Sheldon Coopers Whiteboard: Wenn Sitcom-Physik zur Realität wird
Sheldon Coopers Whiteboard im Check: Reale Forschende finden Lösungen für Axionen-Nachweise. Ein tiefer Einblick in die Physik hinter der Kult-Serie.
Was Sheldon Cooper (2. v. l.) nicht schaffte, gelingt realen Physikern: Axionen aus dem Fusionsreaktor.
Foto: picture alliance / Mary Evans/AF Archive/CBS | AF Archive
In der Welt der theoretischen Physik gibt es Momente, in denen die Grenze zwischen Unterhaltung und Wissenschaft verschwimmt. Wer die Serie „The Big Bang Theory“ verfolgt hat, erinnert sich an die komplizierten Gleichungen auf den Whiteboards in der WG von Sheldon Cooper und Leonard Hofstadter. Was viele Zuschauende für bloße Requisiten hielten, war oft fundierte Wissenschaft. Ein spezielles Problem, an dem die fiktiven Genies in der fünften Staffel scheiterten, hat nun seinen Weg in eine echte Fachzeitschrift gefunden.
Ein internationales Forschungsteam präsentiert im Journal of High Energy Physics eine Lösung für eine Frage, die in der Serie mit einem frustrierten Strichmännchen endete. Es geht um Axionen. Diese hypothetischen Teilchen gelten seit Jahrzehnten als einer der heißesten Kandidaten für die Dunkle Materie. Die neue Arbeit zeigt, dass Fusionsreaktoren möglicherweise weit mehr sind als bloße Energiequellen. Sie könnten als sensible Labore für die Teilchenphysik dienen.
Inhaltsverzeichnis
Die Jagd nach den Geisterteilchen
Dunkle Materie stellt die Wissenschaft vor ein Rätsel. Wir sehen sie nicht, wir messen keine Strahlung von ihr, und sie reflektiert kein Licht. Dennoch wissen wir, dass sie da sein muss. Galaxien rotieren mit einer Geschwindigkeit, die sie eigentlich auseinanderreißen müsste. Nur eine unsichtbare, schwere Komponente hält sie zusammen. Axionen könnten dieses fehlende Puzzleteil sein.
Bisher suchen Forschende vor allem im Kosmos nach diesen Teilchen. Man hofft, sie in der Strahlung der Sonne oder als Überbleibsel aus dem frühen Universum zu finden. In „The Big Bang Theory“ versuchten Sheldon und Leonard zu berechnen, ob man Axionen künstlich in einem Fusionsreaktor erzeugen kann. Ihr Ergebnis auf dem Whiteboard war negativ: Die Ausbeute wäre zu gering, der Vergleich mit der Sonne vernichtend.
Warum die TV-Genies falsch lagen
Jure Zupan von der University of Cincinnati leitete die neue Untersuchung. Zusammen mit Fachleuten des MIT und des Fermi National Laboratory nahm er sich das Problem erneut vor. Der Fehler in der fiktiven Rechnung lag im Ansatz. Sheldon und Leonard verglichen den Reaktor eins zu eins mit den Prozessen in der Sonne. „Die Sonne ist ein riesiges Objekt, das viel Energie produziert. Die Wahrscheinlichkeit, dass neue Teilchen von der Sonne erzeugt werden, die zur Erde strömen, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Fusionsreaktoren unter Verwendung derselben Prozesse wie in der Sonne erzeugt werden“, erläutert Zupan die Problematik.
In einem Reaktor auf der Erde herrschen jedoch andere Bedingungen. Die reale Studie konzentriert sich auf Vorgänge, die in der Sonne eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn in einem Fusionsreaktor Deuterium und Tritium verschmelzen, entstehen extrem schnelle Neutronen. Diese Teilchen sind der Schlüssel. Sie prallen mit hoher Energie auf die Wände des Reaktors.
