Feinmechanik der Steinzeit 21.01.2026, 21:05 Uhr

500.000 Jahre alt und sehr präzise: Europas erster Knochenhammer

500.000 Jahre alter Knochenhammer aus England zeigt frühe Präzision beim Schärfen von Steinwerkzeugen. Analyse aus Boxgrove.

Das Artefakt aus Elefantenknochen mit der flachen Schlagfläche.

Das Artefakt aus Elefantenknochen mit der flachen Schlagfläche.

Foto: NHM Photo Unit

Stein war zu hart. Zu hart für feine Korrekturen. Wer vor 500.000 Jahren eine stumpfe Schneide nachschärfen wollte, brauchte Kontrolle statt Kraft. Genau hier setzt ein Fund aus Südengland an. In Boxgrove entdeckten Archäologinnen und Archäologen ein kleines, unscheinbares, aber funktional durchdachtes Werkzeug aus Elefantenknochen. Der Hammer zeugt von Menschen, die Materialeigenschaften kannten, Werkzeuge pflegten und Arbeitsprozesse planten.

Ein Hammer, der fein arbeiten konnte

Das Stück misst rund 11 cm in der Länge, 6 cm in der Breite und etwa 3 cm in der Dicke. Seine dreieckige Form wirkt nicht zufällig. Die Oberfläche zeigt Kerben und Einschlagspuren. In einigen Rillen stecken winzige Feuersteinpartikel. Das passt zu einem sogenannten Retuschewerkzeug: einem „weichen Hammer“, mit dem Kanten von Steinwerkzeugen nachgeschärft wurden. Knochen ist weicher als Stein. Genau das erlaubt kontrollierte Schläge, ohne die Schneide zu zerbrechen.

Die Analysen stützen sich auf 3D-Scans und Elektronenmikroskope. Sie zeigen wiederholte Nutzung. Das Werkzeug kam nicht nur einmal zum Einsatz, sondern über längere Zeit.

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Materialwahl mit System

Gefertigt ist der Hammer überwiegend aus der dichten äußeren Knochenschicht, der Kortikalis. Diese Schicht ist stabil genug, um Schläge auszuhalten. Die Dicke weist auf Elefant oder Mammut hin; für eine genaue Artbestimmung fehlt Material. Entscheidend ist die Auswahl selbst. Große Tiere waren im damaligen Südengland selten. Wer ihren Knochen nutzte, erkannte den Wert des Materials und bewahrte es offenbar auf.

Hauptautor Simon Parfitt (UCL Institute of Archaeology, zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter am Natural History Museum) ordnet den Fund so ein: „Diese bemerkenswerte Entdeckung zeigt den Einfallsreichtum und die Findigkeit unserer Vorfahren. Sie verfügten nicht nur über ein tiefes Wissen über die lokalen Materialien in ihrer Umgebung, sondern auch über ein ausgeprägtes Verständnis dafür, wie man hochentwickelte Steinwerkzeuge herstellt. Elefantenknochen waren eine seltene, aber äußerst nützliche Ressource, und es ist wahrscheinlich, dass dieses Werkzeug einen beträchtlichen Wert hatte.“

Wer hat den Hammer benutzt?

Zeitlich passt der Fund zu frühen Neandertalern oder zu Homo heidelbergensis. Beide Gruppen nutzten Faustkeile und andere Geräte aus Feuerstein. Ein Retuschewerkzeug erlaubt es, stumpfe Kanten gezielt zu erneuern. Das spricht für geplantes Vorgehen und für Kenntnisse über Materialeigenschaften.

Boxgrove als Schlüsselstelle

Gefunden wurde das Werkzeug in Boxgrove bei Chichester in West Sussex. Die Fundstelle ist seit Jahrzehnten bekannt. Sie lieferte zahlreiche Stein- und Knochenfunde. Ein Werkzeug aus Elefantenknochen fehlte bislang. Entdeckt wurde das Fragment zwar schon Anfang der 1990er-Jahre, aber erst die jüngste Durchsicht erkannte seine Funktion eindeutig.

Unklar bleibt, ob das Tier gejagt wurde oder ob der Knochen von einem Kadaver stammt. Einige Verformungen deuten darauf hin, dass der Knochen noch relativ frisch war, als man ihn formte und einsetzte.

Europa im Vergleich

Außerhalb Europas sind Knochenwerkzeuge aus Elefantenmaterial deutlich älter. In der Olduvai Gorge in Tansania reichen sie bis etwa 1,5 Mio. Jahre zurück. In Europa sind entsprechende Funde selten. Die meisten bekannten Stücke sind jünger als 43.000 Jahre, also aus der Zeit, in der sich der moderne Mensch ausbreitete. Der Boxgrove-Hammer schiebt die europäische Nutzung solcher Materialien weit nach vorn.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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