BMW und Solarwatt vernetzen Auto und Haus im 11-kW-Takt
Schluss mit passivem Laden: BMW und Solarwatt machen E-Autos zum mächtigen Stromspeicher fürs Haus. Wie das V2H-Gesamtkonzept im Detail funktioniert.
Strom aus dem Auto fürs Haus: BMW und Solarwatt verbinden E-Auto, Photovoltaik und Heimenergiemanagement intelligent miteinander.
Foto: BMW Group
Elektroautos stehen die meiste Zeit ihres Lebens auf Parkplätzen oder in Garagen. Genau dieses ungenutzte Potenzial wollen BMW und Solarwatt künftig nutzen. Die beiden Unternehmen stellen auf der Fachmesse „The smarter E Europe / Intersolar Europe 2026“ eine gemeinsame Lösung vor, mit der Fahrzeuge der neuen BMW-Generation „Neue Klasse“ aktiv in das Energiesystem eines Hauses eingebunden werden.
Das Besondere daran: Das Elektroauto dient nicht mehr nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als Stromspeicher. Überschüssiger Solarstrom kann in der Fahrzeugbatterie gespeichert und später wieder im Haushalt genutzt werden. Damit wird das Auto Teil eines vernetzten Energiesystems aus Photovoltaikanlage, Heimenergiemanagement, Wärmepumpe und Ladeinfrastruktur.
Die Lösung soll zunächst in Deutschland, Österreich und den Niederlanden angeboten werden. Bestellungen sind bereits möglich, die Auslieferung der BMW Wallbox Professional soll im vierten Quartal 2026 beginnen.
Inhaltsverzeichnis
- Was steckt hinter der Kooperation von BMW und Solarwatt?
- Wie funktioniert das Elektroauto als Stromspeicher?
- Warum das Auto für Energiemanager interessant wird
- Das System denkt voraus
- Welche Fahrzeuge unterstützen das System?
- Vehicle-to-Home ist nicht gleich Vehicle-to-Grid
- Wie wirkt sich das auf die Batterie aus?
- Ein wichtiger Schritt in Richtung vernetzter Energiewelt
Was steckt hinter der Kooperation von BMW und Solarwatt?
Technisch basiert das System auf drei Komponenten:
- einem Fahrzeug der BMW-Neue-Klasse,
- der bidirektionalen BMW Wallbox Professional,
- dem Heimenergiemanagementsystem Solarwatt Manager.
Erst das Zusammenspiel dieser Bausteine ermöglicht die aktive Einbindung des Fahrzeugs in das Energiesystem eines Gebäudes.
Dabei übernimmt der Solarwatt Manager die Steuerung sämtlicher Energieflüsse. Das System vernetzt Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Wärmepumpe, Wallbox und Elektroauto. Anschließend analysiert es kontinuierlich Energieerzeugung und Stromverbrauch und entscheidet automatisch, wo die verfügbare Energie am sinnvollsten eingesetzt wird. Durch offene Schnittstellen und Kommunikationsstandards ist das System zudem für die Anforderungen nach § 14a EnWG gerüstet, um eine netzdienliche Steuerung durch den Verteilnetzbetreiber zu ermöglichen.
BMW und Solarwatt arbeiten bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen. Die Kooperation begann 2013. 2021 brachten beide Unternehmen gemeinsam einen Heimspeicher auf den Markt. Die nun vorgestellte Integration der Fahrzeuge der Neuen Klasse stellt die bislang umfassendste Verknüpfung beider Systeme dar.
Wie funktioniert das Elektroauto als Stromspeicher?
Im Mittelpunkt steht das sogenannte Vehicle-to-Home-Konzept (V2H). Dabei fließt Strom nicht nur vom Haus ins Fahrzeug, sondern bei Bedarf auch wieder zurück.
