Seefahrt 24.05.2019, 11:14 Uhr

Roms Schiffe waren so sicher wie die von heute

Berliner Forscher untersuchten die Seegangseigenschaften des Wracks von La Madrague de Giens. Sie kommen zu einem völlig anderen Schluss als die Dichter des Alten Roms.

Sebastian Ritz (l.) und Thomas Kirstein untersuchten die Seegangseigenschaften römischer Handelsschiffe. Sebastian Ritz erstellte dazu ein computerbasiertes Schiffsmodell, das auf dem linken Bildschirm zu sehen ist.

Sebastian Ritz (l.) und Thomas Kirstein untersuchten die Seegangseigenschaften römischer Handelsschiffe. Sebastian Ritz erstellte dazu ein computerbasiertes Schiffsmodell, das auf dem linken Bildschirm zu sehen ist.

Foto: TU Berlin/PR/Dominic Simon

Die Dichter im Alten Rom ließen kaum ein gutes Haar an den eigenen Frachtschiffen, die zu ihrer Zeit das Mittelmeer und Teile des Atlantiks beherrschten. Schiffe seien „dem Tode willkommene Mittel“, heißt es etwa bei Sextus Propertius. In zahlreichen Texten von Seneca, Lukrez, Cato und vielen anderen klingt es ähnlich. Lukrez zum Beispiel nennt die Seefahrt eine „verderbliche Kunst“.

Widerspruch machte Berliner Forscher stutzig

Da kann etwas nicht stimmen, sagten sich die Technik-Historiker Thomas Kirstein und Alwin Cubasch sowie Sebastian Ritz vom Fachgebiet Entwurf & Betrieb Maritimer Systeme, die alle an der Technischen Universität Berlin arbeiten. Tatsächlich seien die römischen Handelsschiffe erstaunlich sicher gewesen. Ihre Seegangseigenschaften wie Kentersicherheit oder das Rollen (Schaukeln um die Längsachse), Tauchen (horizontale Bewegung) und Stampfen (Schaukeln um die Querachse) entsprächen durchaus heutigen Normen. In einem interdisziplinären Forschungsprojekt wollten sie herausfinden, wie es sein kann, dass den römischen Schiffen als Transportmittel auf den Meeren in schriftlichen Quellen unisono einerseits ein verheerendes Zeugnis ausgestellt wurde, andererseits Passagiere den Seeweg nutzten und Kaufleute ihre Waren den vermeintlich gefährlichen Schiffen immer wieder anvertrauten. „Dieser Widerspruch machte uns stutzig“, sagt Kirstein.

Fast 2000 Jahre altes Wrack als Forschungsobjekt

Die Forscher nahmen sich das Wrack von La Madrague de Giens vor. Es war ehemals ein römisches Handelsschiff vom Typ Ponto, einem weitverbreiteten Schiffstyp in den Jahrhunderten um die Zeitenwende. Es sank zwischen 60 und 50 vor Christus nahe der französischen Halbinsel La Madrague de Giens, östlich von Toulon. 1967 fanden es Taucher der französischen Marine. Es gehört zu den bestdokumentierten römischen Wracks.

Schiffssimulation eines römischen Wracks

Schiffssimulation des römischen Wracks

Foto: Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr

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Das Schiff war 40 Meter lang und 9 Meter breit. An Hand von weiteren Daten wie Beplankung, Spanten, Deck, Ladung, der schiffstechnischen Ausrüstung und mitreisender Passagiere samt Gepäck ermittelten die Forscher das Gewicht. Darauf stützten sie sich und bauten den Frachter mit 2 Segeln im Computer nach. Dann setzten sie das virtuelle Modell ebenso virtuellen Wellengängen und Wind aus.

Gute Stabilität der antiken Schiffe

„Wir haben die Ergebnisse der Stabilitätsuntersuchungen des römischen Handelsschiffes mit einem vergleichbaren modernen Hochseeschiff verglichen und festgestellt, dass das antike Schiff kentersicherer war als das moderne, sich also durch eine gute Stabilität auszeichnete“, sagt Ritz. Es hätte sogar den heutigen Anforderungen an die Schiffsstabilität genügt, wie sie im International Code on Intact Stability festgelegt sind.

Einziges Manko: Roms Schiffe förderten die Seekrankheit

Einen Unterschied zu modernen Schiffen stellten sie dennoch fest. Die rundere Rumpfform ließ die Schiffe stärker rollen, insbesondere bei seitlichem Seegang. Weniger seefeste Passagiere werden dadurch schnell seekrank. Da das mit Angst- und Panikattacken einhergehe, die die Fähigkeit mindert, eine Situation realistisch einzuschätzen, könne das die Ursache für die verheerenden Urteile der Dichter gewesen sein, mutmaßen die Forscher.

Das römische Handelsschiff war sicher, urteilen die TU-Wissenschaftler. Der Rumpf der Handelsschiffe zeige eine gute mechanische Stabilität, ein geschlossenes Deck machte ihn auch nach oben wasserdicht. Besegelung und Ruder verliehen den Schiffen eine gute Manövrierfähigkeit. Von Seelenverkäufer könne deshalb keine Rede sein.

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Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Kempkens

    Wolfgang Kempkens studierte an der RWTH Aachen Elektrotechnik und schloss mit dem Diplom ab. Er arbeitete bei einer Tageszeitung und einem Magazin, ehe er sich als freier Journalist etablierte. Er beschäftigt sich vor allem mit Umwelt-, Energie- und Technikthemen.

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