Fusionsreaktoren als Teilchenbeschleuniger
Die Forschenden untersuchten zwei spezifische Prozesse. Erstens: Die Neutronen interagieren direkt mit den Atomkernen der Reaktorwand. Zweitens: Die sogenannte Bremsstrahlung. Dabei verlieren Neutronen Energie durch Ablenkung an anderen Teilchen. Diese freiwerdende Energie kann sich theoretisch in Axionen umwandeln. „Neutronen interagieren mit dem Material in den Wänden. Die daraus resultierenden Kernreaktionen können dann neue Teilchen erzeugen“, so Zupan.
Die Berechnungen zeigen, dass moderne Reaktoren, die etwa mit Lithium ausgekleidet sind, tatsächlich messbare Mengen dieser Teilchen produzieren könnten. Wir sprechen hier nicht von einer massiven Produktion. Aber die Mengen könnten ausreichen, um sie mit speziellen Detektoren direkt vor Ort nachzuweisen. Damit würden Fusionsanlagen eine Doppelfunktion übernehmen: Stromerzeugung für das Netz und Grundlagenforschung auf höchstem Niveau.
Popkultur als Inspirationsquelle
Es ist ungewöhnlich, dass eine Sitcom den Anstoß für eine wissenschaftliche Publikation gibt. Doch „The Big Bang Theory“ legte großen Wert auf fachliche Korrektheit. David Saltzberg, ein Physiker der UCLA, beriet die Produktion jahrelang. „Deshalb ist es als Wissenschaftler so fantastisch, diese Serie zu sehen“, sagt Zupan. Er betont zudem: „Die Witze haben viele Ebenen.“
Dass die reale Forschung nun über die fiktive hinausgeht, zeigt den Fortschritt der theoretischen Modellierung. Die Studie bleibt zwar theoretisch, liefert aber eine präzise Anleitung für zukünftige Experimente. Wenn die ersten großen Fusionsreaktoren in den kommenden Jahren in den Testbetrieb gehen, könnten sie direkt nach Axionen suchen.
Hier geht es zur Originalmeldung
Der Realitätscheck: Sheldons andere Baustellen
Neben den Axionen beschäftigte sich Sheldon Cooper mit den fundamentalsten Fragen der Physik. Viele dieser Themen sind auch im Jahr 2026 noch Gegenstand intensiver Forschung. Wie sieht es also bei den anderen Problemen aus, die den fiktiven Physiker nachts wachhielten?
Das Phantom der magnetischen Monopole
In der dritten Staffel begab sich Sheldon auf eine Expedition in die Arktis. Sein Ziel: Der Nachweis magnetischer Monopole. In unserem Alltag treten Magnete immer mit Nord- und Südpol auf. Zerbricht man einen Magneten, erhält man zwei neue Magnete, die jeweils wieder beide Pole besitzen. Ein Monopol wäre ein Teilchen, das nur eine einzige magnetische Ladung trägt.
In der realen Physik sind diese Teilchen keineswegs ein Hirngespinst. Viele Große Vereinheitlichte Theorien (GUTs) sagen ihre Existenz voraus. Sie wären ein Beweis dafür, dass sich die starken, schwachen und elektromagnetischen Kräfte bei extrem hohen Energien vereinen. Die Realität 2026 sieht jedoch nüchtern aus: Trotz intensiver Suche an Teilchenbeschleunigern und durch die Analyse kosmischer Strahlung gibt es keinen belastbaren Nachweis. Die fiktive Expedition „MANDATE“ in Tibet war reine Erfindung. Die Suche geht weiter, doch Sheldon wäre wohl auch heute noch ohne Beweis.
Stringtheorie: Eleganz ohne Experiment
Sheldons eigentliches Fachgebiet war die heterotische Stringtheorie. Er sah in ihr die „Theorie von allem“. Die Idee: Alles im Universum besteht aus winzigen, schwingenden Fäden. Mathematisch ist das Modell auch heute noch ein Schwergewicht. Physikalisch bleibt es jedoch in einer Sackgasse stecken, die man als „Landscape-Problem“ bezeichnet.
