Fahrzeugtechnik 17.08.2012, 11:00 Uhr

Automobilhersteller entwickeln neue und bessere Airbags

Nach mehr als drei Jahrzehnten Serieneinsatz arbeiten Automobilhersteller an neuen und besseren Airbags. Luftsäcke schützen künftig auch Fond- passagiere und Fußgänger oder bremsen sogar das komplette Fahrzeug ab.

Als Lebensretter haben sie sich bewährt. Einst nur als teure Sonderausstattung angeboten, gehören Front- und Seitenairbags bei Pkw längst zum Serienumfang. Weitere Verbesserungen der Sicherheit scheinen nur noch durch unfallvermeidende Assistenzsysteme möglich. Dennoch sollte das Entwicklungspotenzial des Airbags nicht unterschätzt werden, mahnt Rodolfo Schöneburg, der die passive Sicherheit für alle Pkw von Mercedes-Benz verantwortet: „Auf absehbare Zeit wird es weiterhin Unfälle geben.“

Und so arbeiten Automobilhersteller und Zulieferer an Airbags, die Pkw-Insassen bei einem Unfall noch besser schützen sollen. „Der nächste große Trend ist die Individualisierung des Schutzes“, sagt Schöneburg, der ehrenamtlich die VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik leitet.

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Vollvariable Airbags sollen 2013 auf den Markt kommen

Schon 2013 sollen die ersten Fahrzeuge auf den Markt kommen, bei denen sich Frontairbags nahezu stufenlos an Sitzposition und Größe des Insassen sowie die Unfallschwere anpassen. Technisch realisiert wird der vollvariable Airbag, indem schaltbare Klappen im Airbag einen Teil des einströmenden Gases sofort wieder entweichen lassen. Geöffnet werden die Klappen im Bedarfsfall über zusätzliche Fangbänder.

Auf der Beifahrerseite könnte der Airbag in Zukunft in den Dachhimmel wandern. Der Einbau in das Cockpit ist vielen Designern ein Dorn im Auge, sie würden den Raum über dem Handschuhfach lieber für einen zusätzlichen Bildschirm nutzen. Studien des Zulieferers TRW haben bewiesen, dass der neue Einbauort zu keinerlei Abstrichen in der Schutzwirkung führt. Allerdings nimmt durch den Einbau des Moduls die Kopffreiheit etwas ab, weshalb eine solche Lösung für sportliche Fahrzeuge nicht geeignet ist – Cabrios scheiden ohnehin aus. Den Start der Serienproduktion plant TRW für Ende 2013.

Ford führt 2013 gurtintegrierte Airbags in Europa ein

Besonderes Augenmerk richten die Sicherheitsexperten aller Hersteller jetzt auf die Passagiere im Fond. Ford führt 2013 mit dem neuen Mondeo erstmals in Europa einen gurtintegrierten Airbag ein. Er verfünffacht bei einem Aufprall die Fläche, mit der der Gurt auf dem Oberkörper des Insassen aufliegt. Da sich der Impuls gleichmäßiger auf dem Brustkorb verteilt, sinkt dessen Belastung um durchschnittlich 30 %. Die Schwere der Kopfverletzungen soll laut Hersteller sogar um 50 % abnehmen.

Wer auf der Rücksitzbank des Mondeos Platz nimmt, muss sich allerdings umgewöhnen. Da der Gurt in dem Bereich, in dem das Airbag-

gewebe verbaut ist, deutlich dicker ist als gewöhnlich, kann er nicht aufgerollt werden. Ford löst dieses Problem durch einen eigenen Aufroller für den Beckengurt. Trotz zweifachen Anschnallens, so das Unternehmen, halten 90 % aller Testpersonen den neuen, weicher gepolsterten Gurt für komfortabler als ein heutiges Rückhaltesystem.

Auch Mercedes-Benz hat gerade angekündigt den gurtintegrierten Airbag in Serie zu bringen – ohne zweiten Aufroller. Welchen technischen Kniff er dafür verwendet, verrät Schöneburg noch nicht. Mittelfristig kann er sich aber vorstellen, dass die Rücksitzpassagiere doch von klassischen Airbags geschützt werden, die in die Rückenlehnen der Vordersitze integriert sind.

Airbags sollen in Zukunft auch Fußgänger schützen

In der Zukunft werden Airbags nicht mehr nur im Auto zu finden sein. Der Luftsack wandert auch nach außen, erstmals beim neuen Volvo V40. Dort sitzt er in der Fuge zwischen der Unterseite der Frontscheibe und der Motorhaube. Bei einem Unfall mit einem Fußgänger hebt sich die Motorhaube etwas an, der Airbag entfaltet sich u-förmig um den unteren Bereich der Seitenscheibe.

Kritiker wenden ein, dass nur bei 3 % aller Fußgängerunfälle der Kopf des Angefahrenen im unteren Bereich der Scheibe aufschlägt. Daher setzen Audi und Mercedes auf Notbremssysteme, die Fußgängerkollisionen rechtzeitig erkennen können. In Serie kommen diese allerdings erst 2013 mit der neuen S-Klasse und der Neuauflage des schweren Geländewagens Q7.

Dirk Schultz, bei TRW für die weltweite Airbagentwicklung verantwortlich, hält nichts von Pauschalurteilen. Ob ein Fußgänger-Airbag sinnvoll ist, hängt seiner Meinung nach vor allem von der Außengeometrie des Fahrzeuges ab. Bei kompakten Fahrzeugen mit niedriger Höhe sei der Kopfaufprall eben wahrscheinlicher als bei einem Pick-up amerikanischer Bauart.

Eine völlig andere Airbaginnovation stammt dagegen von Mercedes-Benz und ist derzeit reine Zukunftsmusik. 2009 stellte der Hersteller in einer Studie einen „Braking Bag“ vor. Dieser Luftsack sitzt im Vorderachsträger. Wird ein bevorstehender Unfall von der Fahrzeugsensorik als unvermeidlich erkannt, zündet er wenige Millisekunden vor dem Aufprall und drückt eine Klappe mit Reibbelag auf die Fahrbahn. „Mit keiner anderen Technik erreicht man Verzögerungen von mehr als zweifacher Erdbeschleunigung und somit eine Verdoppelung der Bremswirkung“, so Schöneburg.

Mag es auch noch einige Jahre dauern, bis der Braking Bag in Serie kommt, zeigt er doch das Zusammenwachsen von aktiver und passiver Sicherheit. Die Airbagauslösung wird von Laser- und Radarsensoren sowie Stereokameras profitieren, die eigentlich entwickelt wurden, um das Auto rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Sie ermöglichen die frühzeitige Erkenntnis, dass es Zeit wird, den Gurt zu straffen und die Airbags scharf zu stellen.

 

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