Quantensensorik im Fokus 21.04.2026, 08:54 Uhr

Diamant-Sensoren: Wie 4 % Dehnung die Quantenwelt verändern

4 % Dehnung reichen: Diamantdefekte wechseln ihren Zustand und liefern präzise Messsignale für Quantensensoren.

Kristallgitters eines Diamanten

Computermodelle zeigen, wie sich durch Dehnen und Stauchen des Kristallgitters eines Diamanten die dynamischen Quantenzustände von Silizium-Leerstellen-Defekten präzise steuern lassen, was den Weg für hochadaptive, ultrapräzise Quantensensoren ebnet.

Foto: SUTD

Ein winziger Fehler im perfekten Gitter eines Diamanten klingt zunächst nach einem Makel. Für die Quantentechnologie sind genau diese Fehlstellen jedoch wertvoll. Forschende der Singapore University of Technology and Design (SUTD) und der Yangzhou University haben nun herausgefunden, dass sich die Quanteneigenschaften dieser Defekte durch mechanische Kraft präzise steuern lassen. Besonders ein Schwellenwert von 4 % Dehnung spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Wenn Fehlstellen im Diamanten arbeiten

Im Zentrum der Untersuchung stehen sogenannte Farbzentren. Das sind Gitterdefekte, bei denen ein Kohlenstoffatom fehlt oder durch ein Fremdatom ersetzt ist. Diese Stellen besitzen eigene elektronische Zustände. Sie können Licht emittieren oder Spins tragen.

Das Silizium-Lücken-Zentrum (SiV) gilt dabei als besonders stabil. Es sendet Licht mit klaren spektralen Eigenschaften aus und lässt sich vergleichsweise gut kontrollieren. Deshalb wird es intensiv für die Quantensensorik und Quantenkommunikation untersucht. Bislang lag der Fokus in der Forschung darauf, diese Zentren möglichst stabil zu betreiben. Die neuen Simulationen zeigen jedoch: Das Diamantgitter spielt aktiv mit. Der Defekt reagiert unmittelbar auf mechanische Verformung.

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Die Schwelle, an der das System kippt

Unter Druck passiert wenig Überraschendes. Die Struktur des SiV-Zentrums bleibt weitgehend erhalten, die Symmetrie ändert sich kaum. Unter Zugbelastung sieht das jedoch anders aus:

  • Unter 4 % Dehnung: Das Zentrum passt sich an. Die Änderungen der Quantenzustände bleiben kontinuierlich.
  • Ab etwa 4 % Dehnung: Die ursprüngliche Struktur wird instabil. Der Defekt geht in eine neue Anordnung über. Damit ändern sich auch seine quantenmechanischen Eigenschaften fundamental.

Für Sie als Ingenieurin oder Ingenieur ist wichtig: 4 % Dehnung sind für Diamant ein extrem hoher Wert. Solche Spannungen treten in der Praxis nicht flächig auf, sondern lokal – etwa in Nanostrukturen oder gezielt vorgespannten Bauteilen.

Was im Inneren des Kristalls passiert

Der Übergang ist kein Zufall. Mit der Dehnung ändern sich die Atomabstände im Gitter. Dadurch verschieben sich Orbitalüberlappungen und Energieniveaus. Ab einer bestimmten Grenze ist die ursprüngliche Symmetrie energetisch nicht mehr haltbar. Das System sucht sich einen stabileren Zustand. Genau an diesem Punkt ändert sich das Verhalten des Defekts.

Licht als direktes Messsignal

Diese strukturelle Änderung bleibt nicht verborgen. Sie zeigt sich unmittelbar im emittierten Licht. Wellenlänge und Intensität verschieben sich mit der mechanischen Belastung. Professor Yunliang Yue ordnet das Potenzial so ein:

„Diese optischen Veränderungen wirken wie ein eingebautes Lineal. Indem wir einfach das vom Defekt emittierte Licht messen, können wir ableiten, wie stark das Material komprimiert oder gedehnt wird.“

Das ist der praktische Kern der Entdeckung: Das System liefert Ihnen ein direkt auslesbares, optisches Signal für mechanische Spannung auf atomarer Ebene.

Zweiter Zugriff über den Spin

Neben der Optik verändert sich auch der Spin-Zustand des Defekts. Das ist für Verfahren wie die Elektronenspinresonanz relevant. Die Messung kann damit über zwei Wege erfolgen: über optische Signale und über magnetische Eigenschaften. Das erhöht die Robustheit der Auswertung und eröffnet kombinierte Sensorkonzepte.

Dr. Shibo Fang betont die Relevanz für die Anwendung: „Besonders spannend ist die Vorhersagbarkeit der Reaktion. Der Defekt verhält sich unter Belastung in hohem Maße kontrollierbar, was genau das ist, was für zuverlässige Sensortechnologien erforderlich ist.“

Anwendung in der Hochtechnologie

Die Ergebnisse lassen sich direkt in technische Innovationen übersetzen. Denken Sie etwa an:

  • Nanosensorik: Hochpräzise Druck- und Dehnungssensoren im Nanobereich.
  • Zustandsüberwachung: Kontrolle mechanischer Spannungen innerhalb von Halbleiter-Chips.
  • Materialforschung: Einsatz in Hochdruckzellen zur Untersuchung extremer Zustände.
  • Photonik: Integration in Bauelemente, die Lichtsignale mechanisch schalten.

Der entscheidende Punkt für die Praxis: Schon einzelne Defekte können als Sensor wirken. Die 4-%-Marke markiert dabei den Übergang von einem kontinuierlichen Verhalten zu einem strukturellen Wechsel.

Professor Yee Sin Ang fasst zusammen: „Diese Arbeit liefert sowohl grundlegendes Verständnis als auch praktische Anleitungen für die Entwicklung von Quantendefekten in realen Anwendungen.“

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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