Elektromobilität startet durch – VW tritt auf die Bremse
Während eine aktuelle Studie des TÜV-Verbands den Deutschen eine wachsende Affinität zum Elektroauto bescheinigt, kündigt Volkswagen-Management harte Einschnitte an. Ist da jemand falsch abgebogen?
VW Käfer war gestern: Immer mehr Deutsche planen heute die Anschaffung eines Elektroautos oder mindestens eine Hybridfahrzeugs.
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Dem Volkswagen-Konzern geht es aktuell fraglos schlecht. Das Unternehmen könnte von den rund 660.000 Mitarbeitenden der VW AG mittelfristig bis zu 50.000 Stellen streichen. Die Hälfte dieser gefährdeten Arbeitsplätze liegt in Deutschland. Die Geschäftszahlen lassen aufhorchen: Im ersten Kalender-Halbjahr 2026 erzielte Volkswagen einen Umsatz von 158 Milliarden Euro – 300 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn sank parallel um fast zwölf Prozent auf 5,9 Milliarden Euro.
Die Gründe für die Krise meint Konzernchef Oliver Blume genau zu kennen: Donald Trumps erratische Zollpolitik, die in die USA importierte VW-Modelle deutlich verteuert; ein Absatzeinbruch auf dem chinesischen Markt durch harten Preisverfall sowie geopolitische Konflikte im Nahen Osten. Hinzu kommt der intensive Wettbewerb im europäischen Kernmarkt, kombiniert mit immer strengeren EU-Regularien.
Unübersichtlicher Gemischtwarenladen
Doch das eigentliche Problem liegt auch im VW-Konzern selbst. Das Unternehmen gleicht keiner geschmeidigen Yacht, sondern eher einer komplexen Bohrinsel. Auf der einen Seite stehen grundsolide Automarken wie VW, Audi oder Škoda, auf der anderen kapriziöse Luxusmarken wie Bentley, Lamborghini und Porsche. Dazwischen rangieren VW-Nutzfahrzeuge sowie LKW der Marken MAN und Scania. Dem breiten Angebot entspricht eine extrem heterogene weltweite Kundschaft – vom Handwerker, der einen zuverlässigen Transporter mit ausreichend Ladekapazität benötigt, bis hin zum motorverliebten Millionär, der seiner Sammlung das jüngste Porsche-Modell hinzufügen möchte. Wie führt man einen solch unübersichtlichen Konzern auf allen Ebenen erfolgreich durch den Wandel?
Elektrofahrzeuge auf dem Vormarsch
Vielleicht liefert auch der TÜV-Verband mit seiner „TÜV Mobility Studie 2026“ eine Teil-Antwort. Das Marktforschungsinstitut Forsa befragte hierfür im Auftrag des Verbands 2.504 Personen ab 18 Jahren repräsentativ. Das Ergebnis zeigt: Entgegen den Prognosen mancher Automobilmanager gewinnt die Elektromobilität in Deutschland kontinuierlich an Zuspruch. Laut der TÜV-Befragung bevorzugt jeder vierte Bundesbürger (25 %) beim Autokauf ein reines Elektroauto, während ebenfalls ein Viertel (25 %) zu einem Hybridfahrzeug greift. Nur noch 35 Prozent der Befragten planen den Kauf eines neuen Verbrenners. Weitere 11 Prozent zeigen sich unentschlossen oder verzichten ganz auf einen Pkw-Kauf. Der alltägliche Blick auf die Preistafeln an den Tankstellen dämpft die Freude am Verbrennungsmotor weiter.
Der Auto-Kult kühlt sich ab
Der VW Käfer und der Bulli besitzen Legendenstatus. Je betagter die Fahrzeuge sind, desto mehr Herzen fliegen den VW-Oldtimern weltweit zu – auch in Deutschland. Allerdings kühlt die allgemeine Autoliebe hierzulande spürbar ab. Volle und marode Straßen prägen den Alltag. Die TÜV-Studie belegt zwar, dass 83 Prozent der Befragten regelmäßig ein Auto nutzen. Der Zusatz „mindestens einmal pro Woche“ lässt jedoch aufhorchen. Kaum jemand kauft einen 43.000 Euro teuren Neuwagen (der Durchschnittspreis im Jahr 2024), um ihn lediglich einmal wöchentlich zu bewegen. Eine tägliche Autonutzung dominiert zudem fast nur noch auf dem Land: In Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern erreicht sie 96 Prozent. In deutschen Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern verzichtet hingegen bereits ein Drittel der Bürger auf die wöchentliche Nutzung.
Bürger wünschen sich ÖPNV-Förderung
Die Menschen träumen kaum noch von einem neuen VW Passat, der mit jeder Modellgeneration länger, breiter und schwerer wird. Die Bevölkerung fordert stattdessen andere Schwerpunkte: Drei von vier Bundesbürgern (76 %) verlangen von der Politik eine stärkere Förderung des ÖPNV. 72 Prozent wünschen sich diesen Ausbau auch für den Regional- und Fernbahnverkehr. Andere Maßnahmen wie eine gezielte Förderung des Fußverkehrs (54 %), des Radverkehrs (51 %), der Elektromobilität (51 %) oder des Pkw-Verkehrs (50 %) folgen erst mit deutlichem Abstand.
Entrückte Liebe zum Detail
Perfektion bis ins kleinste Detail hat die deutsche Auto-Industrie einst groß gemacht. Womöglich geriet der VW-Konzern aber auch deshalb in die Krise, weil technikverliebte Manager weiterhin von perfekten Spaltmaßen schwärmen. Ingenieure entwickeln nach wie vor immer voluminösere Fahrzeuge und verlieren dabei aus den Augen, dass sich viele Kunden komplett vom Auto abwenden, sobald Alternativen bereitstehen.
Beschleunigter Transformationsprozess
Ein weiteres Problem: Das Management des VW-Konzerns hat das Tempo der weltweiten Transformation hin zur Elektromobilität unterschätzt. Beim modernen E-Auto entscheiden nicht mehr nur effiziente Motoren, sondern leistungsfähige Software, künstliche Intelligenz und Batterietechnologie. In der Branche ist bekannt: Dem VW-Konzern fehlen in diesen Schlüsselbereichen ausreichende hauseigene Kompetenzen. Die Führungsriege muss dieses Know-how nun teuer einkaufen – nicht in Deutschland oder Europa, sondern in China und den USA. Die Krise im VW-Konzern könnte damit weitaus tiefer reichen, als Oliver Blume öffentlich einräumt.