Die Theorie lässt etwa verschiedene Lösungen zu. Jede beschreibt ein potenzielles Universum mit anderen Naturkonstanten. Ohne ein Prinzip, das erklärt, warum wir in genau diesem Universum leben, verliert die Theorie ihre Vorhersagekraft. Forschende hoffen 2026 auf neue Daten der Gravitationswellen-Astronomie. Detektoren wie das geplante LISA-Projekt könnten Signale aus dem Urknall auffangen, die indirekte Hinweise auf Strings liefern. Eine direkte Bestätigung ist jedoch nicht in Sicht. Die Stringtheorie bleibt eine mathematische Schönheit ohne experimentelle Bodenhaftung.
Der Streit um die Quantengravitation
Ein wiederkehrendes Thema in der Serie war die Rivalität zwischen Sheldon und Barry Kripke. Während Sheldon an Strings glaubte, forschte Kripke an der Loop-Quantengravitation (LQG). Dieser Ansatz verfolgt eine andere Strategie: Er versucht nicht, alle Kräfte zu vereinen, sondern die Gravitation quantenmechanisch zu beschreiben.
Die LQG betrachtet den Raum nicht als glatte Bühne, sondern als ein Netz aus diskreten Quanten, sogenannte Spin-Netzwerke. Raum und Zeit wären demnach körnig. Im Jahr 2026 hat die LQG vor allem in der Kosmologie an Boden gewonnen. Modelle zeigen, dass es vor dem Urknall einen „Big Bounce“, also ein kollabierendes Vorgängeruniversum, gegeben haben könnte. Doch genau wie die Stringtheorie leidet auch die LQG unter dem Mangel an überprüfbaren Vorhersagen. Ein klarer Sieger im Duell Cooper gegen Kripke lässt sich auch heute nicht feststellen.
Das Informationsparadoxon Schwarzer Löcher
Ein weiteres Feld, das Sheldon und Leonard oft diskutierten, ist das Schicksal von Informationen in Schwarzen Löchern. Wenn ein Buch in ein Schwarzes Loch fällt, ist die Information darin dann für immer weg? Das würde den Gesetzen der Quantenmechanik widersprechen.
Hier hat die Forschung in den letzten Jahren bedeutende Schritte gemacht. Mit der sogenannten „Island Formula“ konnten Forschende zeigen, dass Information mathematisch erhalten bleibt. Sie wird über Quantenverschränkung nach außen transportiert, während das Schwarze Loch verdampft. Das Paradoxon gilt damit als theoretisch entschärft. Ein Experiment dazu ist allerdings unmöglich, da wir kein Schwarzes Loch im Labor untersuchen können.
Ein Fazit für Skeptiker
Sheldon Cooper hätte an der physikalischen Realität von 2026 vermutlich keine Freude. Er suchte nach der einen, großen Antwort – der Weltformel, die alles erklärt. Stattdessen finden wir in der aktuellen Forschung viele kleine Puzzleteile. Der Nachweis von Axionen in Fusionsreaktoren, wie ihn das Team um Jure Zupan vorschlägt, ist ein solches Teil.
Die Physik lebt heute weniger von den ganz großen Würfen einzelner Genies. Sie ist Teamarbeit und basiert auf der präzisen Analyse technischer Anlagen. Dass eine Sitcom dabei als Brücke dient, zeigt nur, wie tief diese Fragen in unserer Kultur verwurzelt sind. Sheldon lag mit seiner Skepsis gegenüber dem Reaktor falsch, weil er zu sehr in alten Analogien dachte. Die moderne Technik bietet Wege, die selbst ein fiktives Genie nicht auf dem Schirm hatte.
Wären Sie bereit, die Suche nach Dunkler Materie in ein Kraftwerk zu verlagern? Die theoretischen Grundlagen stehen bereit. Nun liegt es an der Ingenieurskunst, die passenden Detektoren für die Reaktoren der Zukunft zu bauen.
Ein Beitrag von: