Suche nach der fünften Kraft 23.04.2026, 10:30 Uhr

Sie suchten neue Physik – und fanden nur einen Fehler

Keine fünfte Kraft: Präzise Simulationen beseitigen die Myon-Diskrepanz und stärken das Standardmodell der Teilchenphysik.

Künstlerische Darstellung des Rätsels um das magnetische Moment des Myons

Künstlerische Darstellung des Rätsels um das magnetische Moment des Myons – eines subatomaren Teilchens, das dem Elektron ähnelt, aber schwerer ist als dieses (dargestellt durch den griechischen Buchstaben Mu). Mehr als ein halbes Jahrhundert lang stimmten die Messungen dieser grundlegenden Eigenschaft des Myons nicht mit den theoretischen Vorhersagen überein, was die Hoffnung weckte, dass hinter dieser ungeklärten Diskrepanz neue physikalische Erkenntnisse stecken könnten.

Foto: Dani Zemba / Penn State

Über Jahrzehnte galt eine kleine Abweichung als möglicher Hinweis auf neue Physik. Eine winzige Diskrepanz beim Myon ließ sich nicht vollständig mit dem Standardmodell erklären. Jetzt zeigt eine neue Hochpräzisionsstudie: Diese Lücke schließt sich. Der Grund ist kein neues Naturgesetz, sondern ein Rechenproblem.

Das Standardmodell hat sich über Jahrzehnte als erstaunlich robust erwiesen. Gerade deshalb wird jede Abweichung ernst genommen. Physikerinnen und Physiker suchen gezielt nach solchen Stellen – in der Hoffnung, dass sich dort neue Teilchen oder zusätzliche Kräfte zeigen. Eine der prominentesten dieser Abweichungen betraf das Myon.

Das Wackeln im Magnetfeld

Das Myon ist der schwere Verwandte des Elektrons. Es bringt etwa die 200-fache Masse mit, zerfällt aber nach wenigen Mikrosekunden. Entscheidend ist sein magnetisches Moment – also die Frage, wie stark sich dieses Teilchen wie ein winziger Magnet verhält.

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Setzt man ein Myon in ein Magnetfeld, beginnt es zu präzedieren. Das lässt sich mit einem Kreisel vergleichen, der leicht aus der Achse gerät. Die Quantentheorie liefert dafür einen klaren Referenzwert: exakt zwei.

Doch dieser Idealwert hält der Realität nicht stand. Das Vakuum ist kein leerer Raum. Ständig entstehen kurzzeitig virtuelle Teilchen, die wieder verschwinden. Diese Prozesse beeinflussen das Myon und verschieben sein magnetisches Verhalten minimal. Genau diese Abweichung ist das sogenannte anomale magnetische Moment – kurz g−2.

Die Suche nach der fünften Kraft

Über mehr als 60 Jahre hinweg zeigte sich hier eine hartnäckige Differenz. Die Messwerte und die theoretischen Vorhersagen lagen auseinander – nicht dramatisch, aber konstant.

Die wichtigsten Experimente liefen unter anderem am:

  • CERN
  • Brookhaven National Laboratory
  • Fermi National Accelerator Laboratory

Zeitweise erreichte die Abweichung eine Signifikanz von rund 4 bis 5 Standardabweichungen. In der Teilchenphysik ist das eine Größenordnung, die man nicht ignoriert.

Zoltan Fodor, Physikprofessor an der Penn State University und Hauptautor der Studie, beschreibt die Ausgangslage so: „In den letzten rund 60 Jahren gab es viele Berechnungen, und je präziser sie wurden, desto mehr deuteten sie auf eine Diskrepanz und eine neue Wechselwirkung hin, die die bekannten Gesetze der Physik auf den Kopf stellen würde.“

Genau hier setzten viele Theorien an. Supersymmetrie, zusätzliche Bosonen oder neue Kräfte – das Myon schien ein realistisches Einfallstor zu sein. Mit dem neuen Ergebnis bricht diese Argumentationslinie weitgehend weg.

