Studie schlägt Alarm 04.03.2026, 14:49 Uhr

Neue Heizpolitik vergrößert Deutschlands CO₂-Lücke massiv

Studie warnt: Neue Heizpolitik könnte Deutschlands CO₂-Lücke deutlich vergrößern. Besonders der Wegfall der 65-%-Regel spielt eine zentrale Rolle.

alter Heizkörper

Klimaziele in Gefahr? Eine Studie zeigt, wie das Heizungsmodernisierungsgesetz Deutschlands CO₂-Bilanz bis 2040 deutlich verschlechtern könnten.

Foto: Smarterpix / RoccoHerrmann

Eine Analyse des Öko-Instituts zeigt: Die geplanten Änderungen am Gebäuderecht könnten die bereits bestehende Lücke zu den deutschen Klimazielen deutlich vergrößern. Besonders der Wegfall der 65-%-Regel für erneuerbare Wärme schwächt den wichtigsten Treiber für den Heizungswechsel. Bis 2040 könnten dadurch zusätzliche Emissionen von bis zu 172 Mt CO₂-Äquivalenten entstehen.

Klimaziele rücken weiter in die Ferne

Deutschland hat sich gesetzlich verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen deutlich zu senken. Bis 2030 sollen sie um 65 % gegenüber 1990 sinken, bis 2040 um 88 %. Doch schon heute zeigt der Projektionsbericht der Bundesregierung, dass diese Ziele nur schwer zu erreichen sind.

Neue politische Eckpunkte zum geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz könnten die Situation weiter verschärfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Öko-Instituts. Demnach würde sich die ohnehin bestehende Lücke zu den Klimazielen weiter vergrößern.

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Konkret bedeutet das: Für das Jahr 2030 steigt die Abweichung vom gesetzlich festgelegten Emissionsziel von bisher rund 25 Mt CO₂-Äquivalenten pro Jahr auf etwa 30 bis 33 Mt. Für 2040 fällt der Effekt noch deutlicher aus. Hier wächst die Lücke von etwa 102 Mt auf 116 bis 124 Mt CO₂-Äquivalente pro Jahr.

Über mehrere Jahre gerechnet summiert sich der Effekt stark. Bis 2040 könnten zusätzliche 108 bis 172 Mt CO₂-Äquivalente entstehen – also deutlich mehr Emissionen als nach dem Klimaschutzgesetz vorgesehen.

Warum Heizungen eine zentrale Rolle spielen

Der Gebäudesektor gehört zu den großen Emissionsquellen in Deutschland. Ein Großteil der Emissionen entsteht durch das Heizen von Wohnungen und Gebäuden, meist mit Gas oder Öl.

Das derzeit geltende Gebäudeenergiegesetz (GEG) enthält deshalb eine zentrale Vorgabe: Neue Heizungen müssen zu mindestens 65 % mit erneuerbarer Wärme betrieben werden. Diese Regel gilt als wichtigster Hebel, um fossile Heizungen schrittweise zu ersetzen.

Die Studie zeigt, wie stark diese Regel wirkt. Alle Maßnahmen des GEG zusammen reduzieren die Emissionen laut Projektionsbericht bis 2030 um rund 12,2 Mt CO₂-Äquivalente pro Jahr. Bis 2040 steigt der Effekt auf 36,4 Mt pro Jahr.

Wegfallende 65-%-Vorgabe macht vieles kaputt

Allein die 65-%-Vorgabe macht davon den größten Anteil aus. Sie sorgt für eine Einsparung von 9,6 Mt CO₂-Äquivalenten im Jahr 2030 und sogar 30,2 Mt im Jahr 2040. Damit steht sie für über 80 % der gesamten Minderungswirkung des GEG.

Dr. Sibylle Braungardt vom Öko-Institut sagt dazu: „Die bisherigen Berechnungen zeigen klar: Die 65-Prozent-Regelung prägt den Emissionspfad des Gebäudesektors maßgeblich. Wenn dieser verbindliche Standard entfällt, fehlt ein zentraler Treiber für den Umstieg auf erneuerbare Wärme – und die Transformation verlangsamt sich deutlich.“

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Neue Instrumente statt klarer Vorgaben

Die geplante Reform setzt auf ein anderes Konzept. Statt einer festen Vorgabe für neue Heizungen sollen zwei neue Instrumente eingeführt werden.

