Portrait: Klaus Zellmer 22.09.2026, 11:06 Uhr

Škoda verdient fast so viel wie VW – jetzt wechselt der Chef zu Volvo

Klaus Zellmer wechselt von Škoda zu Volvo Cars. Wer ist der Manager, der Škoda profitabler machte als die Kernmarke VW?

Klaus Zellmer

Bei Porsche und bei Skoda hat Klaus Zellmer unter Beweis gestellt, dass er Marken nach vorne bringen kann. Ab 2017 wartet diese Aufgabe bei Volvo auf ihn.

Foto: Volkswagen AG

Wer Klaus Zellmer in Prag sucht, könnte es in Vinohrady versuchen. Dort besucht der Škoda-Chef regelmäßig einen Poké-Bowl-Laden. Was genau in seiner Bowl landet, verrät er nicht – nur dass sie besonders scharf sein muss, mit extra Röstzwiebeln. Die Mitarbeiter kennen seine Vorlieben. Was sie nach Zellmers eigener Erzählung nicht wissen: Ihr Stammgast führt einen der erfolgreichsten Autohersteller des Volkswagen-Konzerns.

Noch jedenfalls.

Spätestens zum 1. Oktober 2027 übernimmt Zellmer als President und Chief Executive Officer (CEO) Volvo Cars. Der heute 59-Jährige folgt auf Håkan Samuelsson, der die Schweden bereits von 2012 bis 2022 führte und im April 2025 noch einmal an die Spitze zurückkehrte. Für Volkswagen bedeutet der Wechsel den Verlust eines Managers, dessen Bilanz bei Škoda derzeit bemerkenswert aussieht.

Škoda knackt wieder die Million

Als Zellmer im Juli 2022 den Vorstandsvorsitz von Škoda übernahm, steckte die Autoindustrie noch tief in Lieferkettenproblemen. Gleichzeitig stand die tschechische Volkswagen-Tochter vor derselben Aufgabe wie der gesamte Konzern: Elektroautos hochfahren, Kosten beherrschen und dabei das profitable Verbrennergeschäft nicht verlieren.

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2025 lieferte Škoda weltweit 1,044 Mio. Fahrzeuge aus – 12,7 % mehr als im Vorjahr und erstmals seit sechs Jahren wieder mehr als 1 Mio. In Europa wurden 840.295 Škoda neu zugelassen, 9,6 % mehr als 2024. Damit stieg Škoda nach Unternehmensangaben zur drittmeistverkauften Automarke Europas auf.

Noch auffälliger ist die Ertragskraft. 2025 erwirtschaftete Škoda bei 30,1 Mrd. € Umsatz ein operatives Ergebnis von 2,5 Mrd. €. Die operative Umsatzrendite lag bei 8,3 %. Zum Vergleich: Die wesentlich größere Kernmarke Volkswagen Pkw kam bei 86,6 Mrd. € Umsatz auf ein operatives Ergebnis von rund 2,6 Mrd. € und eine Rendite von 3,0 %. Škoda verdiente damit operativ fast so viel wie Volkswagen Pkw – mit ungefähr einem Drittel des Umsatzes. Im ersten Halbjahr 2026 wurde der Abstand noch auffälliger. Škoda erzielte 1,37 Mrd. € operatives Ergebnis und 8,5 % Rendite. Volkswagen Pkw kam im selben Zeitraum auf 995 Mio. € und 2,4 %. Allerdings belasteten Sondereffekte wie US-Zölle und Restrukturierung das Ergebnis von VW Pkw mit 1,3 Mrd. €.

Das ist nicht Zellmers Leistung allein. Modellpalette, Kostenstruktur, Produktion in Tschechien und Indien sowie die Arbeit des gesamten Managements spielen eine Rolle. Aber die Zahlen zeigen, in welcher Verfassung sich Škoda während seiner Amtszeit befindet.

Auch die Elektromobilität kommt voran. 2025 entfielen bereits 25,7 % der europäischen Škoda-Auslieferungen auf batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride. Mit Elroq und Enyaq hat die Marke inzwischen zwei Elektro-SUV im Volumengeschäft.

Mehr als 20 Jahre Porsche

Zellmers Karriere begann allerdings nicht bei einer Volumenmarke. Der 1967 im niederbayerischen Mallersdorf geborene Manager studierte Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Unternehmensführung und Automobilwirtschaft in Nürtingen. Anschließend arbeitete er ab 1994 drei Jahre am dortigen Institut für Automobilwirtschaft.

1997 wechselte er zu Porsche. Dort blieb er mehr als zwei Jahrzehnte. Seine Stationen führten ihn unter anderem nach Frankreich, Leipzig und Nordamerika. 2007 übernahm er das Marketing von Porsche Deutschland, 2010 die Leitung der deutschen Vertriebsgesellschaft. Während seiner Amtszeit stiegen die Porsche-Auslieferungen in Deutschland von rund 13.000 auf etwa 24.000 Fahrzeuge.

2015 folgte der Wechsel in die USA. Als President und CEO von Porsche Cars North America verantwortete Zellmer einen der wichtigsten Märkte des Sportwagenherstellers.