Das Problem mit der starken Wechselwirkung

Die Ursache für die Unsicherheit lag nicht in den Experimenten. Das Problem steckte in der Theorie selbst – genauer gesagt in der Beschreibung der starken Wechselwirkung.

Diese Kraft bindet Quarks zu Protonen und Neutronen. Sie ist die stärkste der vier Grundkräfte. Und sie verhält sich anders als die meisten bekannten Wechselwirkungen: Mit wachsender Entfernung wird sie nicht schwächer, sondern stärker.

Das macht Berechnungen schwierig. Klassische Näherungsverfahren stoßen hier schnell an Grenzen. Viele frühere Ansätze mussten deshalb experimentelle Daten einbauen, um überhaupt zu belastbaren Ergebnissen zu kommen.

Neue Rechenstrategie statt Umwege

Das Team um Fodor geht einen direkteren Weg. Statt indirekter Methoden berechnen die Forschenden die relevanten Beiträge selbst – mit Hilfe der Gitter-Quantenchromodynamik.

Die Idee ist technisch anspruchsvoll, aber konzeptionell klar:

  • Raum und Zeit werden in ein feines Gitter zerlegt
  • die Gleichungen des Standardmodells werden numerisch gelöst
  • Supercomputer übernehmen die Simulation

Der entscheidende Fortschritt liegt in der Kombination verschiedener Ansätze. Die Forschenden nutzen:

  • Simulationen für kurze und mittlere Distanzen
  • experimentelle Daten für große Abstände
  • deutlich feinere Gitter als in früheren Arbeiten

Der Aufwand ist entsprechend hoch. Rund zehn Jahre Rechenarbeit stecken in der Analyse.

Präzision, die den Unterschied macht

Das Ergebnis ist eine theoretische Vorhersage mit einer Genauigkeit im Bereich von Teilen pro Milliarde. Damit lässt sich das magnetische Moment des Myons so präzise bestimmen wie nie zuvor. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Die Differenz zwischen Theorie und Experiment schrumpft auf unter eine halbe Standardabweichung.

Fodor sagt dazu: „Wir haben eine neue Methode angewendet, um diese Diskrepanzgröße zu berechnen, und wir haben gezeigt, dass sie nicht existiert.“ Und weiter: „Diese neue Wechselwirkung, auf die wir gehofft hatten, ist einfach nicht da.“ Damit verschwindet eine der bekanntesten Anomalien der Teilchenphysik.

Rückschlag für viele Modelle

Für zahlreiche Ansätze jenseits des Standardmodells ist das ein Problem. Das Myon g−2 galt als einer der wenigen experimentellen Hinweise, an denen sich neue Theorien konkret festmachen ließen.

Das betrifft unter anderem:

  • Varianten der Supersymmetrie
  • Modelle mit zusätzlichen Austauschteilchen
  • Hypothesen zu neuen fundamentalen Kräften

Mit dem neuen Ergebnis verlieren diese Modelle einen wichtigen Bezugspunkt. Neue Physik ist damit nicht ausgeschlossen. Aber sie lässt sich schwerer greifen.

Ernüchterung – und ein klarer Befund

Die Reaktion der Forschenden fällt entsprechend gemischt aus. Die erhoffte Entdeckung bleibt aus. Gleichzeitig liefert die Arbeit ein ungewöhnlich starkes Ergebnis zugunsten der bestehenden Theorie.

Fodor formuliert es so: „Die Leute fragen mich, wie es sich anfühlt, diese Entdeckung zu machen, und um ehrlich zu sein, bin ich etwas traurig.“ Und ergänzt: „Wir haben zwar keine fünfte Kraft gefunden, aber wir haben einen sehr schönen und wahrscheinlich den besten Beweis für die Quantentheorie erhalten.“

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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