Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 25.04.2014, 15:32 Uhr

Vögel in Sperrzonen haben sich mit Radioaktivität arrangiert

Die Natur hat einen Weg gefunden, Vögel in den verstrahlten Sperrzonen Tschernobyls gegen Radioaktivität immun zu machen. Je höher die Strahlenbelastung, desto höher steigt auch die Konzentration des Antioxidans Glutathion im Blut der Tiere. Und dieser Stoff entschärft hochradioaktive Moleküle.

Auch 28 Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe ist die ukrainische Stadt Pripyat in der nähe des havarierten Kernkraftwerks eine Geisterstadt. Zurückgekehrt sind allerdings die Vögel. Sie sind mittlerweile gegen die Strahlung immun. 

Auch 28 Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe ist die ukrainische Stadt Pripyat in der nähe des havarierten Kernkraftwerks eine Geisterstadt. Zurückgekehrt sind allerdings die Vögel. Sie sind mittlerweile gegen die Strahlung immun. 

Foto: dpa

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktorblock vier des Kernkraftwerks in Tschernobyl in der Ukraine. Tausende Tonnen radioaktiven Materials wurden in die Umgebung geschleudert. 28 Jahre nach der Katastrophe gehört die 2600 Quadratkilometer große Sperrzone um das frühere Kernkraftwerk weiterhin zu den am stärksten radioaktiv verstrahlten Gebieten der Welt.

Zäune und Absperrungen halten Tiere jedoch nur bedingt fern und beeindrucken vor allem Vögel herzlich wenig, so dass sich inzwischen wieder verschiedenste Arten in diesem menschenleeren Gebiet eingenistet haben. Forscher der Universität Paris-Süd haben diese Vögel untersucht, um die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung zu erforschen. Die Ergebnisse haben sie selbst überrascht.

Vögel in Strahlungsgebieten sind größer als normale Artgenossen

Offenbar haben sich die Vögel mit den veränderten Bedingungen nicht nur arrangiert, sondern sie profitieren sogar davon. Sie seien größer und hätten überraschenderweise sogar weniger DNA-Schäden als ihre Artgenossen in weniger belasteten Gebieten, erklärte das Forscherteam um Ismael Galván im Fachjournal Functional Ecology.

Die Wissenschaftler hatten 152 Vögel von 16 verschiedenen Arten untersucht, die sie im Sperrgebiet oder in dessen unmittelbarer Nähe mit Netzen eingefangen hatten. Amseln, Kohlmeisen, Buchfinken und Rauchschwalben entnahmen sie Blut-, Feder- und Spermaproben und ließen sie anschließend wieder frei. Außerdem maßen sie an jedem Probenort die Stärke der Radioaktivität.

Die Forscher haben unter anderem das Blut der Rauchschwalbe untersucht. Sie ist mittlerweile gegen die Radioaktivität immun. Ob die Eigenschaft vererbt wird, es sich also um eine echte Mutation handelt, ist noch unklar. 

Die Forscher haben unter anderem das Blut der Rauchschwalbe untersucht. Sie ist mittlerweile gegen die Radioaktivität immun. Ob die Eigenschaft vererbt wird, es sich also um eine echte Mutation handelt, ist noch unklar. 

Foto: Wikipedia/Malene Thyssen

Bei der Analyse stellte sich heraus, dass die Ergebnisse desto besser ausfielen, je höher die Strahlung war. Je stärker die Belastung, desto mehr vom Antioxidan Glutathion hatten die Vögel im Blut. Der Stoff kann negative Effekte der Strahlung ausgleichen, indem er bestimmte hochreaktive Moleküle entschärft. Diese entstehen, wenn radioaktive Strahlung auf die Körper von Menschen, Tieren und Pflanzen trifft. Betroffen von den Veränderungen ist auch das Erbgut, eine mögliche Folge ist Krebs. Auch unter normalen Bedingungen entstehen solche hochreaktiven Moleküle, allerdings in geringerer Menge, so dass der Körper mithilfe von Antioxidantien leichter mit ihnen fertig wird.

Nicht alle Vögel reagieren gleich gut auf die Veränderung

Allerdings – auch das zeigte sich bei der Studie – können sich nicht alle Vogelarten gleichermaßen auf die Strahlenbelastung einstellen. Vögel mit dunklerem Gefieder wiesen schlechtere Werte auf als helle Tiere. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass durch die Bildung der dunklen Pigmente, die zusätzlich Antioxidantien verbrauche, nicht genügend übrig bleibe, um die Tiere in gleichem Maße wie hellere Arten vor Strahlenstress zu schützen. „Diese Ergebnisse sind wichtig, denn sie verraten uns mehr darüber, wie gut verschiedene Arten es schaffen, mit Herausforderungen wie Tschernobyl und Fukushima klarzukommen“, erklärt Galván.

Ob die Vögel ihre Anpassung an die veränderten Umweltbedingungen an ihre Nachkommen vererben, es sich also um echte Mutationen handelt, ist derzeit allerdings noch nicht bekannt.    

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