Vorkommen reicht für Millionen Fahrzeuge 04.11.2025, 11:59 Uhr

Lithium aus Thüringen – Rohstoff für deutsche E-Autos?

Esso darf in Thüringen nach Lithium suchen: Unter 4.050 km² schlummern bis zu 26,5 Mio. t des kritischen E-Auto-Rohstoffs. Der deutsche Bedarf ließe sich damit über Jahrzehnte decken – aber lohnt sich der Abbau?

In Deutschland wurden 2025 so viele E-Autos gebaut wie noch nie. Foto:  picture alliance / SULUPRESS.DE/Torsten Sukrow

In Deutschland wurden 2025 so viele E-Autos gebaut wie noch nie.

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Das Thüringer Becken könnte zum Lithium-Hotspot werden. Der Tankstellenbetreiber Esso, Tochter des US-Ölkonzerns ExxonMobil, darf seit Ende Oktober auf einer 4050 km² großen Fläche offiziell nach dem begehrten Batterie-Rohstoff suchen. Das Gebiet erstreckt sich über neun Landkreise sowie die Städte Erfurt und Weimar.

Für die deutschen Autobauer könnte sich damit die Chance ergeben, unabhängiger von Lithiumimporten aus Chile, China oder Australien zu werden. Aber lohnt sich der Abbau?

Wie groß ist Thüringens Lithium-Potenzial?

Laut dem Fraunhofer-Forschungsprojekt „Li+Fluids“ lagern zwischen 0,39 und 26,51 Mio. t Lithium im Tiefenwasser unter dem Thüringer Becken, das etwa Gotha, Erfurt und Weimar umfasst. Die Deutsche Rohstoffagentur erwartet für Deutschland einen Jahresbedarf von bis zu 170.000 t Lithium im Jahr 2030 – das Thüringer Vorkommen könnte dies theoretisch alleine decken.

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Was bedeutet das für den Automarkt? Ein Blick auf den Bedarf: Ein Tesla Model 3 benötigt laut Zahlen des Fraunhofer Instituts aus dem Jahr 2024 rund 4,8 kg Lithium für seine Batterie. Aus einer Tonne Lithiumcarbonat lassen sich damit die Akkus für 39 Fahrzeuge produzieren. Hochgerechnet könnte das Thüringer Vorkommen also mehrere hundert Millionen E-Autos mit Energie versorgen.

Wie soll das Lithium gewonnen werden?

Für den Abbau plant Esso ein umweltschonenderes Verfahren als den klassischen Bergbau. Die dpa zitiert einen Esso-Sprecher, laut dem lithiumhaltiges Wasser über den sogenannten Bohrlochbergbau aus mehreren hundert Metern Tiefe gepumpt werden. Daraufhin wird das Lithium an der Erdoberfläche abgetrennt und in batterietaugliches Material umgewandelt. Die restliche Sole gelangt danach zurück in den Untergrund.

Auch in Niedersachsen gibt es Pläne, das Verfahren zu nutzen: Die Stadtwerke Munster planen ab 2026, jährlich bis zu 500 t Lithium aus dem Boden zu pumpen. Das Lithium soll dort als Nebenprodukt eines geplanten Geothermie-Projekts anfallen.

Der Bohrlochbergbau gilt als deutlich umweltfreundlicher als der geplante Bergbau im sächsischen Erzgebirge, wo Lithium aus Festgestein gewonnen werden soll. Dort wären große Aufbereitungsanlagen und Abraumhalden nötig. Allerdings ist das Vorkommen an der tschechisch-sächsischen Grenze noch größer als das in Thüringen:  Nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) wird hier das größte Lithiumvorkommen ganz Europas vermutet. Pläne, dieses zu fördern, gibt es sowohl in Sachsen als auch in Tschechien.

Unter dem Thüringer Becken schlummert ein gigantisches Lithium-Vorkommen. Foto: picture alliance / imageBROKER/Andreas Vitting

Unter dem Thüringer Becken schlummert ein gigantisches Lithium-Vorkommen.

Foto: picture alliance / imageBROKER/Andreas Vitting

Wann kann es losgehen?