  • Zum einen eine sogenannte Bio-Treppe. Wer künftig eine Gas- oder Ölheizung einbaut, muss im Laufe der Jahre steigende Anteile erneuerbarer Brennstoffe einsetzen.
  • Zum anderen ist eine Grüngas- beziehungsweise Grünheizölquote vorgesehen. Gas- und Ölversorger sollen verpflichtet werden, einen wachsenden Anteil klimafreundlicher Brennstoffe in ihren Produkten nachzuweisen.

Der Einstieg ist allerdings sehr niedrig angesetzt. Laut Eckpunkten startet die Quote im Jahr 2028 mit bis zu 1 % erneuerbarem Anteil. Der weitere Verlauf ist bislang nicht festgelegt.

Für die Analyse nahm das Öko-Institut ein mögliches Stufenmodell an:

  • ab 2029: 10 % erneuerbare Brennstoffe
  • ab 2035: 30 %
  • ab 2040: 60 %

Diese Annahmen orientieren sich an bestehenden Regelungen im GEG, sind aber deutlich schwächer als die bisherige 65-%-Vorgabe für neue Heizungen.

Zwei Mechanismen beeinflussen die Emissionen

Die neuen Instrumente wirken über zwei verschiedene Mechanismen.

  • Der erste betrifft die Emissionen im Bestand. Steigt der Anteil grüner Gase oder Öle, sinkt rechnerisch der Emissionsfaktor des gesamten Brennstoffmixes. Selbst bestehende Heizungen verursachen dann statistisch weniger CO₂.
  • Der zweite Mechanismus betrifft Investitionsentscheidungen. Wenn der Anteil erneuerbarer Brennstoffe steigt, erhöhen sich langfristig die Kosten fossiler Heizsysteme. Das kann dazu führen, dass Eigentümer eher auf Wärmepumpen oder andere erneuerbare Systeme umsteigen.

Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt stark davon ab, wer die Kosten trägt. Bei selbst genutzten Häusern wirken steigende Brennstoffpreise direkt auf die Wirtschaftlichkeit. Eigentümer*innen reagieren daher eher auf höhere Preise.

Anders sieht es in vermieteten Gebäuden aus. Hier können Vermietende die Heizkosten häufig auf Mieterinnen und Mieter umlegen. Dann fehlt der wirtschaftliche Anreiz, in neue Heiztechnik zu investieren.

Mieterschutz wird zum entscheidenden Faktor

Deshalb sehen die Forschenden einen zentralen Punkt im Mietrecht. Nur wenn zusätzliche Brennstoffkosten nicht vollständig auf Mieter*innen übertragen werden können, entsteht für Vermietende ein echter Investitionsdruck.

Dr. Braungardt formuliert es so: „Wichtig sind jetzt zwei Dinge: Zum einen muss die Bio-Treppe ambitioniert ausgestaltet werden, damit sie eine relevante Klimaschutzwirkung entfalten kann. Insbesondere muss die zweite Stufe so früh wie möglich kommen und ambitioniert ausgestaltet sein. Zum anderen müssen Vermietende die Mehrkosten tragen, die mit dem Einsatz für teure Brennstoffe entstehen, damit sie dieses Kostenrisiko in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen und damit Mietende wirksam geschützt sind.“

Klimapolitische Bedeutung über den Gebäudesektor hinaus

Der Gebäudesektor steht schon heute unter Druck. In den vergangenen Jahren hat Deutschland seine Emissionsziele hier mehrfach verfehlt. Wenn die Emissionen im Gebäudebereich langsamer sinken als geplant, müssen andere Sektoren stärker einsparen. Besonders betroffen wären dann Industrie, Verkehr oder Energiewirtschaft.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Das Klimaschutzgesetz arbeitet nicht nur mit Einzelzielen für bestimmte Jahre, sondern auch mit Emissionsbudgets über mehrere Jahre hinweg. Hier zeigt die Analyse ebenfalls eine deutliche Verschlechterung. Selbst wenn einzelne Jahresziele eingehalten werden, würde das Gesamtbudget bis 2040 überschritten.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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