Besorgniserregende Erkenntnis 14.11.2014, 11:19 Uhr

Gesundheitsbedenkliches Mikroplastik: Deutsche Kläranlagen überfordert

Kläranlagen in Deutschland sind beim Filtern von Mikroplastik überfordert, zeigt eine Studie. Die winzigen Partikel aus Duschgels, Zahnpasta und Peelingcremes gelangen in Flüsse und Meere. Und damit in die Nahrungskette des Menschen. 

Kläranlage aus der Luft

Viele Kläranlagen in Deutschland haben Probleme mit Mikroplastik: Die Forscher fanden bis zu 714 Mikroplastikpartikel pro Kubikmeter Wasser. Die gesundheitsbedenklichen Partikel gelangen über Flüsse und Meere in den Nahrungskreislauf des Menschen. 

Foto: PantherMedia / antiksu

Mikroplastik ist als ein Indikator für den Zustand der Weltmeere in die europäische Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) aufgenommen worden. Denn die winzigen Plastikteilchen bergen ein enormes Risiko für die Gesundheit, weil sie Schadstoffe binden und in die Nahrungskette des Menschen gelangen.

Eine großangelegte Untersuchung zeigt nun: Fast alle deutschen Kläranlagen sind mit Mikroplastik hoffnungslos überfordert. Hinter der Forschung steht das Alfred Wegener Institut (AWI), den Auftrag gegeben haben der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWW) und der niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Specht: Erkenntnisse, die bislang niemand hatte

Die Experten des AWI haben in einem aufwändigen Verfahren Abwasser und Klärschlamm aus zwölf Kläranlagen im Verbandsgebiet des OOWW auf Mikroplastik untersucht. „Die Studie liefert wertvolle Erkenntnisse über Plastikrückstände, die bisher niemand hatte“, erklärt OOWW-Geschäftsführer Karsten Specht. „Durch die Anwendung mondernster Verfahren können jetzt Kunststoffe, wie sie beispielsweise in Zahnpasta, Kosmetik, Fleecejacken und Verpackungen verwendet werden, auch im Abwasser konkret zugeordnet werden. Deshalb ist die Studie auch für den Gesetzgeber sowie für Hersteller und für die Industrie relevant.“

Zwei Mitarbeiter der Kläranlage des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV) in Oldenburg (Niedersachsen) führen in einem der Klärbecken ein unbenutztes Filterelement zur Absorption von Mikroplastik aus dem Abwasser vor. Insgesamt sind auf dieser Filtertrommel 72 solcher Filterelemente montiert. 

Zwei Mitarbeiter der Kläranlage des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV) in Oldenburg (Niedersachsen) führen in einem der Klärbecken ein unbenutztes Filterelement zur Absorption von Mikroplastik aus dem Abwasser vor. Insgesamt sind auf dieser Filtertrommel 72 solcher Filterelemente montiert.

Quelle: dpa

Mit modernsten Verfahren sind Spektroskopieverfahren gemeint. Dabei werden Infrarotstrahlen eingesetzt, um Molekülbindungen in Schwingungen zu versetzen. Die Forscher pressen die zu bestimmenden Partikel auf einen Kristall oder tragen sie auf einen Aluminiumoxidfilter auf. Diese Proben analysieren sie dann unter einem Mikroskop. Dadurch ist eine zweifelsfreie Bestimmung der Kunststoffe, wie Polyamid, Polyethylen oder Posystrol, und auch eine sichere Abgrenzung zu natürlichen Materialien möglich.

714 Mikroplastikpartikel pro Kubikmeter Wasser

Und die Wissenschaftler wurden fündig: Sie fanden zwischen 86 und 714 Mikroplastikpartikel pro Kubikmeter Wasser und zwischen 98 und 1479 Fasern. Eine einzige der zwölf untersuchten Kläranlagen verfügt über eine Schlussfiltration mittels eines Tuchfilters. Diese Schlussfiltration reduziert die Gesamtfracht der Mikroplastikpartikel um fast 97 Prozent.

Aufs Jahr hochgerechnet ergibt sich eine beeindruckende Fracht: Je nach Anlagengröße gelangen zwischen 93 Millionen und 8,2 Milliarden Partikel in die Flüsse. Und diese führen bekanntlich allesamt in ein Meer. Almut Kottwitz, Staatssekretärin im niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz, begrüßt die bislang einmalige Pilotstudie: „Seit über 60 Jahren ist Plastik in unterschiedlichster Form in der Verwendung. Doch nie wurde hinterfragt, welche Gefahren davon ausgehen. Wir brauchen jetzt eine bundesweite Untersuchung, wie es um den Eintrag von Mikroplastik in die Nahrungskette bestellt ist. Der Bund muss dafür die nötigen Forschungsmittel bereitstellen.“

Ein Ergebnis der Studie kann allerdings beruhigen: Im Trinkwasser am Wasserhahn des Endverbrauchers fanden die Forscher höchstens sieben Partikel pro Kubikmeter Wasser.  „Dies bestätigt die herausragende Qualität unseres Trinkwassers“, sagt Karsten Specht.

 

  • Detlef Stoller

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