Kunststoffe in Lebensmitteln 20.05.2025, 17:30 Uhr

Mikroplastik: Forschung warnt vor Risiken fürs Gehirn

Gibt es eine Verbindung zwischen Ernährung, Mikroplastik und psychischer Gesundheit? Eine Artikelreihe in „Brain Medicine“ legt nahe, dass sich Mikroplastik aus stark verarbeiteten Lebensmitteln im Gehirn anreichert und möglicherweise Depressionen und Demenz begünstigt.

Mikroplastik

Du bist, was du isst - Mikroplastik in stark verarbeiteten Nahrungsmitteln kann krank machen.

Foto: PantherMedia / rochu_2008

In der Mai-Ausgabe der Fachzeitschrift „Brain Medicine“ beleuchten vier wissenschaftliche Beiträge erstmals umfassend, wie Mikroplastik aus stark verarbeiteten Lebensmitteln im menschlichen Gehirn nachweisbar ist und was es im Körper anrichtet. Die Autorinnen und Autoren führen aus, dass die winzigen Kunststoffpartikel, die in ultra-verarbeiteten Nahrungsmitteln in besonders hoher Konzentration vorkommen, mit dem Anstieg psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Demenz in Zusammenhang stehen könnten. Die Artikelreihe bietet die bislang detaillierteste Übersicht über die biologischen Mechanismen, durch die Mikroplastik die Gesundheit des Gehirns beeinflussen könnte.

Im Fokus steht dabei die Frage, wie diese Partikel biologische Prozesse stören und so das Risiko für psychische Störungen erhöhen könnten. Das Titelbild der aktuellen Ausgabe von „Brain Medicine“ illustriert die zentrale Erkenntnis eindrucksvoll: Ein menschliches Gehirn ist mit bunten Mikroplastikpartikeln übersät, daneben liegt ein Plastiklöffel. Dies verdeutlicht, dass sich im Gehirn eines Menschen eine Menge Mikroplastik ansammeln kann, die der Größe eines Löffels entspricht.

Mikroplastik: Verbindung zu psychischen Erkrankungen?

Im Leitartikel argumentieren Dr. Nicholas Fabiano und sein Team, dass die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Mikroplastik und psychischen Erkrankungen immer stärker werden. Sie betonen, dass besonders stark verarbeitete Lebensmittel in westlichen Ländern mittlerweile einen Großteil der täglichen Energiezufuhr ausmachen und deutlich mehr Mikroplastik enthalten als unverarbeitete Nahrungsmittel: Mikroplastik kommt etwa in Chicken Nuggets bis zu dreißigmal häufiger vor als in naturbelassener Hühnerbrust. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Partikel die Blut-Hirn-Schranke überwinden und sich in besorgniserregenden Mengen im Gehirn ablagern können. Die Forschenden zitieren Studien, wonach der Verzehr von stark verarbeiteten Lebensmitteln mit einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen einhergeht.

Aktuelle Daten, die eine direkte Messung von Mikroplastik im menschlichen Gehirn ermöglichen, unterstützen die Hypothese der Forschenden: Die Konzentration dieser Partikel bei Menschen mit diagnostizierter Demenz liegt drei- bis fünfmal höher als bei gesunden Personen. Um die Belastung besser zu erfassen, regen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Entwicklung eines sogenannten Dietary Microplastic Index (DMI) an, mit dem sich die Aufnahme von Mikroplastik durch Lebensmittel systematisch messen ließe.

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Wie Mikroplastik das Gehirn beeinflusst

Dr. Wolfgang Marx und seine Kollegen heben hervor, dass sich die schädlichen Wirkungen von Mikroplastik und ultra-verarbeiteten Lebensmitteln in vielerlei Hinsicht ähneln. Beide führen zu Entzündungen, oxidativem Stress und Störungen der Mitochondrienfunktion im Gehirn. Zudem beeinflussen sie epigenetische Prozesse und die Signalübertragung von Neurotransmittern, was wiederum die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann. Die Forschenden schlagen vor, zukünftig gezielt zu untersuchen, wie Mikroplastik im menschlichen Körper nachgewiesen und möglicherweise entfernt werden kann.

Ein anderer Beitrag der Sonderausgabe widmet sich der Frage, ob therapeutische Apherese – ein Verfahren, bei dem das Blut außerhalb des Körpers gefiltert wird – dazu beitragen könnte, Mikroplastikpartikel aus dem menschlichen Kreislauf zu entfernen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Methode das Potenzial dazu hat, weitere Forschung ist dazu notwendig. Mikroplastik in der Nahrung  sollte zudem durch bewusste Lebensmittelauswahl und alternative Verpackungen reduziert werden.

Ein Weckruf für Wissenschaft und Gesellschaft

Ein Gastkommentar von Dr. Ma-Li Wong rundet die Artikelreihe ab. Der Beitrag ordnet die Forschungsergebnisse als Wendepunkt im Umgang mit Umweltgiften und Gehirngesundheit ein: „Was sich aus dieser Arbeit ergibt, ist keine Warnung. Es ist eine Abrechnung.“ Die Wissenschaftlerin warnt eindringlich davor, dass die Grenze zwischen äußerer Umwelt und innerem Körper zunehmend verschwimmt, wenn Mikroplastik die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Alle Forschenden betonen, dass der gleichzeitige Anstieg von Mikroplastikbelastung, dem Konsum sehr stark verarbeiteter Lebensmittel und psychischen Erkrankungen ein ernstzunehmendes Warnsignal ist. Dr. Fabiano fasst es so zusammen: „Schließlich bist du, was du isst.“ Die Artikel der Mai-Ausgabe 2025 von „Brain Medicine“ sind ab dem 20. Mai 2025 frei zugänglich.

Ein Beitrag von:

  • Anke Benstem

    Anke Benstem ist freie Journalistin, Buchautorin und Texterin. Sie gehört zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Klima und Umwelt.

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