Für besorgte Thüringer Anwohnerinnen und Anwohner gibt es aber vorerst Entwarnung: Bis im Thüringer Becken gebohrt wird, werden nach Einschätzung von Experten mehrere Jahre ins Land ziehen. Denn zunächst muss Esso mindestens zwei Jahre lang geologische Daten analysieren und die wirtschaftliche Gewinnbarkeit prüfen. Erst danach können Bohrungen beginnen – wofür ein zusätzlicher Betriebsplan mit Beteiligungsverfahren nötig ist.

Doch selbst dann dürfte es noch dauern. Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) sagte gegenüber der dpa, vom ersten Lithiumfund bis zur Produktion vergingen in der Regel zwischen fünf und 15 Jahren. Vor 2030 sei demnach nicht mit substanzieller Förderung zu rechnen. Zudem kommt Schmidt zu einem ernüchternden Schluss: Bis dahin sei der Markt ohnehin gesättigt. Ob sich der Abbau für Esso also wirklich lohnt, ist unklar. Das Unternehmen hat bislang keine konkreten Erfolgsaussichten bekanntgegeben.

Damit stellt sich die Frage: Braucht die deutsche Automobilindustrie heimisches Lithium, oder ist es eher „nice to have“ – und kann somit unter der Erde bleiben?

Brauchen deutsche Autobauer heimisches Lithium?

Aktuelle Zahlen des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zeigen, dass die deutsche E-Auto-Produktion aktuell auf einem Höchststand ist: Im ersten Halbjahr 2025 wurden hierzulande 864.000 Elektroautos produziert – ein neuer Rekord. Der VDA rechnet für das Gesamtjahr mit 1,7 Millionen E-Fahrzeugen. Rund 40 % der deutschen Pkw-Produktion seien inzwischen Elektrofahrzeuge.

Doch aktuell importiert Deutschland das benötigte Lithium vollständig aus dem Ausland, insbesondere aus Chile, Australien und China. Bei einem durchschnittlichen Bedarf von etwa 5 kg Lithium pro Fahrzeug benötigt die deutsche Automobilindustrie allein für die E-Auto-Produktion schon heute rund 8500 t pro Jahr – Tendenz steigend. Hinzu kommt der Bedarf für Batteriespeicher und andere Anwendungen.

Dabei kontrolliert China laut DERA-Experte Michael Schmidt nicht nur große Abbaugebiete, sondern vor allem auch die Weiterverarbeitung: In jedem Bereich der Lithium-Wertschöpfungskette halte das Land mindestens 50 % Marktanteil, so der Experte. Die Weltmarktpreise hängen damit wesentlich von Entwicklungen in China ab.

Experten erwarten zudem, dass ab Anfang der 2030er Jahre die weltweite Nachfrage das Angebot deutlich übersteigen wird – genau dann könnte die Thüringer Quelle an strategischer Bedeutung gewinnen. „Viel wichtiger als die Weltmarktpreise ist die politisch gewollte strategische Unabhängigkeit vom Weltmarktführer China“, betont Schmidt gegenüber der dpa. Die entscheidende Frage sei: „Was ist es uns wert, unabhängiger zu sein?“

Vorerst kein Lithium-Abbau

Thüringens Lithium-Schatz dürfte also frühestens ab Mitte der 2030er erschlossen werden. Doch das Potenzial ist da: Schon ein Bruchteil der geschätzten 26,5 Mio. t könnte den Jahresbedarf von VW, BMW & Co. über Jahrzehnte decken.

Ob Esso aber so lange durchhält, steht auf einem anderen Blatt. Für die Unternehmensmutter ExxonMobil ist Thüringen Teil einer globalen Strategie: Der Konzern erkundet parallel ähnliche Vorkommen, etwa im US-Bundesstaat Arkansas. So will sich der Öl-Riese langfristig als weltweit führender Lithium-Anbieter positionieren. Bei Verzögerungen oder schlechter Wirtschaftlichkeit in Thüringen könnte der Konzern daher schnell auf profitablere Standorte setzen.

Mit Material von der dpa.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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