Während herkömmliche Wallboxen ausschließlich Energie in die Fahrzeugbatterie laden, ermöglicht die BMW Wallbox Professional den Energieaustausch in beide Richtungen. Sie unterstützt Lade- und Entladeleistungen von bis zu 11 kW. Technisch setzt BMW bei der „Neuen Klasse“ auf das AC-bidirektionale Laden. Der dafür notwendige Wechselrichter ist somit direkt im Fahrzeug integriert, was die Wallbox-Infrastruktur auf der Hausseite schlanker hält. Die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladestation erfolgt dabei über den aktuellen Standard ISO 15118-20.
Das Prinzip ist einfach: Produziert die Photovoltaikanlage mehr Strom als aktuell benötigt wird, speichert das System den Überschuss im Elektroauto. Steigt später der Strombedarf im Haushalt, kann die Energie wieder aus der Fahrzeugbatterie entnommen werden.
Dadurch fungiert das Fahrzeug als zusätzlicher Energiespeicher. Das kann insbesondere in Gebäuden mit Photovoltaikanlage den Eigenverbrauch erhöhen und den Bezug von Netzstrom reduzieren.
Warum das Auto für Energiemanager interessant wird
Der eigentliche Mehrwert entsteht durch die Größe moderner Fahrzeugbatterien. Während typische Heimspeicher häufig Kapazitäten zwischen 5 und 15 kWh aufweisen, verfügen moderne Elektroautos über deutlich größere Energiespeicher. Damit kann das Fahrzeug erhebliche Energiemengen aufnehmen und zeitversetzt wieder bereitstellen.
Für Hausbesitzer eröffnet sich dadurch eine neue Möglichkeit, selbst erzeugten Solarstrom im eigenen Gebäude zu nutzen. Bislang stand dafür meist ausschließlich ein stationärer Batteriespeicher zur Verfügung.
Gleichzeitig stellt sich eine interessante Frage: Könnten große Fahrzeugbatterien künftig die Aufgaben klassischer Heimspeicher vollständig übernehmen? In der Praxis zeigt sich jedoch, dass das Fahrzeug den stationären Speicher eher ergänzen als ersetzen wird. Da Automobile per Definition mobil sind, steht die Kapazität während typischer Pendelzeiten tagsüber – wenn die Photovoltaikanlage den höchsten Ertrag liefert – im Heimsystem oft nicht zur Verfügung. Ein kleinerer, stationärer Puffer bleibt daher für eine lückenlose Autarkie meist unverzichtbar. Fest steht jedoch, dass die Energiewirtschaft zunehmend auf die enormen Speicherpotenziale von Elektrofahrzeugen blickt.
Das System denkt voraus
Moderne Heimenergiemanagementsysteme arbeiten längst nicht mehr nur mit aktuellen Messwerten. Der Solarwatt Manager berücksichtigt zusätzlich Wetterprognosen, erwartete Solarerträge und dynamische Stromtarife. Dadurch kann das System bereits im Voraus planen, wann Energie erzeugt, gespeichert oder verbraucht werden soll.
An einem sonnigen Sommertag kann überschüssiger Solarstrom gezielt in die Fahrzeugbatterie geladen werden. An Tagen mit geringer Sonneneinstrahlung lassen sich dagegen günstige Stromtarife nutzen, um Fahrzeug oder Speicher wirtschaftlich zu laden.
Darüber hinaus können Nutzerinnen und Nutzer individuelle Vorgaben festlegen. Beispielsweise lässt sich bestimmen, dass das Fahrzeug am nächsten Morgen mit einem bestimmten Ladezustand bereitstehen soll. Das Energiemanagement berücksichtigt diese Vorgaben automatisch.
Welche Fahrzeuge unterstützen das System?
BMW plant die Einführung zunächst für Fahrzeuge der Neuen Klasse. Genannt werden unter anderem der neue BMW iX3 sowie die elektrische Limousine BMW i3.
