Redispatch 3.0 26.03.2026, 11:30 Uhr

Premiere: 700 E-Autos stabilisieren das Stromnetz, ohne dass Besitzer es merken

In Baden-Württemberg haben 700 E-Autos das Stromnetz stabilisiert, ohne dass ihre Besitzer etwas davon merkten. Was steckt dahinter?

Ein E-Auto wird an einer Wallbox aufgeladen, Wuppertal, Deutschland

Über intelligente Wallboxen können Ladevorgänge zeitlich verschoben werden und so das Stromnetz entlasten. Beim Projekt OctoFlexBW merkten die Fahrzeugbesitzer davon nichts.

Foto: picture alliance / imageBROKER/Robert Poorten

Rund zwei Millionen Elektroautos sind inzwischen auf Deutschlands Straßen unterwegs. Nachts stehen die meisten davon in Garagen und an Wallboxen — und laden. Was viele nicht wissen: In diesen nächtlichen Ladevorgängen schlummert ein enormes Potenzial für die Energiewende. Denn wann ein E-Auto lädt, ist dem Besitzer meist egal — solange es morgens voll ist.

Genau dieses Potenzial hat jetzt ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg erstmals im großen Maßstab genutzt: 700 private Elektroautos haben das deutsche Stromnetz durch ein bloßes Verschieben ihrer Ladezeiten stabilisiert. Die Fahrzeugbesitzer haben davon noch nicht einmal etwas mitbekommen.

Was bisher nur Kraftwerke durften

Wenn das Stromnetz unter Druck gerät, greifen Übertragungsnetzbetreiber zum sogenannten Redispatch: Sie fahren Kraftwerke hoch oder runter, um Engpässe zu vermeiden. Das kostet jährlich Milliarden und war bisher ausschließlich Sache konventioneller Großanlagen — Gaskraftwerke, Kohlekraftwerke, Industrieanlagen.

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700 Autos als virtuelles Kraftwerk

Im Projekt OctoFlexBW haben der Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW und der Energieversorger Octopus Energy nun über 700 E-Fahrzeuge aus Privathaushalten für den Redispatch eingesetzt. Die Idee: Statt ein Gaskraftwerk hochzufahren, verschiebt Octopus Energy den Ladezeitpunkt der angeschlossenen E-Autos von der Engpass-Stunde zu einem Zeitfenster, in dem das Netz weniger genutzt wird.

Konkret funktioniert das so:

  • Die Fahrzeugbesitzer stecken ihr Auto abends an die Wallbox und geben an, wann es morgens voll sein muss.
  • Octopus plant den Ladevorgang in die günstigsten Stunden — meist nachts, wenn der Strom billig ist.
  • Wenn Transnet BW einen drohenden Netzengpass meldet, schickt die Systemführung über die Plattform DA/RE ein Signal an die IT-Plattform KrakenFlex von Octopus Energy. Diese passt die Ladestrategie an: Manche Autos laden früher, andere später. Der kritische Zeitraum wird freigehalten.

Im Ergebnis ist das Auto morgens trotzdem voll. Die Besitzer haben von der Verschiebung nichts bemerkt. Und laut Octopus Energy zahlen sie durch den Tarif „Intelligent Octopus“ sogar weniger für ihren Strom.

Kein bidirektionales Laden nötig

Wer die Debatte um E-Autos als Stromspeicher verfolgt, denkt schnell an bidirektionales Laden: Strom fließt ins Auto und wieder zurück ins Netz. Diese Vehicle-to-Grid-Technologie (V2G) wird seit der EnWG-Reform Ende 2025 regulatorisch möglich und erste Hersteller bieten bereits kommerzielle Lösungen an. Doch V2G erfordert teure bidirektionale Wallboxen und V2G-fähige Fahrzeuge. Zudem ist noch unklar, wie stark die Batterie unter den häufigen Be- und Entladevorgängen leidet.

Das OctoFlexBW-Projekt verfolgt daher einen simpleren Ansatz. Die Autos speisen keinen Strom zurück ins Netz, sondern werden lediglich zu einem anderen Zeitpunkt geladen. Das Zauberwort heißt „Lastverschiebung“.

Dafür braucht es laut den Unternehmen keine spezielle Hardware oder V2G-Garantie des Herstellers. Stattdessen reichen eine normale Wallbox und ein Smart Meter mit intelligentem Stromtarif. Der Haken: Der flächendeckende Einbau von Smart Metern stockt derzeit massiv in Deutschland. Ohne intelligente Messsysteme (iMSys) fehlt aber die Kommunikationsschnittstelle zwischen Netzbetreiber und Wallbox.

Welches Potenzial die E-Auto-Flotten haben

Transnet BW und Octopus Energy sehen ein enormes Potenzial für den Einsatz der Technologie. Mit 700 Fahrzeugen konnte OctoFlexBW demnach rund 2 MWh an Flexibilität pro Tag bereitstellen. Nach Angaben der Unternehmen könnten eine Million Elektrofahrzeuge auf diese Weise jährlich bis zu 0,5 TWh Energie für das Stromnetz bereitstellen. Das würde ausreichen, um 3-5 % des gesamten jährlichen Redispatch-Bedarfs in Deutschland zu decken.

Angesichts der Marktentwicklung ist das keine ferne Zukunft: 2025 stiegen die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen in Deutschland <flaut der am 25. März veröffentlichten Pressemitteilung um 43,2 % gegenüber dem Vorjahr. Ihr Anteil am Gesamtmarkt liegt schon jetzt bei 19,1 %.

„Verbraucher sind heute schon der größte Treiber der Elektrifizierung in Deutschland“, erklärte Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy Germany. „Jetzt haben wir die Wahl: Entweder bezahlen die Verbraucher den teuren Redispatch. Oder sie stellen ihre Flexibilität zur Verfügung und lassen sich bezahlen.“

Folgeprojekt mit über 1000 Fahrzeugen

TransnetBW bezeichnet OctoFlexBW als „bislang am weitesten fortgeschrittenes Projekt dieser Art in Deutschland“. Im Folgeprojekt DataFlex sollen nun weit über 1000 Elektrofahrzeuge eingebunden und zusätzliche Heimspeicher integriert werden. Insgesamt sollen über 5000 „dezebtrale Assets“ wie E-Autos, Wärmepumpen und Batteriespeicher eingebunden werden. Hier ist der Übertragungsnetzbetreiber Tennet Konsortialführer. Im Fachjargon spricht man bei dem neuen Verfahren von „Redispatch 3.0″.

Neben E-Autos existiert auch ein Potenzial bei Wärmepumpen, Heimspeichern und Klimatechnik. Doch damit das skalieren kann, sind laut Gierull genau zwei Dinge notwendig:„Eine freie Bahn in der Regulatorik und ein Smart Meter in jedem Haushalt.“

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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