Elche, Rehe und Wölfe 08.10.2015, 12:08 Uhr

Wie Wildtiere verstrahlte Gebiete um Tschernobyl erobern

Sie haben sich zu einem Lieblingsort für Elche, Rehe, Rotwild, Wildschweine und Wölfe entwickelt: die verstrahlten Gebiete um Tschernobyl. Doch warum ist das so?

Geisterstädte nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986: Wegen der radioaktiven Strahlung gibt es ein 4200 km<custom name="sup">2</custom> großes menschenleeres Sperrgebiet um Tschernobyl. Wildtiere haben dieses Gebiet offenbar für sich entdeckt. So leben in der Region heute offenbar mehr als vor dem Unglück. 

Geisterstädte nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986: Wegen der radioaktiven Strahlung gibt es ein 4200 km2 großes menschenleeres Sperrgebiet um Tschernobyl. Wildtiere haben dieses Gebiet offenbar für sich entdeckt. So leben in der Region heute offenbar mehr als vor dem Unglück. 

Foto: Sergey Dolzhenko/dpa

Die Strahlung im 4200 km2 großen Sperrgebiet um Tschernobyl scheint Wildtiere nicht zu beeindrucken: Nach einem Einbruch unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe sind die Bestände von Reh, Rotwild, Wildschwein, Elch und Wolf immer weiter gewachsen. Zu dieser Erkenntnis kommen Wissenschaftler der University of Portsmouth in Großbritannien. „Sehr wahrscheinlich gibt es inzwischen mehr Wildtiere um Tschernobyl als vor dem Unglück“, erklärt Forscher Jim Smith. 

Wölfe und Elche fühlen sich im Strahlungsgebiet pudelwohl

Für die Datengewinnung setzten sich die Wissenschaftler in den Helikopter und flogen über das sogenannte Polesie State Radioecological Reserve (Psrer) in Weißrussland – ein 2200 km2 großes Gebiet, das direkt an die Tschernobyl-Sperrzone in der Ukraine grenzt und vom radioaktiven Niederschlag am stärksten betroffen ist.

Wölfe stört die Strahlung nicht: In den Gebieten um Tschernobyl leben mittlerweile sieben Mal mehr Exemplare als in anderen Naturreservaten Weißrusslands. 

Wölfe stört die Strahlung nicht: In den Gebieten um Tschernobyl leben mittlerweile sieben Mal mehr Exemplare als in anderen Naturreservaten Weißrusslands. 

Foto: Valeriy Yurko/University of Portsmouth

Und was fanden sie heraus? Beispielsweise, dass in diesem menschenleeren Gebiet sieben Mal mehr Wölfe hausen als in unverstrahlten Naturreservaten Weißrusslands. Auch Elche fühlen sich wohl: Zwischen 2005 und 2010 lebten im Psrer durchschnittlich knapp zehn Elche auf 10 km2. In anderen Naturreservaten waren es nur ein bis sechs Tiere.

Menschen machen Tiergemeinschaft mehr zu schaffen als Strahlung

Und wie wirkt sich die Radioaktivität auf die Tiere aus? Über den Gesundheitszustand einzelner Individuen ist nichts bekannt, schreiben die Forscher im Fachjournal Current Biology – es gibt auch keine Daten zu Missbildungen oder Fehlgeburten.

Auch Elche scheint die Strahlung nicht sonderlich zu stören. Ihre Population wächst in den verstrahlten Gebieten kontinuierlich. 

Auch Elche scheint die Strahlung nicht sonderlich zu stören. Ihre Population wächst in den verstrahlten Gebieten kontinuierlich. 

Foto: Tatyana Deryabina/University of Portsmouth

Doch auch wenn einzelne Individuen unter der Strahlung leiden, das Populationswachstum stört das unterm Strich nicht. Und warum nicht? Weil die Säugetiergemeinschaft vom Druck menschlicher Besiedlung befreit ist. In vielen anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion verringern Jagd, Forst- und Landwirtschaft die Populationen. Der Mensch macht dem Tier folglich mehr zu schaffen als die Strahlung.

Vögel in Tschernobyl sind gegen Radioaktivität mittlerweile immun 

Das Unglück in Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986. Es kam zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der zu einer Explosion des Reaktors führte. Der radioaktive Niederschlag verseuchte mehr als 100.000 km2 Land, über 250.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Bis heute sind Städte und Dörfer in einer 30-km-Sperrzone weitgehend unbewohnt.

Verlassenes Haus innerhalb der 30-km-Sperrzone um Tschernobyl. Über 250.000 Menschen mussten nach der Reaktorkatastrophe im April 1986 ihre Häuser verlassen.

Verlassenes Haus innerhalb der 30-km-Sperrzone um Tschernobyl. Über 250.000 Menschen mussten nach der Reaktorkatastrophe im April 1986 ihre Häuser verlassen.

Foto: Valeriy Yurko/University of Portsmouth

Vögel haben sich mit den Umweltbedingungen hingegen längst arrangiert: Im Blut der Rauchschwalbe fanden Forscher beispielsweise eine hohe Konzentration des Antioxidans Glutathion. Es gleicht negative Effekte der Strahlung aus. 

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