Voraussetzung für die Nutzung ist jedoch nicht nur ein kompatibles Fahrzeug. Erforderlich sind außerdem:
- die BMW Wallbox Professional,
- der Solarwatt Manager,
- eine geeignete Hausinstallation,
- sowie die technische Freigabe für bidirektionales Laden.
Vor der Installation sollte die elektrische Anlage des Gebäudes durch einen qualifizierten Elektrofachbetrieb geprüft werden.
Vehicle-to-Home ist nicht gleich Vehicle-to-Grid
Häufig werden die Begriffe Vehicle-to-Home (V2H) und Vehicle-to-Grid (V2G) miteinander verwechselt. Beim V2H-Konzept bleibt die Energie innerhalb des Gebäudes. Das Fahrzeug versorgt bei Bedarf den eigenen Haushalt mit Strom.
Vehicle-to-Grid geht einen Schritt weiter. Hier wird Energie aus der Fahrzeugbatterie in das öffentliche Stromnetz zurückgespeist. Technisch ist dies grundsätzlich möglich, und die BMW Wallbox Professional ist hardwareseitig dafür vorbereitet.
Allerdings befindet sich dieser Markt in Deutschland noch in einer frühen Entwicklungsphase. Neben technischen Fragen spielen dabei auch regulatorische Anforderungen, der flächendeckende Rollout intelligenter Messsysteme (Smart Meter), standardisierte Netzbetreiberprozesse und komplexe Abrechnungsmodelle eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund konzentriert sich das gemeinsame Angebot von BMW und Solarwatt zunächst auf die Nutzung der Energie innerhalb des eigenen Haushalts (V2H).
Wie wirkt sich das auf die Batterie aus?
Eine der häufigsten Fragen betrifft die Lebensdauer der Fahrzeugbatterie. Grundsätzlich bedeutet bidirektionales Laden zusätzliche Lade- und Entladevorgänge. Wie stark sich dies auf die Alterung einer Batterie auswirkt, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen unter anderem die Zahl der Ladezyklen, die Temperatur, die Ladeleistung sowie die vom Batteriemanagement vorgegebenen Ladefenster.
Moderne Batteriemanagementsysteme überwachen diese Parameter kontinuierlich und begrenzen kritische Belastungen (wie extreme Tiefentladungen oder hohe Ströme bei ungünstigen Zelltemperaturen). Fachleute gehen deshalb davon aus, dass sich die zusätzliche Alterung bei sachgemäßer, vom System gesteuerter Nutzung in einem engen, überschaubaren Rahmen bewegt. Eine pauschale Aussage lässt sich jedoch derzeit noch nicht treffen, weshalb Langzeitergebnisse aus dem Feld mit Spannung erwartet werden.
Ein wichtiger Schritt in Richtung vernetzter Energiewelt
Die Kooperation von BMW und Solarwatt zeigt, wie sich Elektromobilität und Gebäudetechnik zunehmend miteinander verzahnen. Neu ist dabei weniger das bidirektionale Laden selbst; entsprechende Pilotprojekte existieren seit Jahren. Neu ist vielmehr die direkte, kommerzielle Integration von Fahrzeug, Wallbox und Heimenergiemanagementsystem in ein herstellerseitig abgestimmtes Gesamtkonzept.
Dadurch wird das Elektroauto vom reinen Stromverbraucher zu einem steuerbaren, aktiven Energiespeicher innerhalb des Hausnetzes. Ob sich solche Systeme in großer Zahl durchsetzen, hängt nicht nur von der Technik ab. Auch die Wirtschaftlichkeit, die regulatorischen Rahmenbedingungen und die breite Verfügbarkeit kompatibler Fahrzeuge werden eine entscheidende Rolle spielen. Die Richtung ist jedoch klar erkennbar: Das Elektroauto entwickelt sich zunehmend zu einem integralen Bestandteil der dezentralen Energieinfrastruktur – und ist längst nicht mehr nur ein reines Verkehrsmittel.
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