-Brillen von Anders VR vollständig desinfizierbar, für die Kontaktstelle zwischen Gesicht und Hardware wurde eigens ein gepolsterter Lederaufsatz entwickelt und gefertigt. Um die Krankenhaustechnik nicht zu stören, würden alle Inhalte zudem offline auf dem Gerät zur Verfügung stehen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie der Europäische Sozialfonds haben das Start-up über das Exist-Gründerstipendium mit 145.000 Euro gefördert.

Ein Beitrag von:

  • Sabine Philipp

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