Zurück in die Asche 22.08.2025, 08:12 Uhr

Pompeji lebte weiter: Neue Funde zeigen das unbekannte Kapitel

Neue Funde zeigen: Pompeji blieb nach 79 n. Chr. nicht verlassen. Menschen kehrten zurück und lebten zwischen Ruinen und Asche.

Pompeji

Pompeji, wie es 79. n.Chr. verschüttet wurde. Neue Forschungen zeigen jedoch, dass dort danach wieder Menschen wohnten.

Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Rossi | -

Wenn wir an Pompeji denken, haben wir meist ein festes Bild vor Augen: eine Stadt, die im Jahr 79 n. Chr. vom Vesuv verschüttet und für immer verlassen wurde. Asche, Bimsstein und glühende Ströme legten sie unter eine dicke Schicht und konservierten Häuser, Straßen und sogar Menschen – ein tragisches Standbild der Antike.

Doch neue Forschungen rütteln an diesem vertrauten Bild. Archäologische Funde zeigen: Pompeji starb nicht abrupt. Menschen kehrten zurück, errichteten notdürftige Unterkünfte und nutzten die Ruinen noch Jahrzehnte nach der Katastrophe. Pompeji war damit nicht nur Symbol des Untergangs, sondern auch der Anpassung und des Überlebens.

Spuren eines unerwarteten Neubeginns

Grabungen im Süden der Stadt brachten Mauern zum Vorschein, die nach dem Ausbruch repariert wurden. Forschende fanden Öfen, Mühlen und provisorische Bauten aus Holz und Lehm. Solche Spuren passen kaum zu der lange gültigen Vorstellung einer eingefrorenen Momentaufnahme.

„Das Pompeji nach 79 n. Chr. war weniger eine Stadt als vielmehr ein prekäres, graues Siedlungsgebiet“, schreiben die Autorinnen und Autoren im Fachjournal Scavi di Pompei. Zwischen Ruinen und Aschehaufen entstanden einfache Hütten – eine Art Übergangssiedlung.

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Pompeji

Solch prachtvollen Gebäude wurde nach der Wiederbesiedelung keine mehr gebaut.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Maciej Olszewski

Leben über den Ascheschichten

Seit dem 18. Jahrhundert konzentrierten sich Ausgrabungen fast ausschließlich auf prachtvolle Fresken und Skulpturen. Spuren des Alltags nach dem Ausbruch gingen dabei verloren – oder wurden absichtlich beiseitegeschafft. Erst moderne Methoden wie die Stratigrafie erlauben es, die Schichten über der Katastrophe genauer zu datieren.

Dabei fanden Archäolog*innen Abfallgruben, Holzkohlereste und reparierte Mauern. Radiokarbondatierungen belegen: Noch Jahrzehnte nach dem Ausbruch war Pompeji belebt.

Wer kehrte zurück – und aus welchen Gründen?

Warum Menschen in eine zerstörte, von Gefahr gezeichnete Stadt zurückkehrten, bleibt offen. Doch mehrere Gründe sind denkbar:

  • Fruchtbarer Boden: Die vulkanische Asche machte die Region besonders ertragreich.
  • Vorhandene Strukturen: Straßen, Zisternen und Mauern waren weiterhin nutzbar.
  • Sozialer Besitz: Häuser und Land hatten für römische Familien hohen symbolischen Wert.
  • Baumaterial: Ziegel, Steine und Holz ließen sich leicht wiederverwenden.

Möglich ist auch, dass mittellose Menschen in den Ruinen eine Chance sahen – manche zunächst als Schatzsucher, andere als Siedler.

Wandmalerein Pompeji

Die Wandmalereien stammen aus einer Zeit, in der in Pompeji noch Prunk gelebt wurde – also vor dem Vulkanausbruch.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Maciej Olszewski

Zeichen von Alltag und Arbeit

Keramikfragmente, die aus späteren Produktionsserien stammen, deuten auf alltägliche Nutzung hin. Auch Münzen liefern klare Hinweise. Forschende fanden Stücke, die aus den Regierungszeiten von Domitian (81–96 n. Chr.) und sogar Trajan (98–117 n. Chr.) stammen.

Solche Funde zeigen, dass Pompeji nicht nur kurz nach dem Ausbruch betreten wurde. Die Stadt spielte noch Jahrzehnte später eine Rolle – wenn auch nicht mehr als organisierte römische Stadt.

Provisorien statt Luxus

Aus der einst wohlhabenden Stadt wurde allerdings keine Metropole mehr. Stattdessen dominierten Provisorien. Räume in oberen Stockwerken wurden bewohnt, Erdgeschosse als Keller genutzt. Dächer waren notdürftig geflickt, Mauern stabilisiert.

Von Thermen, Tempeln oder einem funktionierenden Stadtsystem konnte keine Rede mehr sein – Pompeji war ein Ort der Improvisation.

Schwierige Spurensuche

Die Wiederbesiedelung nachzuweisen, ist kompliziert. Spuren menschlicher Aktivität lassen sich oft schwer von Plünderungen, Erosion oder den Eingriffen früherer Ausgrabungen unterscheiden.

Das Forschungsteam kombinierte mehrere Methoden:

  • Stratigrafie – zeitliche Einordnung über Erdschichten
  • Keramiktypologie – Analyse von Stil und Herstellungstechniken
  • Bauarchäologie – Untersuchung von Mörtelarten und Reparaturen
  • Geochemie – Unterscheidung von vulkanischen und menschlichen Ablagerungen

Das Ergebnis ist eindeutig: Pompeji war kein starrer Ort, sondern ein dynamischer Raum, mehrfach genutzt und umgestaltet.

Religiöse Spuren und Rohstofflager

Einige Heiligtümer zeigen Spuren nachträglicher Nutzung. Vermutlich versuchten Menschen, durch Rituale das Unglück zu deuten oder mit ihm umzugehen. In einer Zeit, in der Götter und Schicksal den Alltag bestimmten, war dies naheliegend.

Gleichzeitig diente Pompeji als Steinbruch: Säulen, Ziegel und Marmorplatten wurden entfernt und andernorts verbaut. Die Umgebung blieb landwirtschaftlich aktiv – Wein und Getreide gediehen auf den nährstoffreichen Böden.

Das langsame Ende

Wann Pompeji endgültig aufgegeben wurde, ist unklar. Lange nahm man an, dies sei sofort nach 79 n. Chr. geschehen. Doch Funde legen nahe, dass die Stadt erst zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert vollständig verfiel.

So wandelt sich das Bild: Pompeji war nicht nur ein Ort des plötzlichen Untergangs, sondern auch ein Ort des zähen Weiterlebens – ein Mahnmal der Katastrophe und zugleich ein Zeugnis menschlicher Beharrlichkeit.

Hier geht es zur Studie (PDF)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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