Traum vom Fliegen 04.01.2025, 13:38 Uhr

Carl Friedrich Meerwein und die Geburt der deutschen Luftfahrt

Der Architekt Carl Friedrich Meerwein baute womöglich das erste deutsche Fluggerät. Wir schauen uns seinen Ornithopter genauer an.

Meerwein Fluggerät

So hat der Flugapparat ausgesehen, mit dem Carl Friedrich Meerwein 1784 durch die Lüfte gesegelt sein soll.

Foto: gemeinfrei

Der Schneider von Ulm, Adolf Berblinger, wird oft als einer der ersten deutschen Flugpioniere betrachtet. Doch tatsächlich gab es jemanden, der ihm zeitlich voraus war: Carl Friedrich Meerwein, Markgräflich badischer Landbaumeister aus Emmendingen im Breisgau, einer Region im heutigen Schwarzwald.

Bereits im Jahr 1781, nach einigen Quellen auch 1784, soll Meerwein vom Boden abgehoben haben – zu einer Zeit, als Berblinger gerade einmal elf Jahre alt war. Allerdings gibt es auch Stimmen, die bezweifeln, dass Meerwein jemals wirklich geflogen ist. Nichtsdestotrotz wollen wir uns den Erbauer der ersten deutschen Flugmaschine einmal etwas genauer anschauen.

Naturwissenschaftliches Studium in Straßburg

Carl Friedrich Meerwein, geboren 1737 in Leiselheim am Kaiserstuhl, war ein vielseitig begabter Architekt, Forscher und Ingenieur. Schon in jungen Jahren zeigte er eine Leidenschaft für Naturwissenschaften, was ihn zu einem Studium der Mathematik, Physik, Landwirtschaft und Civilbaukunst in Straßburg und Jena führte. Seine berufliche Karriere begann er im Dienst des Markgrafen von Baden, wo er 1769 zum Landbaumeister von Emmendingen ernannt wurde.

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Neben seiner architektonischen Arbeit, zu der bedeutende Bauwerke wie das Emmendinger Neue Schloss und die evangelische Bergkirche in Opfingen gehörten, war Meerwein ein leidenschaftlicher Forscher. Mit dem Aufkommen der exakten Wissenschaften im 18. Jahrhundert begeisterte ihn insbesondere die Idee der Luftfahrt. Anders als die Gebrüder Montgolfier, die auf Heißluftballons setzten, wollte Meerwein die Flugtechnik der Vögel nachahmen und durch Muskelkraft die Schwerkraft überwinden.

Der Weg zur ersten deutschen Flugmaschine

Meerwein widmete Jahre seiner Forschung dem Studium von Vögeln. Besonders Wildenten faszinierten ihn, da sie ihm als ideale Vorbilder für seinen Flugapparat erschienen. Er fing, wog und vermisst die Tiere, um das Verhältnis von Körpergewicht zu Flügelfläche zu verstehen. Basierend auf diesen Studien entwarf er einen Ornithopter – ein Fluggerät aus Leinenstoff und Lindenholz mit einer Flügelfläche von 12 Quadratmetern. Das Gerät war so konzipiert, dass der Pilot mit seinen eigenen Bewegungen die Flügel schlagen lassen konnte.

Meerwein verfasste auch eine wissenschaftliche Schrift über die Nachahmung des Vogelflugs, die ins Französische und Portugiesische übersetzt wurde. Diese Arbeit galt als bahnbrechend und inspirierte spätere Pioniere wie Otto Lilienthal. Dieser nutzte die Vorarbeiten Meerweins und führte rund ein Jahrhundert später den ersten sicher dokumentierten Flug in Gleittechnik durch.

Der Flugversuch: Erfolg oder Legende?

Mit Sicherheit trug Carl Friedrich Meerwein eine beeindruckende Hose. Wie genau sein Beinkleid an diesem besonderen Tag aussah, bleibt jedoch in den Quellen unerwähnt. Es lässt sich jedoch vermuten, dass der Stoff äußerst strapazierfähig war, schließlich war daran die Flügelkonstruktion befestigt. Was anschließend geschah, ist bis heute Gegenstand von Diskussionen.

1784 soll Meerwein seinen Flugapparat auf dem Burgberg in Emmendingen getestet haben. Laut einer Legende flog er 150 Meter weit, bevor er auf einem Misthaufen landete. Diese Version wurde in der Encyclopaedia Britannica erwähnt, während lokale Historiker wie Hans-Jörg Jenne skeptisch bleiben. Dokumente aus der Zeit belegen keinen erfolgreichen Flug, und Meerwein selbst hat keinen solchen Erfolg beansprucht.

Der Sportfliegerclub CFM (CFM steht für Carl Friedrich Meerwein) hat das Fluggerät vor einigen Jahren nachgebaut. Fotos davon finden Sie hier.

Ende einer kurzen Flugkarriere

Noch einmal zurück zum Schneider von Ulm. Berblinger unternahm seinen Flugversuch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit wie Meerwein, sondern vor Tausenden von Zuschauern. Selbst der württembergische Herzog wurde Zeuge davon, wie Berblingers Flugversuch in der Donau endete. Der Verursacher war mit dem Teufel schnell ausgemacht, dabei waren es die Thermik und ungünstige Windverhältnisse, die Berblinger damals scheitern ließen.

Warum Meerweins Flug im Misthaufen endete, ist nicht abschließend geklärt. Moderne Luftfahrt-Ingenieure glauben jedoch, dass sein einziger Denkfehler bei den beweglichen Tragflächen gelegen habe. Mit starrer Mittelachse hätte der Apparat funktionieren können. So oder so beendete Meerwein seine Flugkarriere nach dem Erstflug. Es existieren heute noch Zeichnungen von der „Flugmaschine“, mit der Meerwein einst abgehoben haben soll. Das Fluggerät selbst soll tragischerweise über 100 Jahre in einem Speicher in Emmendingen gelagert haben und wurde angeblich von einem Enkel des Flugpioniers Ende des 19. Jahrhunderts bei Aufräumarbeiten entsorgt.

Ähnlichkeiten mit Leonardo da Vincis Fluggerät

Schaut man sich die Zeichnung von Meerweins Ornithopters an, sind Ähnlichkeiten mit dem Fluggerät von Leonardo da Vinci nicht zu verleugnen. Dieser hatte sich bereits im 15. Jahrhundert vom Flug des Rotmilans, einem imposanten Greifvogel, inspirieren lassen. Bei da Vinci blieb es allerdings bei Zeichnungen von Maschinen, die per Flügelschlag fliegen können. Die Technik der damaligen Zeit reichte noch nicht aus, um ein solches Geräte konstruieren zu können.

Hat Meerwein seinen Flügelapparat aus Leinenstoff und Lindenholz also nur bei da Vinci abgekupfert? Schwer zu sagen, es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass der deutsche Architekt Zugriff auf die damals schwer zugänglichen Zeichnungen und Skizzenbücher da Vincis hatte. Es hatten daher wahrscheinlich zwei Tüftler die ähnliche Idee und wollten den Vogelflug nachahmen.

Doch Fliegen mit Flügelschlag ist schwer. Der Gleitflug lässt sich deutlich einfacher nachahmen, weshalb Da Vincis Schüler Tommaso Masini, besser bekannt als Zoroastro da Peretola, als erster „fliegender Mensch“ in die Geschichte eingeht. Mithilfe eines gurtähnlichen Geräts, das an die Konstruktion eines Drachenfliegers erinnert, gelingt es ihm, über einen natürlichen Abhang zu gleiten – auch wenn er sich bei der Landung mehrere Brüche an den Beinen zuzieht.

Meerweins Leben nach der Luftfahrt

Nach seinem Flugversuch widmete sich Meerwein wieder seiner Arbeit als Landbaumeister. Er entwarf Brücken, Kirchen und Verwaltungsgebäude, darunter das Neue Schloss in Emmendingen, das heute als Amtsgericht dient. 1802 veröffentlichte er ein Lehrbuch über den Gewölbebau, das seine architektonische Expertise unterstreicht.

Carl Friedrich Meerwein starb 1810 nach einem tragischen Sturz vom Pferd. Heute erinnern viele Orte in Emmendingen an Meerwein. Straßen, Schulen und der Meerwein-Brunnen zeugen von seinem Einfluss. Obwohl sein Flugversuch umstritten bleibt, inspirierte sein visionärer Geist Generationen von Luftfahrtpionieren.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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