2020 wechselte er innerhalb des Volkswagen-Konzerns zur Kernmarke. Als Vertriebsvorstand von Volkswagen Pkw war er für Vertrieb, Marketing und After Sales zuständig. Zwei Jahre später ging es nach Mladá Boleslav an die Spitze von Škoda.

Ein CEO als Zehnkämpfer

Über seinen Job spricht Zellmer weniger wie ein klassischer Verwalter. In einem Interview verglich er die Tätigkeit eines Vorstandsvorsitzenden mit einem Zehnkampf. Strategie, Technologie, Design oder Vertrieb seien einzelne Disziplinen. Entscheidend sei jedoch, das Team zusammenzubringen. Das passt zu einem Manager, dessen beruflicher Schwerpunkt lange im Vertrieb lag. Zellmer kennt Händler, Märkte und Kunden – erst bei Porsche, dann bei Volkswagen und Škoda. Bei Volvo trifft diese Erfahrung künftig auf eine Marke, die sich stärker im Premiumsegment positioniert und gleichzeitig ihre Kosten senken muss.

Abseits des Büros wirkt sein Tagesablauf erstaunlich diszipliniert. Zellmer steht nach eigener Aussage meist zwischen 5 Uhr und 6 Uhr auf. Die Ruhe am Morgen nutzt er zum Nachdenken, für Stretching und Atemübungen. Yoga gehört ebenso dazu wie Laufen, Radfahren und Spaziergänge. Beim Laufen kommen ihm nach eigener Aussage häufig Ideen.

Ganz analog lebt er trotzdem nicht. Seinen Schlaf verfolgt Zellmer per App. Seine Frau, erzählte er einmal, halte ihm vor, zu häufig auf digitale Geräte zu schauen.

Als persönlichen Antrieb nennt er Neugier. „Neugier ist das, was mich im Leben antreibt“, sagte Zellmer im März 2026 in einem Interview des Škoda-Mitarbeitermagazins.

Alte Autos statt nur Elektro

Auch bei Autos endet sein Interesse nicht bei aktuellen Konzernmodellen. Zellmer besitzt mehrere Klassiker. Dazu gehören eine Škoda Felicia von 1960 und ein Volkswagen-Bus mit 23 Fenstern – auch Samba-Bus genannt – aus dem Jahr 1967. Auch ein klassischer Porsche gehört zu seiner Sammlung. Mit der alten Felicia nahm er bereits an der Škoda Classic Tour teil. Im Alltag fährt er dagegen elektrisch: einen Elroq RS.

Das Nebeneinander passt durchaus zu Škoda unter Zellmer. Die Marke treibt die Elektrifizierung voran, lebt aber weiterhin stark von Verbrennern und Hybriden. Anders als manche Wettbewerber versucht Škoda nicht, den Übergang mit einem radikalen Schnitt zu erzwingen.

Volvo wartet mit einer anderen Aufgabe

In Göteborg wird Zellmer dennoch auf eine andere Situation treffen. Volvo Cars gehört mehrheitlich zum chinesischen Geely-Konzern und muss gleichzeitig seine Position als europäische Premiummarke behaupten. Die Schweden stehen unter Kostendruck, kämpfen mit einem schwierigeren China-Geschäft und müssen ihre Elektrostrategie an einen Markt anpassen, der sich langsamer entwickelt als noch vor einigen Jahren erwartet.

Zugleich soll die Zusammenarbeit mit Geely Kosten senken. Plattformen, Komponenten und Technologien gemeinsam zu nutzen, kann wirtschaftlich sinnvoll sein. Für Volvo besteht die Herausforderung darin, dabei genügend technische und gestalterische Eigenständigkeit zu bewahren. Volvo-Verwaltungsratschef Eric Li begründet die Wahl Zellmers ausdrücklich mit dessen ungewöhnlicher Kombination. Er verfüge sowohl über Erfahrung im Premiumsegment als auch bei Volumenmarken und habe Unternehmen durch Veränderungen geführt.

Tatsächlich führt Zellmers Karriere ziemlich genau durch diese beiden Welten: Porsche auf der einen Seite, Volkswagen und Škoda auf der anderen.

Bei Škoda hat diese Mischung funktioniert. Volvo wird der größere Test.

ZUR PERSON: KLAUS ZELLMER

Spätestens 1. Oktober 2027: President und CEO Volvo Cars
Seit Juli 2022: Vorstandsvorsitzender Škoda Auto
2020–2022: Volkswagen Pkw, Vorstand für Vertrieb, Marketing und After Sales
2015–2020: President und CEO Porsche Cars North America
2010–2015: Vorsitzender der Geschäftsführung Porsche Deutschland
Ab 1997: verschiedene Führungspositionen bei Porsche, unter anderem in Deutschland, Frankreich und Nordamerika
1994–1997: Institut für Automobilwirtschaft, Nürtingen
Studium: Betriebswirtschaft, Schwerpunkt Unternehmensführung/Automobilwirtschaft
Geboren: 1967 in Mallersdorf, Bayern
Privat: verheiratet; interessiert sich unter anderem für Laufen, Yoga, Radfahren und klassische Automobile

Ein Beitrag von:

  • Peter Weißenberg

    ist freier Autor aus München. Seine Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen Autoindustrie und IT. Als Reporter, Chefredakteur und Moderator war er bei Tageszeitungen, Magazinen und in elektronischen Medien tätig.

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